Karriere : „Gründen ist wie Monopoly spielen“

Mit seiner Firma Spreadshirt ist Lukasz Gadowski zum Vorbild einer neuen Gründergeneration geworden. Jetzt hilft er jungen Unternehmern auf die Sprünge. Was er Existenzgründern mit auf den Weg gibt

Herr Gadowski, Sie gelten als Leitfigur der neuen Gründergeneration. Warum?

Ich bin erfolgreicher Unternehmer und damals bei null gestartet. Bei Spreadshirt gab es keine Investoren, ich habe alles allein gemacht. Außerdem habe ich studiVZ mitgegründet und noch andere Unternehmen, die vielleicht nicht so prominent, aber in der Szene sehr bekannt sind. Und ich kommuniziere in meinem Blog Gründerszene sehr intensiv mit der Community. So bleibe ich mit den Leuten im Gespräch und kann Unternehmertum fördern.

Leiden wir im internationalen Vergleich unter einem Mangel an Unternehmergeist?

Ich bin ein großer Fan von Unternehmertum und glaube, dass Deutschland hier riesigen Nachholbedarf hat. Viele sind nicht besonders ambitioniert und risikoscheu. Hier wird zu lange und zu theoretisch ausgebildet. Wenn die Ausbildung abgeschlossen ist, sind viele recht alt und wollen bald nach den ersten beruflichen Schritten eine Familie. Familie und Firmengründung? Das geht nicht gut.

Warum?

Eine Unternehmensgründung fordert einen voll und ganz. Da bleibt kaum Zeit für eine Familie. Zudem ist Unternehmertum riskant und ungewiss, ähnlich wie beim Monopoly spielen, wenn man eine Ereigniskarte zieht.

Ihre ersten beiden Gründungen, eine Beratungsfirma und der SMS-Preisvergleich bCode, sind gescheitert. Mit Spreadshirt haben Sie 2002 dennoch den nächsten Versuch gestartet. Hatten Sie keine Bedenken?

Ganz im Gegenteil. Das hat mich angestachelt, ich wollte unbedingt zeigen, dass ich es kann. Gerade nach der bCode-Erfahrung. Und wenn ich kein Glück mit Spreadshirt gehabt hätte, dann hätte ich das Nächste versucht. Es ist auch ein bisschen das Prinzip: try – fail, try – succeed. Ich habe über die Fehler der ersten Gründungen nachgedacht und mir gesagt, du musst weitere Erfahrungen sammeln. Also habe ich Praktika gemacht.

Was für Praktika?

Zum Beispiel beim Startup Mundwerk hier in Berlin. Viele, die heute in der Gründerszene eine Rolle spielen, haben da 2001 als Praktikanten gearbeitet: Jan Miczaika von Hitflip, Christian Vollmann von MyVideo oder Sebastian Rieschel von Smava. Ehssan Dariani, der spätere Gründer von StudiVZ, hatte mir das Praktikum damals vermittelt.

Das Praktikum hat sich offensichtlich bezahlt gemacht.

Ja. Die wichtige Message dahinter ist, dass man nicht aufgeben darf. Ich wollte unbedingt Unternehmer sein. Und ab einem bestimmten Zeitpunkt gab es für mich auch keine andere Wahl mehr. Unternehmensberater hätte ich kaum werden können. Ich habe zwar sehr früh viel Praxiserfahrung gesammelt, aber meine Uni-Noten haben darunter gelitten.

Aufgeben gilt nicht. Auch dann nicht, wenn die Banken den Kredit ablehnen?

Bei den Banken macht man seine ganz eigenen Erfahrungen. Klar, man muss dorthin. Aber eigentlich verschwendet man da seine Zeit. Die Wahrscheinlichkeit, dort den richtigen Ansprechpartner zu finden, ist extrem gering. Ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn man nicht einmal erklären darf, wofür man das Geld braucht. Wenn man gleich beim Pförtner abblitzt.

Welche Qualitäten machen Gründer aus?

Wille und die richtige Motivation. Man braucht Durchsetzungsfähigkeit, sogar Aggressivität. Man muss immer neue Wege finden und natürlich bereit sein, sehr viel zu arbeiten. Man muss begeisterungsfähig sein, und muss diese Begeisterung auch bei anderen wecken. Führungsstärke ist wichtig, und man muss das Produkt verkaufen können: bei Mitarbeitern und bei potenziellen Investoren.

Hatten Sie angesichts der Verantwortung und des Risikos nie schlaflose Nächte?

Nein, eigentlich nicht. Bei Spreadshirt gab es anfangs Situationen, da hätte es scheitern können. Ich hatte keine Finanzierung und ich brauchte Partner für die Logistik und die IT. Aber schlaflose Nächte hatte ich nicht, dafür war noch zu wenig Struktur da, meine Existenz stand nicht auf dem Spiel und ich musste mir auch keine Sorgen um die Arbeitsplätze der Mitarbeiter machen. Die gab es ja noch nicht.

