Karriere : Im Team den Takt angeben

Projektmanager sind die Alleskönner unter den Führungskräften. Fachwissen allein reicht bei weitem nicht aus

Silke Zorn

„Ein Projekt ist ein einmaliges Vorhaben auf Zeit“, heißt es lapidar in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia. Was man bei einem solchen Vorhaben aber alles bedenken muss, klingt schon sehr viel komplizierter: Ziele und Strategien festlegen, den Ablauf planen, die zur Verfügung stehenden Mittel im Blick haben, die Arbeiten im Projektteam verteilen und anleiten, auf Probleme flexibel reagieren und mit dem Auftraggeber in Kontakt bleiben – das sind nur einige der Aufgaben eines Projektmanagers. Wer all diese Fertigkeiten beherrscht, ist auf dem Arbeitsmarkt gefragt.

„Früher gab es in Unternehmen im Grunde zwei Karrierepfade“, sagt Michael Gessler aus dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Projektmanagement, „den Experten, der das Fachwissen mitbringt, und die Führungskraft, die managt, lenkt und leitet.“ Seit das Projektgeschäft deutscher Unternehmen aber immer mehr zunehme und das normale Tagesgeschäft fast schon die Ausnahme darstelle, sei eine dritte Karrierelaufbahn hinzugekommen: der Projektmanager. „Er ist letztlich Fach- und Führungskraft in einem“, sagt Michael Gessler. „Er muss ein Team leiten, trägt häufig enorme Budgetverantwortung und muss sich gleichzeitig mit dem Produkt beziehungsweise der Leistung auskennen, um die es geht.“

Da solche Alleskönner auf dem Arbeitsmarkt schwer zu finden sind, investieren immer mehr große Unternehmen in die Qualifikation ihrer Mitarbeiter und bilden sie zu Experten im Projektgeschäft weiter. Die Deutsche Gesellschaft für Projektmanagement bietet neben zahlreichen kürzeren Seminaren und Lehrgängen zum Beispiel ein vierstufiges Qualifizierungsprogramm an, das sich nach den international anerkannten Standards der International Project Management Association (IPMA) richtet. Die Basis bildet dabei der Lehrgang zum Projektmanagement-Fachmann (Level D), in dem die Teilnehmer lernen, Projekte professionell zu planen und zu steuern sowie Projektteams anzuleiten. Wer sich danach weiter qualifizieren möchte, kann vom Projektmanager (Level C) über den Senior Projektmanager (Level B) bis zum Projektdirektor (Level A) aufsteigen, der zum Beispiel eine Vielzahl von Einzelprojekten koordiniert.

„Vor allem große Firmen fordern von ihren Projektleitern eine entsprechende Zertifizierung“, weiß Michael Gessler. Denn das Arbeiten in „Nicht-Routinevorhaben“ sei inzwischen so wichtig geworden, dass man sich hier keine Fehler erlauben könne. Als Beispiel nennt Gessler die Automobilindustrie: „40 bis 50 Prozent des Umsatzes werden dort heute mit Neuprodukten gemacht, die nicht älter als vier Jahre sind und die natürlich rechtzeitig auf den Markt kommen müssen. Das wichtigste Werkzeug, um solche Innovationen voranzutreiben, ist nun mal ein erfolgreiches Projektmanagement.“

Doch nicht nur bei Global Playern sind gute Projektleiter gefragt. Laut Internet-Datenbank Jobturbo gab es allein in Berlin im Juli dieses Jahres 1510 offene Stellen, die Kenntnisse im Projektmanagement voraussetzen, bundesweit waren es 10 055. Und auch wer bereits einen Arbeitsplatz hat oder selbst ein Unternehmen leitet, profitiert von den Erkenntnissen, die eine entsprechende Weiterbildung vermitteln kann. Die Geologin Susanne Rahner zum Beispiel kam vor rund zehn Jahren aus einem ganz praktischen Grund zum Projektmanagement. Zusammen mit einer Biologin hatte sie das Umweltplanungsbüro Yggdrasil gegründet, es war viel zu tun, die Nachtschichten der beiden Frauen häuften sich. „Irgendwann habe ich mir überlegt: Das muss nicht sein“, erinnert sich Susanne Rahner. „Wenn wir uns besser organisieren, Zeitpläne machen, Verantwortlichkeiten festlegen, dann können wir die Arbeit auch schneller schaffen.“ Das Konzept ging auf – die Nachtschichten gehörten bald der Vergangenheit an. Heute erzählt Susanne Rahner anderen von ihren Erfahrungen und unterrichtet selbst Projektmanagement – zum Beispiel an der Berliner Artur Speer Akademie, bei Berlin Partner oder mit ihrer eigenen Firma Yggdrasil. „Ein gutes Projektmanagement fängt im Kleinen an“, weiß die Expertin, „zum Beispiel damit, wichtige Dinge schriftlich festzuhalten, anstatt sie den Kollegen im Vorbeigehen zuzurufen.“ Oder mit der klaren Verteilung von Aufgaben. „Haben sie etwa schon mal erlebt, dass es irgendwas bringt, zu sagen: Jetzt müsste bald mal jemand die Druckerpatrone wechseln?“, gibt sie ein Beispiel. Viel sinnvoller sei die freundliche, aber klare Ansage: Bettina, würdest Du bitte heute Vormittag die Druckerpatrone austauschen?“

Was nach absoluten Selbstverständlichkeiten klingt ist in Wirklichkeit die Basis für jedes gute Projektmanagement, weiß Rahner, die bereits Manager und Wissenschaftler von Genf bis Helsinki trainiert hat. Außerdem sei es wichtig, die gesteckten Ziele und Zeiträume immer wieder zu überprüfen – und wenn nötig – rechtzeitig anzupassen. „Sprechen Sie mit ihrem Team, seien Sie sensibel für Anzeichen, dass etwas schief laufen könnte und machen Sie auch ihrem Auftraggeber frühzeitig klar, wenn seine Erwartungen an das Projekt überzogen sind.“

Im Team arbeiten, Verantwortung übernehmen, Arbeitsergebnisse präsentieren – die Berlinerin Claudia Sonntag hat von ihrem Projektmanagement-Lehrgang bei der GPM nicht nur fachlich, sondern auch persönlich profitiert. Die 30-Jährige arbeitet bereits seit sechs Jahren als Projektmanagerin in der Bau- und Immobilienbranche, hat aber trotzdem noch viele neue Ideen und Impulse aus dem Training mitnehmen können. Besonders gefallen hat ihr der hohe Praxisbezug des Lehrgangs. „Wir haben alles Gelernte sofort umgesetzt und Feedback dazu bekommen“, erzählt sie. Parallel zum Unterricht mussten die Teilnehmer außerdem ein gemeinsames „Transferprojekt“ planen und durchführen, das ebenfalls Bestandteil der Abschlussprüfung ist.

Wer übrigens meint, es reiche aus, seine Mitarbeiter lediglich im Umgang mit einer Projektmanagement-Software wie „MS Project“ zu schulen, und schon gehörten alle Zeit-, Planungs- und Dokumentationsprobleme der Vergangenheit hat, wird von Michael Gessler eines besseren belehrt. „Ein Computerprogramm ist natürlich wichtig, aber immer nur so schlau wie die Menschen, die damit arbeiteten“, sagt der GPM-Vorstand. „Nur wenn sie sich im Projektmanagement auskennen, verändert sich wirklich etwas.“

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