KARRIERE Frage : an Anja Mengel Fachanwältin für Arbeitsrecht

Kann ich ein Zeugnis fordern?

an Anja Mengel

Zum 31. Mai habe ich gekündigt. Mehrfach habe ich meinen jetzigen Arbeitgeber um ein Arbeitszeugnis gebeten – vergeblich. Jetzt interessiert mich: Habe ich ein Recht auf ein Arbeitszeugnis?

Grundsätzlich ist die Antwort: Ja. Arbeitnehmer haben gemäß Paragraf 109 der Gewerbeordnung und Paragraf 630 des Bürgerlichen Gesetzbuches Anspruch auf ein Arbeitszeugnis, wenn sie das Arbeitsverhältnis beenden.

Das Zeugnis hat zwei Funktionen: Erstens ermöglicht es dem Arbeitnehmer, sich um neue Arbeitsplätze zu bewerben und dient somit seinem beruflichen Fortkommen. Zweitens ist es für Dritte – potentielle neue Arbeitgeber – eine Beurteilungsgrundlage im Einstellungsprozess.

Diese beiden Zwecke sind auch die ungeschriebene arbeitsrechtliche Richtschnur für den Zeugnisinhalt. Ein Zeugnis muss von Wohlwollen für den weiteren Berufsweg des Arbeitnehmers getragen sein und darf daher im Einzelfall zahlreiche zutreffende Umstände nicht nennen, wie zum Beispiel Angaben zur Gesundheit des Arbeitnehmers, Mitgliedschaft im Betriebsrat, einmalige Pflichtverletzungen. Der Zeugnisinhalt muss aber auch der Wahrheit entsprechen und zutreffend informieren. Bei bewusst und erheblich falschen Zeugnisinhalten ist in letzter Konsequenz sogar ein Schadensersatzanspruch des neuen Arbeitgebers gegenüber dem Zeugnisaussteller denkbar.

Ein Zeugnis wird typischerweise als ein „qualifiziertes Zeugnis“ erteilt, das sich auf die Leistung und das Verhalten des Arbeitnehmers bezieht. Es gibt aber auch das einfache Zeugnis zur bloßen Bescheinigung der Art und Dauer der Beschäftigung, das vor allem bei kurzen Arbeitsverhältnissen. Aushilfs- oder sonstigen einfachen Tätigkeiten Anwendung findet. Arbeitnehmer haben nicht stets, aber aus sachlichen Gründen, wie etwa Vorgesetztenwechsel, Versetzung oder Kündigung, Anspruch auf ein so genanntes Zwischenzeugnis, das im (noch) laufenden Arbeitsverhältnis erteilt wird, um die Bewertung für bisherige Tätigkeit festzuhalten oder vor Ablauf der Kündigungsfrist bereits Bewerbungen mit Zeugnis zu ermöglichen.

In der Praxis ist es weit verbreitet, dass Arbeitnehmer ihr Zeugnis selbst entwerfen, oftmals weil der Arbeitgeber sich so Arbeit erspart; durch „zu gute“ Zeugnisse leidet aber das Image des ausstellenden Unternehmens. Außerdem wird ein erfahrener Personaler übertrieben gute Bewertungen eines Bewerbers erkennen.

Ebenso oft gibt es auch Streit um Zeugnisinhalte – oftmals, wenn Arbeitgeber ohne Rücksicht auf die verbreitete Zeugnissprache formulieren oder die rechtlichen Vorgaben zum Zeugnisinhalt nicht kennen. Foto: Promo

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