Jobs im Ausland : Jenseits von Bollywood

Immer mehr Deutsche zieht es in die Ferne – für flexible Nachwuchskräfte gibt es im Ausland gute Jobchancen Zum Beispiel Indien: Der deutsche Kommunikationstrainer Holger Siemons erklärt, warum Neu-Delhi mehr ist als Kitsch, IT & Co.

Britta Petersen
Bollywood
Bollywood-Tänzerinnen. -Foto: dpa

Genussvoll schiebt Holger Siemons ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte in den Mund. Der Kuchen aus einer Bäckerei in Neu-Delhi gibt ihm Gelegenheit, über sein Lieblingsthema zu philosophieren: kulturelle Unterschiede. „Hm, der Kuchen schmeckt gut. Aber nur, wenn man nicht das erwartet, was wir in Deutschland unter Schwarzwälder Kirschtorte verstehen“, sagt der Aachener. In der Tat enthält die Torte kaum Kirschen und gar kein Kirschwasser. Aber der 35-Jährige sieht darin keinen Grund zur Enttäuschung. „Falsche Erwartungen sind ein Grund für viele Missverständnisse.“

Holger Siemons muss es wissen. Er lebt seit vier Jahren in der indischen Hauptstadt und schreibt hier nicht nur seine Doktorarbeit über den „Einfluss von Kultur auf die Kommunikation“. Er arbeitet außerdem als Unternehmensberater und zeigt deutsch-indischen Teams, wie man auch dann erfolgreich miteinander reden und arbeiten kann, wenn man einen ganz anderen Lebenshintergrund hat. Der Schritt ins Ausland war daher eine logische Konsequenz für ihn. „Der Bereich, in dem ich forsche, nennt sich ja Diversitätsmanagement. Klar, dass man das nur in einer hoch diversifizierten Kultur wie Indien beobachten und lernen kann.“

Dabei hatte Siemons auch in seinem beruflichen Leben in Deutschland viel mit fernen Ländern und ihrem Völkergemisch zu tun. Als Betriebswirt war er bei der Telekom fürs Auslandsmarketing zuständig. „Dadurch habe ich immer schon viel darüber nachgedacht, was alles so falsch laufen kann beim Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturkreisen.“ Außerdem, so erzählt er, „hatte ich Hummeln im Hintern“. Mit 16 jobbte er bereits als Erdbeerpflücker in den USA. Nach seinem BWL-Studium in Aachen sattelte er einen MBA-Abschluss in Großbritannien drauf und verdingte sich im amerikanischen Oregon als Privatdetektiv. Leben im Ausland, das bedeutet für ihn ein Spiel mit Identitäten. „Ich kann mich gut in andere hineinversetzen, das hilft mir beim Trainerjob.“

Die Entscheidung, Deutschland zu verlassen, traf er während eines Urlaubs in Südostasien. „Als ich mit meinem Mountainbike durch Burma radelte, wurde mir bewusst, dass ich dort mit Menschen kommuniziere, deren kulturelles Umfeld ich kaum kenne“, sagt der Globetrotter. Seine Erkundungslust war geweckt. Den Ausschlag für seinen Aufbruch nach Indien jedoch gab wenige Wochen später eine Begegnung in einem Schneidergeschäft in Bangkok: Er traf seinen heutigen Lebenspartner Diepiriye Kuku, einen Afro-Amerikaner. „Als wir uns besser kennen lernten, haben wir überlegt, wo wir leben wollen“, berichtet Siemons. „Und es war schnell klar, dass Diepiriye sich in Deutschland nicht wohl fühlt, obwohl ich persönlich Aachen ganz toll finde. Ich dagegen hatte keine Lust, in die USA zu ziehen.“ Inzwischen hat das Paar geheiratet – in Aachen wohlgemerkt, denn weder in den USA noch in Indien sind gleichgeschlechtliche Eheschließungen möglich.

Der Abschied aus Deutschland fiel Siemons trotz seines Lokalpatriotismus nicht schwer. „Vor vier Jahren sah es in Deutschland wirtschaftlich schlecht aus und jeder lief mit Sorgenfalten herum“, erinnert er sich. „Außerdem war ich schon seit längerem auf der Suche nach einer Alternative zum täglichen Bürotrott.“ In seinem Umfeld stieß die Entscheidung zum Auswandern nicht auf Begeisterung. „Meine Mutter macht mir noch heute Vorwürfe, dass ich den sicheren Job bei der Telekom gekündigt habe. Erst kürzlich hat sie mir wieder am Telefon vorgehalten, dass ich nicht mehr im deutschen Rentensystem bin“, erzählt er.

