Karriere : Im Urlaub an die Uni

Viele Sommerakademien bieten Seminare für Berufstätige an. Die Kurse werden als Bildungsurlaub anerkannt

Philipp Eins

Wenn Studenten in die Stadtparks ziehen, um sich von den Prüfungen zu erholen, fängt für manche Berufstätige das Lernen erst an: In der vorlesungsfreien Zeit veranstalten Berliner Hochschulen Sommerakademien, bei denen sich Mitarbeiter aus Wirtschaft und Verwaltung beruflich fortbilden können. Ursprünglich dienten die „Summer Schools“ zum Erfahrungsaustausch von Studenten, wie es zum Beispiel an den Elite-Unis in Cambridge oder Harvard üblich ist. Inzwischen richten sich viele Akademien dagegen auch an Praktiker, die während der Ferienzeit etwas dazu lernen möchten. Last-Minute-Plätze sind noch frei.

So können sich Mitarbeiter aus der Medien- und IT-Branche für eine Sommerakademie über die Entwicklung von Computerspielen bewerben. Die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW) öffnet ihre Hörsäle vom 4. bis 15. August, um Dozenten über Spiele-Design, dreidimensionale Animationen und künstliche Intelligenz berichten zu lassen. Die Teilnehmer sollten erste Computerkenntnisse haben, zu programmieren brauchen sie nicht. Fachthemen werden nur angeschnitten. „Unsere Workshops sollen auch keine Ausbildung ersetzen“, erklärt Stefan Escher, Projektkoordinator von der FHTW. „Sie sollen Berufstätigen ermöglichen, sich auszuprobieren.“ Da sich auf die Angebote der Hochschule laut Escher im Schnitt mehrere 100 Bewerber melden, wählen die Hochschulen ihre Kurzzeit-Studenten nach Berufserfahrung aus. Jedes Seminar kostet die Teilnehmer 50 Euro.

Mit der digitalen Welt beschäftigen sich auch Dozenten an der Sommerakademie der Universität der Künste (UDK). Vom 21. bis 26. Juli können sich Angestellte aus dem mittleren Management und Selbstständige über Trends im Internet schlau machen. Auf dem „Digitalen Sommer 2008“ geht es um soziale Netzwerke wie StudiVZ und Xing sowie um Videos und Klangkunst im weltweiten Datennetz. Die Themen sind weit gesteckt – denn außer Weiterbildung betreibt die Berliner Kunsthochschule auch Marketing in eigener Sache: „Wir wollen mit den Seminaren auf den Master-Studiengang Ledership in digitaler Kommunikation aufmerksam machen“, sagt Susanne Krüger, Sprecherin der UDK. Für das Schnupper-Studium kann man sich bis zum 15. Juli bewerben, die Gebühr beträgt 300 Euro für je zwei Tage.

Bei den hohen Kosten vieler Seminare wäre für das gleiche Geld auch eine Reise in den Süden drin gewesen. Eine preiswertere Variante ist die Sommer-Uni der Berliner Akademie für weiterbildende Studien. Gemeinsam mit der Technischen Universität veranstaltet sie vom 1. bis 9. September eine Vortragsreihe zum Thema „Gefährdungs- und Entwicklungspotentiale in Technik und Gesellschaft“. „Mit dem Thema wollen wir nicht nur Techniker ansprechen“, sagt Pea Fröhlich, Vorsitzende der Berliner Akademie. Auch Lehrer und andere Berufstätige sollten von Seminaren über Wissensformen in der Informationsgesellschaft oder globalisierungskritische Bewegungen profitieren. Der neuntägige Workshop kostet 95 Euro, eine Tageskarte 12 Euro.

Von Vorteil ist, dass Angestellte die Sommerakademien außerhalb der betrieblichen Ferien besuchen können. Denn: Alle berufsbildenden Kurse an deutschen Hochschulen werden von der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales als Bildungsurlaub anerkannt. Das heißt: Für die Zeit der Fortbildung ist man von der Arbeit freigestellt, erhält aber weiterhin sein Gehalt. Einen Rechtsanspruch haben Berufstätige auf zehn Arbeitstage innerhalb von zwei aufeinanderfolgenden Jahren. Wer unter 25 Jahre alt ist, kann sich zehn Tage pro Jahr für Bildung frei nehmen.

„Aufwändiger wird es bei Sommerakademien im Ausland“, sagt Christiane Marcks-Burtzlaff von der Senatsverwaltung. So wollte der Mitarbeiter eines Berliner Unternehmens kürzlich Workshops einer rumänischen Hochschule besuchen, um seine Sprachkenntnisse zu erweitern. „Damit wir diese Kurse anerkennen, brauchen wir eine deutsche Übersetzung des Programms und einen ausgefüllten Antrag des Veranstalters“, erklärt Marcks-Burtzlaff. Für Teilnehmer und Veranstalter bedeutet das zusätzliche Bürokratie – denn alle Unterlagen müssen noch vor Abreise vorliegen. Wichtig ist, dass der Senatsverwaltung nicht nur die Inhalte der Seminare, sondern auch der zeitliche Umfang und das Niveau vorliegen. Das gilt insbesondere für Sprachkurse. „Der Arbeitgeber braucht schließlich Klarheit.“

Ob im Inland oder im Ausland: Die Chefs müssen vom Nutzen der Weiterbildung erst überzeugt werden. Wer für Yoga-Fortbildungen oder Philosophie-Seminare Bildungsurlaub beantragt, sollte mit kritischen Rückfragen rechnen. Frank Dittmer von der Volkshochschule Tempelhof-Schöneberg ist mit dem Feilschen zwischen Arbeitgeber und Angestellten vertraut: Er verantwortet berufsbezogene Seminare in Mediation, die von vielen Chefs nicht akzeptiert werden. Sie verweisen zum Beispiel auf die gute Auftragslage, die jeden Mitarbeiter unabkömmlich machen. „Der Anspruch auf Bildungsurlaub müsste vor Gericht durchgesetzt werden – doch wer möchte deshalb schon Zoff mit seinem Arbeitgeber haben?“, so Dittmer.

Wenn der Chef mitspielt, können sich die Angestellten auch für einen Intensiv-Kurs aus dem Sommerprogramm der Berliner Volkshochschulen entscheiden. Wie an den Hochschulen werden auch dort alle berufsbezogenen Veranstaltungen von der Senatsverwaltung als förderwürdig anerkannt. Die Bezirke Tempelhof-Schöneberg, Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf haben eigene Broschüren für die Sommermonate herausgegeben. Von Sprachkursen über Sprechtraining bis hin zum Bewerbungstraining für Assessment Center gibt es ein großes Angebot.

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