Karriere : Gut zu wissen

Sie machen Informationen für Studenten, Wissenschaftler und Firmen leichter zugänglich. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie auf der Karriereleiter weit nach oben kommen

Kirstin von Elm
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Treffsicher. Die Recherchehelfer wissen, wo man die passende Quelle findet. Foto: ddpddp

Vier Millionen Bücher, 27 000 Fachzeitschriften, 75 Kilometer Regale. Die Deutsche Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW) in Hamburg und Kiel ist derzeit die bestbestückte Wirtschaftsbibliothek der Welt. Sind staatliche Konjunkturpakete sinnvoll? Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hat das Glühbirnenverbot? Auf fast jede ökonomische Frage gibt es hier passende Antworten. Vorausgesetzt, man findet das relevante Wissen.

Jan Lüth hilft dabei. Er ist Wissensmanager und schlägt Schneisen in den Literaturdschungel. Seine Aufgabe ist es, den Zugang zu den Informationen für Studenten, Wissenschaftler und Firmen schneller, flexibler und treffgenauer zu gestalten. Der 37-jährige Medieninformatiker arbeitet zusammen mit sechs Kollegen in der Innovationsabteilung der Bibliothek an der Weiterentwicklung von Suchtechnologien und neuen Präsentationsformen von Wissen.

Das wird immer wichtiger. Die Menge an Information wächst überproportional und mit ihr der Bedarf, diese zu filtern und zu sortieren. Nicht nur Bibliotheken stehen vor dieser Herausforderung. Auch Unternehmen erkennen die ökonomische Bedeutung eines effizienten Wissensmanagements, weil in der Dienstleistungsgesellschaft das Wissen der Mitarbeiter das wichtigste Kapital der Firmen ist. Gefragt sind daher Profis im Wissensmanagement, die dafür sorgen, dass jeder Mitarbeiter genau das weiß, was er für seine Aufgabe wissen muss.

Siemens zum Beispiel beschäftigt in Princeton, Peking und München 34 Mitarbeiter, die das Konzern-Know-how vernetzen, strukturieren und den Nutzern in bedarfsgerechten Häppchen zur Verfügung stellen. Auch EnBW, Airbus, Thyssen-Krupp, der Otto-Konzern sowie große Beratungen und Wirtschaftskanzleien beschäftigen inzwischen Vollzeit-Wissensmanager. Das Bundeswirtschaftsministerium treibt das Thema mit der Initiative „Fit für den Wissenswettbewerb“ voran, bei der jährlich kleine und mittlere Unternehmen für gelungene Wissensmanagement-Lösungen ausgezeichnet werden.

Je nach Branche und Unternehmensgröße sind die Aufgaben eines Wissensmanagers in der Praxis breit gefächert. Sie reichen auf der einen Seite von operativen Tätigkeiten, wie der technischen Vernetzung von Daten und Dokumenten, dem Einstellen von Informationen ins Intranet bis hin zur abschließenden Dokumentation von Projekten oder der Pflege des Archivs. Zum anderen zählen dazu aber auch komplexe Managementprojekte, wie eine umfassende Reorganisation, das systematische Erfassen von Wissen in einer Wissensbilanz oder das Einführen neuer Kommunikations- und Informationssysteme.

Ein einheitliches Anforderungsprofil für Wissensmanager lässt sich nur schwer ableiten. Wer in Online-Jobbörsen nach offenen Stellen im Wissensmanagement sucht, findet überwiegend Angebote von IT-Beratungen und Softwarehäusern. Dort werden bevorzugt Leute eingestellt, die gute IT-Kenntnisse und Berufserfahrung mitbringen, Projekte managen können und sich möglichst auch noch in einer einschlägigen Branche auskennen. Neben Informatikern und Wirtschaftsinformatikern werden in den Offerten häufig auch technik-affine BWLer mit Studienschwerpunkten wie Organisation und Unternehmensführung angesprochen.

Flächendeckend durchgesetzt hat sich das Wissensmanagement allerdings noch nicht. „Bisher haben vor allem große Unternehmen mit vielen Standorten oder Firmen aus besonders wissensintensiven Branchen hauptberufliche Wissensmanager“, sagt Peter Heisig, Leiter und Gründer des European Research Centers for Knowledge and Innovation (Eureki). Das Forschungs- und Beratungsunternehmen ist eine Ausgliederung der Fraunhofer-Gesellschaft. Auf Eurekis Kundenliste stehen Banken, Behörden und große Industrieunternehmen. Wer sich also keine eigene Abteilung leistet, nutzt externe Dienstleister. Beim Mittelstand hingegen sieht Heisig Verbesserungsbedarf. „Leider fehlt da oft noch die Bereitschaft, mehr Zeit und Geld in den professionellen Umgang mit Wissen zu investieren.“

Wer bei einem dieser großen Unternehmen oder bei einer Beratung einsteigen will, muss ein Grundverständnis für den Aufbau und die Funktionen moderner IT-Systeme mitbringen. Reine Techies sind nicht gesucht. „Unverzichtbar sind sehr gute analytische Fähigkeiten, eine hohe Lernbereitschaft und ein ausgeprägtes Kommunikationstalent“, sagt Thomas Künstner, Partner bei der Beratung Booz & Company in Düsseldorf, der selbst Firmen berät, die ihr Wissensmanagement verbessern wollen.

In der Abteilung Research & Knowledge Management bei Booz arbeiten in Europa rund 30 Leute – darunter Wirtschafts- und Geisteswissenschaftler, aber auch ein Geologe und eine Bibliothekarin. Die Wissensprofis versorgen die Berater mit Hintergrundwissen und Detailinformationen zu deren Projekten. Das kann eine schlichte Umsatzzahl sein oder auch eine komplexe Markt- und Wettbewerbsanalyse.

Ein Ingenieur mit Projektverantwortung in der Forschung oder Entwicklung in der Industrie erhält mit zunehmender Berufserfahrung höhere Gehaltsstufen als die Kollegen, die intern den Wissensaustausch organisieren und keinen finanziell unmittelbar messbaren Beitrag zum Unternehmenserfolg leisten. Für Peter Heisig von Eureki ist es allerdings nur eine Frage der Zeit, bis sich das ändert: „Es gibt den Begriff des Computer-Analphabetentums, das sich heute keiner mehr leisten kann. Analphabetentum im Umgang mit Wissen ist für Unternehmen aber noch viel gefährlicher.“

Gekürzter Beitrag aus dem Magazin „Junge Karriere“

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