KARRIERE Frage : Wie kann ich den Chef kritisieren?

Was tun, wenn der Chef Vorschläge abblockt und nur seine eigene Meinung zählen lässt. Eine Frage an Jürgen Hesse, Büro für Berufsstrategie.

Ich arbeite in einer Firma, in der Projektarbeit zum Alltag gehört. Die Arbeit macht mir viel Spaß, ich engagiere mich sehr. Immer wieder aber blockt der Chef meine Vorschläge ab. Und das geht nicht nur mir so, sondern auch meinen Kollegen. Nur seine Meinung zählt. Allmählich macht sich in unserem Team der Frust breit. Was kann ich, was können wir tun?


Das Phänomen des jederzeit nörgelnden, immer alles besser wissenden, seine Mitarbeiter behindernden Chefs ist leider so selten nicht. Es stellt an die Frustrationstoleranz der darunter leidenden Mitarbeiter eine hohe Herausforderung. Aber das Trainieren einer solchen Belastung, das Ertragen und Nicht-Aufgeben ist dringend notwendig und kann eine gute Schule für die zukünftige berufliche Entwicklung sein. Oder anders gesagt: Selbst aus schlechten Beispielen kann man lernen. Bleibt die Frage: Wie lange und wie sehr leiden Sie schon und wieviel Energie haben Sie noch in Ihrem „Reserve-Tank“?

Da Ihre Kollegen ähnliche Probleme mit dem Chef haben, kann man davon ausgehen, dass hinter diesem destruktiven Chefverhalten keine persönlichen Angriffe zu vermuten sind. Ob sich die Situation verändern lässt, hängt auch vom Zusammenhalt der Kollegen ab. Wenn wenigstens eine deutliche Mehrheit der Kollegen die Lage erlebt wie Sie, haben Sie gemeinsam bessere Chancen, etwas zu bewirken. Wie in vielen Fällen, kann eine Aussprache helfen. Bevor Sie sich aber an Ihren Chef wenden, sollten Sie sich untereinander austauschen, sich Klarheit verschaffen, konkret an Beispielen aufzeigen können, welches Verhalten des Chefs wann und wo kontraproduktiv war. So vorbereitet haben Sie gute Argumente auf Ihrer Seite.

Und nun ist Folgendes sehr wichtig. Setzen Sie Ihren Chef nicht auf die „Anklagebank“, sondern eher auf die „Therapiecouch“. Fragen Sie nach, was seine Sorgen sind, statt sich zu be- und ihn direkt anzuklagen. Bringen Sie ihn zum Sprechen, hören Sie ihm geduldig zu. Wenn es gut läuft, äußert er seine Sorgen darüber, was alles schief gehen könnte. Je mehr Sie ihn zum „Auspacken“ bringen, desto größer wird die Chance, dass er sich weniger demotivierend verhält (wenigstens für eine gewisse Zeit!). Denn: Erst wenn das destruktive Potenzial Ihres Chefs entsorgt ist, ist der Weg frei, um ihm Ihr berechtigtes Anliegen zu vermitteln.

Versuchen Sie aber nicht, ihn zu überzeugen, dass Ihre Ideen besser seien als seine. Selbst wenn es so wäre: Viele Chefs haben Mühe dies einzusehen oder gar zuzugeben. Dahinter stecken oft Ängste, selbst nicht zu genügen. Auch Rivalität spielt eine wichtige Rolle im Verhältnis von Chef und Untergebenen.

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