Vor allem die Entscheidung, ins akademische Leben zurückzukehren, bot Holger Siemons die örtliche Flexibilität, die er für sein Privatleben brauchte. „Ich hatte schon nach dem Examen mit dem Gedanken gespielt, zu promovieren, aber damals fehlte mir das Geld“, erzählt er. Seine neue Alma Mater fand der Diplom-Kaufmann auf ebenso einfache wie direkte Weise: Er erkundigte sich beim Kultusministerium in Nordrhein-Westfalen nach einer Hochschule in Indien, deren Abschlüsse auch in Deutschland anerkannt werden. Dann ging alles ganz schnell. Sein Exposee kam an der Delhi University gut an, und wenig später wurde er von der Fakultät für Managementstudien aufgenommen. Die Interviews mit Unternehmen, die er auf dem Subkontinent für seine Doktorarbeit führte, bescherten ihm auch gleich den Job, von dem er lebt. Viele der Unternehmen, die er besucht, heuern ihn als interkulturellen Berater an. Inzwischen hat er etwa 40 Kunden weltweit, etwa einmal im Monat ist er im Ausland tätig. „Ich glaube, ich habe den Beruf meines Lebens gefunden“, freut sich der Deutsche. Zu Siemons Auftraggebern gehören mittelständische deutsche und indische, aber auch internationale Großunternehmen. Namen nennt er aus Diskretion nicht. Globalisierung hin oder her, „niemand gibt gern zu, dass er mit kulturellen Unterschieden Probleme hat“. Er selbst hat sich so viel mit dem Thema beschäftigt, dass er auch private Kommunikationsschwierigkeiten problemlos eingesteht. „Mit Diepiriye kracht es manchmal“, erzählt er. „Zwar halten wir Deutschen uns viel darauf zugute, ehrlich und direkt zu sein, aber in vielen anderen Kulturen empfindet man das als unhöflich und unsensibel.“

Speziell im Umgang zwischen Deutschen und Indern gibt es zusätzliche Stolpersteine. „Die indische Gesellschaft ist noch immer sehr hierarchisch strukturiert, und man kann sich in Deutschland oft nicht vorstellen, dass jemand aus der unteren Mittelschicht sich hier gar nicht traut, etwas zu sagen, sobald er es mit Weißen zu tun hat.“ Gerade Geschäftsleute, die es bisher nur mit der weltläufigen Oberklasse Indiens zu tun hatten, werden von diesem Phänomen häufig überrascht. „Bei dem jetzigen Wirtschaftswachstum in Indien kommen mehr und mehr Leute, die nicht im Ausland studiert haben, die aus der zweiten Garde sind und internationale Umgangsformen gar nicht gewohnt sind, in die Jobs“, berichtet er aus der Praxis. Doch das gilt auch umgekehrt, wie Siemons merkte, als er für die indische Firma E-Value Serve ein internationales Analystenteam aufbaute. Für das Projekt holte er sich über die Bundesagentur für Arbeit deutsche Arbeitslose als Praktikanten nach Delhi, um die indischen Mitarbeiter mit einer fremden Kultur vertraut zu machen. „Am Anfang hat mir mein Auftraggeber nicht geglaubt, dass es im Umgang miteinander enorm hilft, wenn die Leute hier echte Deutsche kennen lernen. Aber es ist wichtig, bei einem Glas Bier eine andere Kultur zum Anfassen zu erleben.“

Auch Holger Siemons schwärmt davon, wie sehr Indien ihn verändert hat. „Ich habe mich stark weiterentwickelt, seit ich hier bin“, berichtet er. Das hat mit seinen privaten Lebensumständen, aber auch mit der indischen Kultur zu tun. „Ich finde, es ist leichter, im Ausland Fehler zuzugeben. Die Inder entschuldigen sich ganz schnell, wenn sie etwas falsch gemacht haben. Davon kann man gut lernen.“ Zwar geht dem Deutschen die „meditative Kultur“ der Inder, in der etliches viel länger braucht als zu Hause, manchmal auf die Nerven. Doch zugleich bewundert er diese entspannte Geisteshaltung. „Das muss man erst mal schaffen: Mit so vielen Menschen unterschiedlichster Religionen relativ friedlich zusammenzuleben!“ Für seine Zufriedenheit spielt es zudem eine wichtige Rolle, dass er wegen der geringeren Lebenshaltungskosten weniger arbeiten muss. Seitdem hat er mehr Zeit für sich. Er macht jeden Morgen Yoga, geht gern joggen und liest täglich mehrere Stunden. „Das bringt einen auf so viele neue Ideen“, erzählt er begeistert.

Kann er sich vorstellen, jemals wieder zurückzukehren? „Ja“, sagt Holger Siemons. „Ich habe nicht die Absicht, mich für immer von Deutschland zu verabschieden. Ich habe dort Freunde, und es gibt Traditionen, die ich schätze.“ Die Vorstellung, die noch vor einigen Jahrzehnten vom Auswandern herrschte, hat sich nach seiner Meinung überholt. „Damals setzte man sich sechs Monate auf ein Schiff und fuhr nach Australien, da kam man natürlich so schnell nicht zurück“, sagt er. Heute sei Auswandern ein Lebensstil geworden, in dem Menschen „Lebensabschnittsheimaten“ hätten. Er ist überzeugt, dass dieser Lebensstil immer mehr Anhänger findet. „So kann man die Vielfalt der Welt genießen.“

Einige Zeit werden er und Diepiriye noch in ihrer Lebensabschnittsheimat Indien bleiben. Und dann – wer weiß. „Indien war immer gut zu mir“, sagt Holger Siemons zufrieden. „So wie es ist, ist es wirklich schön.“ Karriere-Magazin

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