Sie haben die meisten Freunde in der Gründerszene.

Das ist in jedem Berufszweig so. Die Leute, mit denen man arbeitet, die man mag, die trifft man häufig – auch privat. Man spricht über Projekte. Bei uns ist es vielleicht noch etwas extremer.

Das klingt nach der Gründer-Posse in Berlin. Sie treffen sich also abends mit anderen Investoren wie Ehssan Dariani beim Bier und überlegen sich, bei welchen Startups Sie investieren?

Ja, so ungefähr. Die Szene trifft sich regelmäßig auf Konferenzen. Es gibt Tagungen, das European Founders Forum und andere Veranstaltungen. Wir tauschen uns aus und erzählen, was neu und interessant ist.

Von wie vielen Gründern werden Sie um Hilfe gefragt?

Ungefähr zehn pro Woche.

Und wie viele taugen davon zur Gründung?

Wenige, vielleicht fünf Prozent. Aber ich bemühe mich immer darum, den Leuten ein ehrliches Feedback zu geben und zu erklären, woran es hapert. Ich will die Leute nicht entmutigen.

Aber?

Manche Anfragen sind wohl nicht besonders ernsthaft. Zwei Typen haben mir einmal berichtet, dass sie eine Sport-Community gründen wollen, obwohl es davon schon fünf oder sechs Stück gibt. Ich habe zwei Minuten mit denen geredet und plötzlich wollten sie keine Sport-Community mehr machen. Wenn ich jemanden in so kurzer Zeit von seiner Idee abbringen kann, dann ist das Konzept nichts wert.

Stimmt es, dass Ihr Geld für die Gründung von StudiVZ aus dem Dispo-Kredit der Sparkasse Kassel kam?

Ja, das stimmt. Dabei ist es weniger um das Geld gegangen, sondern um jede sonstige Unterstützung. Etwa das Heranholen weiterer Investoren und Beratung.

Welche Bedeutung haben erfolgreiche Startups wie StudiVZ oder auch Spreadshirt für die deutsche Gründerszene?

Das spornt die Leute an. Ähnliches werden jetzt viele Leute versuchen. Einige davon sind Glücksritter und werden es nicht schaffen. Aber die Leute, die dranbleiben, haben gute Chancen. In Deutschland gab es lange Zeit kein Ecosystem wie in Silicon Valley.

Mittlerweile wurde studiVZ an die Holtzbrinck-Gruppe verkauft. Schmerzt es, wenn man sein Baby in fremde Hände gibt?

Klar mache ich mir meine Gedanken. Man fragt sich, ob es der richtige Zeitpunkt für den Verkauf war oder was man jetzt damit machen könnte. Aber ich freue mich natürlich, dass es weiterhin so erfolgreich ist.

Sie konzentrieren sich auf Internet-Startups. Würden Sie auch in andere Branchen, etwa Maschinenbau, investieren?

Ich habe mir andere Sachen angeschaut. Aber da kenne ich mich nicht so gut aus und kann deshalb nicht so stark helfen. Ich investiere ja auch nicht wirklich viel Geld. Als Privatperson bin ich vielleicht wohlhabend, aber als Investor bin ich ein kleines Licht. Bei mir geht es weniger um das Kapital, sondern ich liefere Kontakte, Erfahrung und Know-how.

Welchen Rat geben Sie jungen Gründern?

Das Gründerteam ist enorm wichtig, das wird oft unterschätzt. Ein häufiger Anfängerfehler ist, dass man mit seinen Freunden gründet. Das ist aber nicht immer gut. Auch wenn die gemeinsame Idee gut ist, fällt einem oft nach einiger Zeit auf: Freunde sind keine optimalen Gründungspartner.

Die operative Leitung von Spreadshirt haben Sie abgegeben. Die Routine der täglichen Arbeit liegt Ihnen offenbar nicht.

Die Frage ist: Wovon ist man wie begeistert? Spreadshirt hat auch in der späteren Phase großen Spaß gemacht. Aber ich möchte diese Gründungswelle begleiten und moderieren. Das finde ich spannender, und das entspricht mehr meinen Stärken. Beides auf einmal geht nicht.

Sie sind erst 30 Jahre alt. Was sind denn Ihre weiteren Ziele?

Ich möchte noch eine Zeitlang möglichst viele Unternehmen begleiten. Später möchte ich dann sicher wieder ein eigenes, richtig großes Unternehmen gründen. Aber eine konkrete Idee dafür habe ich noch nicht.

Die Fragen stellten Gero Lawecki und Sven Scheffler. (Interview aus dem Magazin „Junge Karriere“)

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