Kaffee : Das braune Gold

Kaffee ist vor Bier das Lieblingsgetränk der Deutschen und spielt für den Arbeitsmarkt eine große Rolle.

Kirsten Ludowig

Die sattgrünen Sofas tourten im letzten Jahr durch eine Reihe deutscher Städte: Sie standen in Bremen auf dem Rathausplatz, in Frankfurt im Main-Taunus-Zentrum, in Berlin am Hauptbahnhof, in Nürnberg in der Altstadt. Viele Menschen hasteten achtlos vorüber, doch einige gönnten sich ein paar Minuten, stopften sich ein Kissen in den Rücken, tranken eine kostenlose Tasse Kaffee und plauderten miteinander. Ganz so wie die 29-jährige Christin Fankhänel aus der Marketing-Abteilung von Kraft Foods es zuvor geplant hatte.

Auch in diesem Jahr geht die Sofa-Tour weiter. Sie ist Teil einer Werbekampagne, die Kraft Foods für seine Filterkaffee-Marke Jacobs Krönung inszeniert. Wieder sorgt Betriebswirtin Fankhänel für den Ablauf: Sie plant die Stationen, lädt prominente Stadtvertreter ein, organisiert Pavillons gegen den Regen und Fleece-Decken gegen die Kälte, pflegt den Internetauftritt und mehr. „Eine 360-Grad-Kampagne für Kaffee, das Lieblingsgetränk der Deutschen – und auch meine Leidenschaft. Ich liebe den Duft“, schwärmt sie. „Es ist ein Produkt des täglichen Bedarfs, aber mit vielen Emotionen verbunden. Obwohl Kaffee von weit her kommt, ist er bei jedem Konsumenten extrem präsent.“

Der Kaffeekonsum wächst seit Jahren weltweit. Das braune Gold ist nach Erdöl der wichtigste globale Exportrohstoff, die Bundesrepublik nach den USA der größte Importeur. „Allein in Deutschland wird mit Kaffee ein Jahresumsatz von rund 4,2 Milliarden Euro erzielt und 10 000 Arbeitsplätze sind damit verbunden“, sagt Holger Preibisch, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Kaffeeverbands.

Kaffee spielt für den deutschen Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle: Jedes Gramm Bohnen der 146 Liter Kaffee, die der Deutsche im Schnitt jährlich trinkt, ist wochenlang unterwegs und passiert zumindest auf dem Papier unzählige Schreibtische, bevor es in flüssiger Form in der Tasse landet: Die Reise geht von tropischen Plantagen über die Weltmeere bis zum Zielhafen – meist Hamburg – und von dort zu den deutschen Röst- und Verarbeitungsbetrieben und schließlich in die Läden.

Zu den größten Anbietern in der Kaffeebranche gehören Discounter wie Aldi mit ihren jeweiligen Eigenmarken, Markenhersteller wie der US-Konzern Kraft Foods mit Deutschland-Zentrale in Bremen, das Hamburger Filial- und Depotunternehmen Tchibo, die Melitta-Gruppe aus Minden und die Münchener Firma Alois Dallmayr.

Die Kaffeebranche bietet Jobs in Handel, Transport, Marketing und Vertrieb. Wer in die Branche einsteigen will, der kann seit vergangenem September den staatlich anerkannten Studiengang Coffeemanagement (Bachelor of Arts) an der privaten Northern Business School in Hamburg besuchen. Oder er geht direkt zu einem der Unternehmen. Kraft Foods und Tchibo zum Beispiel suchen vor allem BWLer fürs Marketing und den Vertrieb – und locken junge Akademiker mit Traineeprogrammen. In derart breit aufgestellten Organisationen sind die Aufgaben in der Regel jedoch nicht nur an das Produkt Kaffee oder an eine bestimmte Marke gebunden, sondern an einen Unternehmensbereich.

Wer sich für den Handel und Transport interessiert, ist im Rohkaffee-Geschäft richtig. „Das Geschäft ist kompliziert und erfordert spezielle Warenkenntnisse. Deshalb sind hier in der Regel erfahrene Groß- und Außenhandelskaufleute mit Ausbildungsrichtung Rohkaffee tätig. Quereinsteiger findet man wenige“, sagt Hanns-Christian Neumann von der Neumann Kaffee Gruppe, dem weltweit führenden Dienstleister für Rohkaffee.

Christian Bothe, 25, arbeitet seit einem halben Jahr als Außenhandelskaufmann und Betriebswirt (Verwaltungs- und Wirtschafts-Akademie) in Hamburg bei Inter-American Coffee, einer Tochterfirma der Neumann Kaffee Gruppe. Das acht Mitarbeiter große Team spürt seltene Spitzenkaffees auf und versorgt den Fachhandel; vor allem kleine, traditionelle Röster in Deutschland. Dass Inter-American Coffee den Spezialitäten- und nicht den Massenmarkt bedient, bedeutet für Bothe: „Ich arbeite an vielen Stellen der Kaffeekette, nicht nur an einer einzigen.“ Da er jedoch noch nicht allzu lang dabei ist, schaut er seinem Kollegen Inácio Teixeira noch gern über die Schulter.

Der 31-jährige Teixeira stammt ursprünglich aus Portugal. Er handelte während und nach seiner Ausbildung zum Außenhandelskaufmann zunächst mit Getreide und Futtermitteln, danach mit Honig. Schließlich zog es ihn zum Kaffee. „Ich wollte mit etwas arbeiten, das mir schmeckt“, sagt er. Alles begann im kleinen, weißen Musterzimmer von Inter-American Coffee in Hamburg.

