Johanna Ragwitz : "Jeder wird in die Kartei aufgenommen"

Johanna Ragwitz spricht mit dem Tagesspiegel über Castings und Gesichter.

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Foto: Agentur „Filmgesichter“

Frau Ragwitz, Ihre Agentur besetzt Komparsen für große Filmprojekte. Was macht ein Gesicht zum Filmgesicht?



Generell gibt es kein Gesicht, egal ob in Berlin oder irgendwo auf der Welt, von dem man sagen könnte: Das ist kein Filmgesicht. Für manche Filme braucht man aber nur Models. Für andere suche ich auch Leute, die sehr speziell sind, die Charaktergesichter haben. Es gibt natürlich hunderttausende Gesichter, die weder etwas Markantes noch Charakteristisches besitzen. Das heißt aber nicht, dass sie nicht auch zum Film können. Es werden ja auch Leute gebraucht, die nicht auffallen, für Massenszenen etwa.

Gibt es eine Altersgrenze?


Nein. Viele über 50-Jährige denken ja: Ich bin bestimmt viel zu alt für den Film. Aber wie viele Filme gibt es, in denen ausschließlich 20-Jährige zu sehen sind? Unlängst haben wir den Film „Dinosaurier“ von Leander Haußmann besetzt, da brauchten wir 70- bis 80-Jährige.

Wie kommt man in Ihre Kartei?

Wir haben für Berlin knapp über 20 000 Leute in der Kartei, deutschlandweit sind es fast 40 000. Generell wird jeder in die Kartei aufgenommen. Die Frage ist natürlich, abhängig vom Typ: Wie oft wird man eingesetzt?

Schaffen manche den Sprung vom Komparsen zum Darsteller?


Da kenne ich keinen Fall. Es gibt natürlich Leute, die sich bewähren, bei denen man merkt: Okay, der kann ordentlich sprechen, ist hell im Kopf, dem kann man auch mal zwei, drei Sätze als Kleindarsteller geben.

Wie hoch sind die Chancen, auf der Straße für den Film entdeckt zu werden?


Das kommt eher im Model-Bereich vor, gelegentlich auch bei Darstellern. Wir selbst machen kaum Street-Castings. Die Leute kommen zu uns und melden sich an. Nur wenn wir etwas ganz Spezielles brauchen, gehen wir auf die Straße. Aber meist, wenn es darum geht, eine Community zu erreichen, posten wir in den entsprechenden Foren im Internet.

Gibt es schwarze Schafe in Ihrer Branche?

Die gibt es. Wir nehmen kein Geld für die Aufnahme in die Kartei. Es gibt Agenturen, die verlangen fünf oder zehn Euro, das ist in Ordnung. Bei mehr sollte man skeptisch werden. Solche Agenturen leben von den Komparsen, die sich anmelden, nicht davon, sie tatsächlich bei Produktionen unterzubringen.

Die Fragen stellte Patrick Wildermann


Zur Person

Johanna Ragwitz ist Chefin der Casting- Agentur „Filmgesichter“. Für den Tarantino-Film „Inglourious Basterds“ etwa hat die Agentur 4000 Komparsen in Berlin und Sachsen gecastet.

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