Karriere : Günstig streiten

Gerade in Krisenzeiten gibt es in vielen Firmen Krach. Gute Konfliktseminare helfen – und sind schon für 60 Euro zu haben

Philipp Eins
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Wenn die Fetzen fliegen. Wer ein Seminar in Konfliktmanagement besucht hat, arbeitet nicht nur entspannter – er beflügelt auch...Digitalvision/BMWA

Seit Wochen schon muss Bernd C. fast täglich die verbalen Attacken seines Kollegen ertragen. Sein Arbeitsstil passe nicht zum Unternehmen, heißt es. Er sei zu langsam, setze falsche Prioritäten. Bernd C. fiel zunächst aus allen Wolken. Seit kurzem arbeitet der Controller in der Abteilung, sein alter Chef hatte nie etwas auszusetzen. Er schaltete auf stur – was den Anderen noch wütender machte.

Nun stehen sich beide im Großraumbüro gegenüber, schreien sich die Wut ins Gesicht: „Was willst du von mir?“ – „Halt bloß dein Maul!“ Die übrigen Mitarbeiter sitzen tonlos vor ihren Bildschirmen und lassen das Spektakel über sich ergehen. Bis beide in ihren Zimmern verschwinden und die Türen krachend ins Schloss werfen.

Das Beispiel ist ausgedacht – doch die Realität in vielen deutschen Unternehmen sieht ähnlich aus. Zum einen sollen Mitarbeiter immer öfter in Teams arbeiten, was zu Streit führt und den Vorgesetzten hohe Führungsqualitäten abverlangt. Zum anderen steigt nach Ansicht des Konfliktforschers Lars Kirchhoff von der Universität Frankfurt an der Oder der Konkurrenzdruck – besonders dann, wenn in Krisenzeiten Standorte zusammengelegt und Mitarbeiter entlassen werden.

Abhilfe können Kurse in Konfliktmanagement schaffen. Die Stiftung Warentest hat für ihr neues „test Spezial Karriere“ deutschlandweit 30 Angebote untersucht und fand heraus: Qualität muss bei der Weiterbildung nicht teuer sein.

WENIG GELD FÜR GUTES TRAINING

Während die Testsieger, die bundesweiten Anbieter „Deutsche Telekom Training“ und die „Haufe Akademie“, rund 1500 Euro für ein zweitägiges Seminar verlangen, ist ein guter Kurs an der Volkshochschule Berlin-Mitte schon ab 62 Euro zu haben. „Inhaltlich sind beide Angebote vergleichbar“, sagt Nina Gerstenberg, Ressortleiterin Weiterbildung bei der Stiftung Warentest. In ihrer Zielgruppe unterscheiden sich die Kurse jedoch deutlich.

So setzt man beim „Deutsche Telekom Training“ vor allem auf Firmenkunden. „Wir bieten auch Inhouse-Seminare für Führungskräfte aus Industrie und Wirtschaft an“, erklärt Achim Scharringhausen von der Abteilung Managed Training Services. „Wir gehen in die Unternehmen und arbeiten direkt an den Konflikten, zum Beispiel in Führungsetagen.“ Bei offenen Seminaren des privaten Anbieters spiele zudem der Ausbau beruflicher Netzwerke eine große Rolle. „Dort tauschen die Teilnehmer meist Visitenkarten aus oder geben Teilnehmerlisten herum“, so Nina Gerstenberg.

Bei der Volkshochschule ist das anders. „Wegen des kleinen Entgelts kommen eher private Interessenten in unsere Kurse“, sagt Jürgen Czasch, Programmbereichsleiter an der VHS Berlin-Mitte. Auch der Vorstand eines Rudervereins oder Elternsprecher, die in ihrer Funktion viele Konflikte durchstehen müssen, bilden sich dort weiter. Bei dem kleinen Preis sind die Lerngruppen meist etwas größer: Bis zu zwölf Teilnehmer üben an der Volkshochschule, in privaten Kursen sind es oft nur fünf.

AUF DIE PRAXIS KOMMT ES AN

Über die fachliche Qualität sagt der Preis nichts aus. Gute und schlechte Kurse unterscheiden sich vor allem in ihrem Praxisanteil. „Frontalunterricht bringt nichts“, sagt Nina Gerstenberg. „Es ist wichtig, Konfliktsituationen in Rollenspielen mehrmals durchzuspielen.“ Nur so könne man lernen, sich in brenzligen Situationen sachlich, aber effektiv zu wehren.

Die Faustregel lautet: Etwa die Hälfte der Zeit sollte verwendet werden, um die Teilnehmer in die theoretischen Grundlagen einzuführen. Dabei werden auch verschiedene Formen von Konflikten erörtert. Während ein „heißer Konflikt“ meist unmittelbar zurückliegt, steht der „kalte Konflikt“ für jahrelange Grabenkämpfe zwischen Abteilungen. Jedem Zwist müssen die Teilnehmer mit anderen Tricks begegnen – wie das geht, lernen sie in der praktischen Gruppenarbeit, die die andere Hälfte der Zeit ausfüllen sollte.

In den besseren Seminaren sei zudem erwünscht, dass die Teilnehmer über ihren eigenen Streit am Arbeitsplatz berichten. „Nicht alle wollen davon erzählen – aber die Chance sollte da sein.“ Der Trainer könne verstrickte Situationen aus der Distanz besser beurteilen.

VORSICHT BEI DEN VERTRÄGEN

Bevor man einen Vertrag für einen Kurs unterschreibt, sollte man sich die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) genau durchlesen. So sind der Stiftung Warentest einige Anbieter negativ aufgefallen, die den Teilnehmern schon zweieinhalb bis drei Monate vor Kursbeginn eine Rechnung schickten. In Ordnung seien Vorauszahlung jedoch nur etwa zwei Wochen vor dem Seminar.

Zudem sollte man darauf achten, dass der Veranstalter nicht kurzfristig seinen Kursort verschieben darf, zum Beispiel in eine andere Stadt. In einem solchen Fall muss man sein Geld zurück verlangen können. Die Absage der Weiterbildung durch den Veranstalter sollte zudem immer begründet sein. Zulässig sind solche Klauseln, wenn sich etwa zu wenige Teilnehmer für den Kurs anmelden.

FÜR BEWERBUNGEN GEEIGNET

Nach absolviertem Konflikttraining kann man einen Nachweis über die Fortbildung verlangen. Denn wer sich auf eine Position in der mittleren Führungsebene bewerbe, punkte mit einem solchen Seminar mitunter bei den Personalern, so Nina Gerstenberg. Für Leitungsaufgaben würden vor allem konflikterprobte Mitarbeiter gesucht.

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