Karriere : „Im Osten gibt es gute Chancen“

Herr Dohmen, in Schweden besitzen 36 Prozent der Studenten kein Abitur, in Deutschland sind es lediglich fünf Prozent. Was machen die Skandinavier besser?

In Schweden befähigt auch eine Berufsausbildung zum Hochschulstudium. Das Bildungssystem ist durchlässiger, die soziale Herkunft spielt eine geringere Rolle. Außerdem gibt es einheitliche Studienförderungen, die vom Einkommen der Eltern unabhängig sind.

Was müsste in Deutschland geschehen, um mehr Bewerber ohne Abitur an die Hochschulen zu locken?

Die Hochschulen gehen davon aus, dass ihre Studenten vom ersten Semester an studierfähig sind. Das ist unrealistisch. Gerade wer kein Abitur hat, muss an der Hochschule auf akademisches Lernen vorbereitet werden.

Wird sich in den nächsten fünf Jahren an den öffentlichen Hochschulen in Berlin und Brandenburg etwas tun?

Bei den Bachelor-Programmen sehe ich wenig Potenzial. Im Jahr 2013 werden nach meinen Schätzungen deutschlandweit für 500 000 Studienberechtigte nur knapp 400 000 Studienplätze zur Verfügung stehen, wenn der Hochschulpakt auf dem bisherigen Niveau fortgeschrieben wird. Da greifen sich die Berliner Hochschulen zunächst Abiturienten, die frisch vom Gymnasium kommen. Im Umland könnte das anders sein.

Warum?

Die neuen Bundesländer haben mit Bevölkerungsschwund zu kämpfen. Dort könnten die Hochschulen auch Berufstätige ohne Abitur genauso wie andere Zielgruppen für sich entdecken. Schon heute gibt es dort Fachhochschulen wie die FH Brandenburg, die um Studierende werben.

Wie sieht es mit privaten Fachhochschulen in Berlin aus?

Die haben mit ihren praxisorientierten Angeboten für Berufstätige eine Nische gefunden, die sie weiter ausbauen werden.

Und zwar auf Kosten der Studenten – denn die Privat-Akademien kosten eine Menge Geld.

Dafür haben die privaten Hochschulen auch Stipendien und Bildungskredite und zudem sind sie besser auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet. Manchmal spielt sogar der Arbeitgeber mit, wenn er einen Mitarbeiter für Führungspositionen aufbauen will. Er bezahlt zum Beispiel die Gebühren für ein Abendstudium, der Angestellte arbeitet dafür weiter im Betrieb und lernt am Wochenende. Das ist für beide ein guter Deal.

Dieter Dohmen (45) ist Gründer und Direktor des Berliner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (Fibs) und als wissenschaftlicher Berater tätig. Mit ihm sprach Philipp Eins.

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