Home-Office : Arbeiten in Pantoffeln

Warum immer mehr Menschen zu Hause arbeiten? Weil zu Hause arbeiten bedeutet, die Vorteile einer flexiblen Zeiteinteilung zu nutzen. Manche Arbeitnehmer müssen dafür aber auch mal am Wochenende ran. Doch: Wer von zu Hause aus arbeitet, ist motivierter und gilt als produktiver.

Home-Office
Die Arbeit vom heimischen Rechner wird immer attraktiver.Foto: ddp

Aufstehen, Frühstücken und ran an den Schreibtisch. Kein lästiger Pendlerverkehr, ganz gleich ob noch im Schlafanzug und auf den üblichen Büro-Smalltalk kann auch verzichtet werden: Arbeiten direkt von zu Hause. Und das nicht freiberuflich, sondern in einer festen Anstellung. Eine Entwicklung die bei Unternehmen um sich greift und gerne als Arbeit im Home-Office bezeichnet wird. Für Betriebe ist der Schritt, die Mitarbeiter in mehr Eigenverantwortung zu entlassen häufig nicht ganz einfach. Doch es zeigt sich: Wer von zu Hause aus arbeitet, ist motivierter und gilt als produktiver.

Zahl der Telearbeitsplätze steigt

Bei IBM Deutschland arbeiten mit 14.000 Mitarbeitern mittlerweile rund zwei Drittel an einem Telearbeitsplatz. Zu ihnen gehört auch Insa Koch. Die Informatikerin ist im Vertrieb in Berlin angestellt. Die zweifache Mutter arbeitet vier Tage die Woche in ihren eigenen vier Wänden für IBM. Um die so genannten alternierende Telearbeit, also den Wechsel zwischen Heim- und Büroarbeitsplatz zu ermöglichen, wurden ihr Telefon- und Internetanschluss mit Drucker und Laptop gestellt. Ihre Arbeitszeit kann sie sich zwischen sechs und 20 Uhr selbst einteilen. Kernarbeitszeit und Anwesenheitskontrolle entfallen.

„An ihre Stelle rückt das Prinzip Vertrauen in die Mitarbeiter,“ so Christiane Schütz, Sprecherin von IBM. Koch, die zwei Kinder hat, lebt in Mahlsdorf bei Berlin. Zur IBM-Niederlassung nach Mariendorf müsste sie jeden Tag pro Strecke eine Stunde fahren. Diesen Weg kann sie sich dank der modernen Kommunikationsmittel sparen. „Etwa einmal pro Woche sehe ich meine Kollegen noch persönlich“, sagt die 42-jährige. Ansonsten arbeitet sie ab acht Uhr, wenn die Kinder in der Schule sind, an ihrem Schreibtisch - mit dem feinen Unterschied, dass sie bei Bedarf auch einfach mal später beginnen kann. „Entscheidend ist, dass ich die vorgegebenen Ziele erreiche. In welcher Zeit, wird mir selbst überlassen.“ Kommen die Kinder dann nachmittags von der Schule, wird der Laptop zugeklappt und es steht erstmal „Kinderzeit“ auf dem Programm. Doch häufig setzt sich Koch abends noch einmal für eine zweite Schicht an ihren Schreibtisch. „Das ist der wunde Punkt“, gibt sie zu.

Arbeitnehmer müssen mehr arbeiten als früher

„Die freie Zeiteinteilung führt häufig dazu, dass Arbeitnehmer deutlich mehr arbeiten müssen als früher“, sagt Andreas Splanemann, Sprecher bei Verdi. Auch die Abgeschiedenheit des Heimbüros ist seiner Meinung nach oft ein Problem: „Arbeit ist mehr als nur eine Erwerbstätigkeit. Soziale Kontakte sind genauso wichtig. Wenn ich immer zu Hause arbeite, treffe ich keine Kollegen.“  Auch bei der Siemens AG in Berlin können viele Angestellte diesen Arbeitsmodus wählen. „Die Grenzen zwischen Heimarbeit und Büroarbeit verwischen. Technisch gesehen kann man heutzutage von jedem Punkt der Welt aus arbeiten“, sagt Ilona Thede, Pressesprecherin bei Siemens in Berlin. „Viele unserer Angestellten arbeiten einen großen Teil ihrer Arbeitszeit von zu Hause aus oder von unterwegs. Wir unterstützen das, weil wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern möchten."

Neben den Großkonzernen ist auch für mittelständische Unternehmen das Heimbüro attraktiv geworden. Die notwendige technische Ausstattung unterscheidet sich nicht von denen eines Büros im Firmensitz. Über Intra- und Internet, mittels Telefonkonferenzen und sogar ferngesteuerter Bildschirmpräsentationen bleiben die Mitarbeiter auch zu Hause die ganze Zeit mit dem Firma in Verbindung.

Nicht jeder Job ist Home-Office tauglich

Nicht jeder Beruf eignet sich zur Heimarbeit. So sind es in der Hauptsache kaufmännische oder datenverarbeitende Tätigkeiten die am Computer oder am Telefon erledigt werden können aber auch Kreativberufe wie Grafiker, Programmierer oder Werbefachleute können gut von zu Hause aus arbeiten. Auch in anderen Branchen, wie etwa der Pharmaindustrie, gibt es die Arbeit im heimischen Büro. Der Grund: Die Mitarbeiter im Management reisen ohnehin sehr viel.  Noch populärer als in Deutschland ist das häusliche Büro in den USA. Wurden Kundenservice-Jobs in vergangenen Jahrzehnten noch in Callcenter ausgelagert, sitzen heute „Cyberagents“ in den Wohnzimmern und verrichten die gleiche Arbeit wie Insa Koch aus Mahlsdorf. Allein 2005 stieg die Zahl der ausgelagerten Heimarbeiter in den USA um 20 Prozent.

Doch Michael Kastner, Professor für Organisationspsychologie in Dortmund schränkt ein: „Wer qualifizierte Mitarbeiter dauerhaft an sich binden möchte, wird um einen persönlichen Arbeitsbereich im Büro auch weiterhin nicht herumkommen.“  Für Insa Koch steht aber fest: „Ich würde nicht mehr tauschen wollen.“ (Von Falk Pötz u. Martin Wohlrabe)

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