Jobs mit Zukunft : Was Ältere wollen

Kino, Computerkurs, Yoga: Warum es sich lohnt, mit der Generation 60 Plus ins Geschäft zu kommen.

Anne Hansen

Vor neun Jahren gab Wolfgang Thiel den Beruf des Lehrers auf und machte sich mit einer Computerschule selbstständig. Seine Zielgruppe waren Senioren, Frauen und Kinder – „eben jenes Klientel, das gewöhnlich Angst vor dem Computer hat“, sagt Thiel. Heute, neun Jahre nach der Gründung, besucht vor allem eine Gruppe die Kurse von „Comprax“ in Spandau: ältere Frauen. Mehr als 60 Prozent seiner Kunden sind weiblich und über 65. Thiel bringt ihnen bei, die Bilder vom Urlaub zu bearbeiten oder mit dem Enkel in Dubai zu telefonieren. „Über Skype“, sagt Thiel stolz. Seine Schülerinnen sind technisch auf dem neuesten Stand.

Inzwischen kann Thiel „sehr gut“ von den Seniorenkursen leben. Ob er jemals bereut hat, sich für diese Zielgruppe selbstständig gemacht zu haben? Die Antwort kommt prompt: Noch nie.

Thiel, der seine Kunden auch in Seniorenheimen besucht, hat eine Nische entdeckt, die auch in Zukunft gute Berufschancen bietet. Denn ältere Menschen verfügen bereits heute über eine enorme Kaufkraft. Jeder dritte Euro, der in Deutschland privat ausgegeben wird, stammt aus dem Portmonee eines Menschen über 60 Jahre. Bis 2050 wird sich dieser Anteil noch erhöhen. Dann betragen laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin die Ausgaben der Senioren mit 386 Milliarden Euro sogar mehr als 41 Prozent der Gesamtausgaben in Deutschland.

„Die ältere Generation ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor“, sagt auch Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen. Bei Angeboten für mehr Komfort und Lebensqualität für Ältere bestehe ein großes Potenzial, das angesichts der demografischen Entwicklung weiter an Bedeutung gewinne.

Die Berliner scheinen dieses Potenzial erkannt zu haben. Das Angebot an Dienstleistungen oder Produkten für diese Generation ist groß. Es gibt speziell für Senioren Führungen durch die Stadt, Kurse, in denen Senioren Kreatives Schreiben lernen und Yoga-Kurse für Senioren. Auch Kinos haben die Älteren als lukrative Zielgruppe entdeckt. So zeigt das älteste Kino Berlins „Eva Lichtspiele“ in Wilmersdorf an jedem Mittwochnachmittag für Senioren Filmklassiker aus den 30er- und 40er-Jahre, Kaffee und Kuchen sind inklusive.

Auf dem Markt der Seniorenwirtschaft gibt es nichts, was es nicht gibt. Die so genannte „Silver Generation“ wird von kreativen Unternehmern heftig umworben. Auch Manfred Colditz hat sich auf Senioren spezialisiert. Aus der Arbeitslosigkeit heraus machte sich der 48-Jährige mit der Firma „BOS“ selbstständig. Die Abkürzung steht für Begleitung, Sicherheit und Organisation für Senioren. Colditz begleitet Senioren zur Bank, zum Arzt oder organisiert auch schon mal eine Geburtstagsfeier. „Die Resonanz auf meine kleine Firma ist großartig“, sagt er. Seinen Service bietet er rund um die Uhr an – erst vor kurzem wurde er nachts angerufen: Eine ältere Frau wollte vom Theater abgeholt werden und traute sich nicht, allein Taxi zu fahren.

Obwohl sich bereits viele Anbieter wie Colditz auf dem Markt der kaufkräftigen Generation tummeln, sind die Chancen für Existenzgründer in diesem Bereich hervorragend. „Die Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt sind noch lange nicht ausgeschöpft, es gibt immer noch enorme Beschäftigungspotenziale“, sagt Günther Schmid, Direktor der Abteilung „Arbeitsmarktpolitik und Beschäftigung“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. „Vor allem bei haushaltsnahen Dienstleistungen, in der Pflege und im kulturellen Bereich haben innovative Existenzgründer gute Chancen.“

Auch in der Bauwirtschaft sind für die ältere Generation noch Innovationen, Produkte und Dienstleistungen zu entwickeln. Experten schätzen, dass in Zukunft 13 Millionen seniorengerechte Wohnungen benötigt und damit auch kreative Architekten, Techniker und Handwerker gesucht werden. Weitere Wachstumsfelder sind nach einer Studie des Bundesfamilienministeriums „Gesundheit“, „Reisen“, „Körperpflege“ und „Haushaltsgeräte“.

Doch der Schritt in die Selbstständigkeit sollte gut überlegt sein, warnt Arbeitsmarktexperte Schmid. Zentrale Voraussetzung seien professionelle Fähigkeiten und Kenntnisse, die genauestens auf den Bedarf der Älteren orientiert seien. Die Generation der Senioren sei zwar konsumfreudig, aber durchaus anspruchsvoll. „Wer sein Produkt oder seine Dienstleistung nicht genau auf diese Zielgruppe zuschneidet, wird es nicht leicht haben“, so Schmid.

Die ältere Generation ist nicht immer eine leichte Klientel – und nicht jeder geeignet, in diesem Bereich zu arbeiten. „Einem älteren Menschen könnte der Umgang mit der Zielgruppe leichter fallen als einem Jüngeren“, gibt Susanne Schmitt-Wollschläger zu bedenken. Sie ist Ansprechpartnerin für Unternehmensgründungen bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin. Wer sich in der Branche selbstständig machen wolle, müsse genau das beachten, was Existenzgründer grundsätzlich beachten sollten, sagt Schmitt-Wollschläger. Neben fachlichem Know-how sind betriebswirtschaftliche Kenntnisse gefragt, die Gründer auch in einer Weiterbildung erwerben können, rät IHK-Expertin Schmitt-Wollschläger.

Der Gründer der Computerschule „Comprax“, Wolfgang Thiel, brachte reichlich didaktische Erfahrung in sein Unternehmen ein. Computerkenntnisse hatte er sich in der Freizeit angeeignet. An einer Beratung für Existenzgründung jedoch hat er nicht teilgenommen, sondern es „einfach mal selbst probiert“, sagt er. Um die Kosten und damit auch die Risiken gering zu halten, zog er mit seiner Firma ins eigene Haus. Dazu baute er das Zimmer der Tochter um, die gerade ausgezogen war, und kaufte vier Computer: Damit war der Grundstock für die Schule gelegt. Die Startkosten beliefen sich auf etwa 10 000 Euro – Geld, das er schnell wieder verdient hatte.

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