Auch heute, sieben Jahre später, landen hier die ersten Proben des importierten Rohkaffees. Teixeira und Bothe schauen sich die Bohnen, die vor dem Rösten noch grün sind, genau an. Sie achten vor allem darauf, ob alte oder gebrochene, so genannte Defekte, dabei sind. Auch der Geruch ist wichtig: Erbsig und heuig muss er sein. Die Probe wird geröstet, gemahlen und ungefiltert aufgegossen. Dann schlürfen die beiden um die Wette. „So kann man möglichst viel Sauerstoff aufnehmen, um den Kaffee zum Riechorgan zu transportieren. Mit der Nase schmeckt jeder Mensch mehr als mit der Zunge“, erklärt er. Fruchtige, schokoladige oder auch teeige Aromen schmeicheln dem Gaumen, holzige, metallische oder muffige eher nicht.

Teixeira kümmert sich aber auch um Einkauf, Logistik und Verkauf. Er ist viel unterwegs: Letztes Jahr war er in der Dominikanischen Republik und brachte zwei neue Kaffees mit. Im Norden Äthiopiens war er auch schon, dort hat die wirtschaftlich wichtigste Kaffeesorte Arabica (etwa 60 Prozent der weltweiten Rohkaffee-Ernte) ihren Ursprung. Teixeira erfuhr eine Menge über die Geschichte der Kaffeesorte, aber auch über Land, Einwohner, Kultur und Religion. „Es ist eine mystische Gegend“, erzählt er.

Für ihn ist die Arbeit bei Inter-American Coffee ein Glücksgriff. „Im Spezialitätenmarkt zählen Qualität, Geschmack und Herkunft. Im Massenmarkt eher Marketing und Verkauf.“ Zudem empfindet er seinen Job als relativ krisenfest. „Die Nachfrage wächst, denn der Preis spielt eine untergeordnete Rolle.“ Privat trinkt der Portugiese seinen Kaffee schwarz, ohne Milch und Zucker. Coffee to go findet er „zum Weglaufen“.

Uninteressant ist der Markt der Coffee-Shops, ohne die keine Stadt mehr auskommt, deswegen aber nicht. Jungunternehmer mit Mut können auf eigene Geschäftskonzepte setzen oder auf bekannte Namen wie Tchibo, Starbucks und McCafé vertrauen. Nicht alle, aber viele der Ketten sind als Franchiseunternehmen organisiert. Der Geschäftsführer des Deutschen Franchise-Verbands, Torben Brodersen, weiß warum: „Coffee-Shops sind gerade für junge Gründer ein Dauerbrenner und Franchising ein System, das sich bewährt hat. Der Start mit einer etablierten Marke bietet erhebliche Vorteile.“

Stefan Tewes, Geschäftsführer der Kaffeekette Coffee Fellows mit 34 Filialen in Süddeutschland, eröffnet pro Jahr rund zehn Geschäfte und erwartet von seinen Partnern neben 50 000 Euro Eigenkapital und kaufmännischem Basiswissen vor allem Gastgeberqualitäten. „Kaffee ist ein Produkt, das nicht angepriesen werden muss. Die Menschen müssen sich wohl fühlen, das zählt“, sagt er.

Hohe Qualität und Wellness-Atmosphäre: Dazu passt, dass auch die Nachfrage nach Bio-Kaffee wächst. Zwar ist der Absatz nicht mit dem Boom anderer Bio-Lebensmittel vergleichbar. Aber weil die Bauern großer Plantagen ihre Monokulturen mit aggressiven Pestiziden behandeln, nimmt die Zahl der Konsumenten zu, die umweltverträgliche Sorten nachfragen. Öko- und Sozial-Siegel sollen garantieren, dass der Kaffee biologisch angebaut und fair gehandelt wird. Diese Entwicklung spürt auch die Kaffeerösterei Niehoff aus dem Münsterland, die schon in den 80ern Bio-Kaffee aus Mexiko importierte. „Früher war Bio-Kaffee eher ein Nischensegment, mittlerweile wird er auch über den normalen Einzelhandel vertrieben“, erklärt Pia Niehoff, die seit vier Jahren in dem mittelständischen Unternehmen arbeitet, das ihr Vater aufgebaut hat.

Trotz der neuen Trends: „Der klassische Filterkaffee wird in Deutschland auch in Zukunft einen Marktanteil von deutlich über 50 Prozent haben“, sagt Holger Preibisch vom Deutschen Kaffeeverband.

Für Daniel Schmidt ist das wichtig. Der 28-Jährige ist angestellt bei Probat, dem Weltmarktführer für Kaffeeröstmaschinen und -anlagen. Das Familienunternehmen aus Emmerich entwickelt, baut und verkauft vor allem große Industrieröster für Kaffeeproduzenten wie Tchibo. „Sieben von zehn Kaffees, die in der Welt getrunken werden, wurden auf einer Maschine der Probat-Gruppe geröstet", sagt Schmidt. Der Verkaufsleiter ist für die kleinen Fachhändler zuständig.

Daniel Schmidt hat es nie bereut, in der Kaffeebranche gelandet zu sein. „Der Markt wächst, und dahinter verstecken sich jede Menge spannender Jobs“, sagt er. Einmal Kaffee, immer Kaffee – so laute das Motto. „Die Menschen, die im Kaffeegeschäft anfangen, wechseln nicht wieder. Sie sind begeistert von dem Produkt.“

Beitrag aus dem Magazin „Junge Karriere“

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