Karriere im Ausland : Auf nach Dubai: Generation Golf

Heute schon im Übermorgenland: Abu Dhabi, Dubai und Katar wachsen trotz Weltwirtschaftskrise. Die Emiratis suchen nach wie vor gut ausgebildete Ein- und Aufsteiger aller Fachrichtungen.

Claudia Obmann

David-Benjamin Kahl hat es vor eineinhalb Jahren nach Dubai gezogen. Damals hat ihm sein deutscher Arbeitgeber, die Max Bögl Bauunternehmung, den Auslandseinsatz angeboten. Der Bau des Mehrzweckstadions klang für den heute 27-Jährigen so spannend, dass er „sofort einwilligte“. Der Ingenieur baut jetzt mit an der Sports City im riesigen Vergnügungspark Dubailand, dem Disneyland Dubais. Stolz ist er darauf, was er auf der Baustelle täglich leistet: „Wer ranklotzt, kann richtig was erreichen.“

Kahl ist nicht der Einzige, der sein Glück am Golf sucht. In der Region, wo Öl und Gas reichlich vorkommen, herrscht statt Depression wie in den USA und Europa weiter Aufbruchstimmung. Mit den Gewinnen der vergangenen Jahre haben sich die Scheichs finanzielle Polster geschaffen. Kaum jemand rechnet mit einem Absturz der Konjunktur, die meisten Schätzungen sagen den Golfstaaten für 2009 ein Wachstum von vier Prozent voraus, nach knapp sechs Prozent im Jahr 2008.

Für die nächsten fünf Jahre sind in den Staaten des Golfkooperationsrates, dem Saudi-Arabien, Kuweit, Katar, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Oman angehören, Projekte im Wert von 1900 Milliarden Dollar geplant oder bereits im Bau. Speziell die westlich orientierten VAE-Mitglieder Dubai und Abu Dhabi, aber auch der Nachbar Katar und der Inselstaat Bahrain haben einen Transformationsprozess eingeleitet – weg vom Öl, hin zu Tourismus, Logistik und Bildung. Großflughäfen, ein Eisenbahnnetz, das die arabische Halbinsel überzieht, Kraftwerke – im Wüstensand entsteht eine Infrastruktur der Superlative. Und damit Tausende Jobchancen für Fachkräfte. Schätzungen anlässlich des von internationalen Personalberatungen wie der Hay Group und der Online-Jobbörse Monster unterstützten Kongresses „Middle East Human Resources Summit“ gehen für die Golfstaaten von einem Bedarf von 1,5 Millionen zusätzlichen Beschäftigten bis 2020 aus.

Beduinen und der Rest leben getrennt

Bauarbeiter aus Pakistan, Putzfrauen von den Philippinen, Nannys aus Namibia, Ingenieure aus Deutschland, Köche aus Frankreich, Manager aus Ägypten. Dubai wirkt zwar schon heute wie der Inbegriff des globalen Dorfs, doch der schöne Schein trügt. In allen Scheichtümern existiert eine starre Drei-Klassengesellschaft: Die Abkömmlinge der Beduinen bleiben meist unter sich, sie sprechen Arabisch, alle anderen Englisch. Auf der zweiten Hierarchiestufe stehen die gut ausgebildeten Ausländer aus dem Abendland. Auf der untersten Stufe kommen Abertausende Niedriglohnarbeiter. Der geringschätzige Umgang mit Personal hat Tradition. „Ein Kamel oder ein Jagdfalke haben für die Nachkommen der Beduinen, denen die Tiere das Überleben in der Wüste sicherten, einen höheren Stellenwert als ein Mensch“, sagt Gabriele Mertens, die Generalsekretärin des deutschen Raphaels-Werks, das Auswanderer und Expatriats berät.

Der Bauingenieur Kahl gehört zur Generation Golf: junge, gut ausgebildete Jobnomaden, die das Abenteuer und das Geld suchen und dabei extrem pragmatisch und ambitioniert vorgehen. Die Zahl der Bundesbürger am Golf ist noch relativ klein. Schätzungsweise knapp fünf Millionen Einwohner zählen die VAE – etwa so viel wie Berlin und sein Umland. Davon sind rund 10 000 Deutsche. In Bahrain und Katar kommen noch mal jeweils ein paar Hundert hinzu. Genauere Erhebungen gibt es nicht. Ihre Heimat auf Zeit hat sie aus dem Gestern ins Übermorgen katapultiert. Seitdem das Öl sprudelt, hat sich das Leben für die Emiratis enorm verändert, sie lassen jetzt arbeiten statt selbst anzupacken. Mertens sagt: „Der Arbeitsmarkt am Golf ist noch immer im Aufbau und wird von Ausländern dominiert. Rund 90 Prozent der Arbeitnehmer in den VAE sind keine Einheimischen.“

Dubai wirkt wie ein Magnet

Gefragt sind Ingenieure, Manager und Handelsvertreter, und inzwischen werden auch Professoren und Wissenschaftler gesucht. Denn die Herrscher investieren in die Bildung. „Deutsche werden sehr wegen ihrer Zuverlässigkeit und Gründlichkeit geschätzt“, sagt Mertens. Zwar sind die Emirate wegen ihrer strengen Einreisebestimmungen kein Auswanderziel wie die USA; Aufenthalte sind zeitlich immer befristet. Doch die Zahl der von Firmen entsandten Mitarbeiter steigt stetig. Ob Hoch-, Tief- oder Anlagenbauer, Konsumgüterhersteller, Krankenhausbetreiber, Messeveranstalter oder Hoteliers: Lukrative Geschäfte wittern die Manager aller Branchen. Von der Vorwärtsstrategie der Golfregion profitieren deutsche Firmen besonders. Ihre Exporte in die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich seit 2000 auf 5,8 Milliarden Euro mehr als verdoppelt.

Wer gut gebildet ist, hart arbeitet und keine Angst hat, sein Leben einer islamisch geprägten Welt anzupassen, der verdient ähnlich gut wie zuhause – nur steuerfrei. Brutto ist am Golf gleich netto.

Von den Emiraten auf der Arabischen Halbinsel ist es vor allem Dubai, das auf ausländische Arbeitskräfte wie ein Magnet wirkt. Nirgendwo sonst auf der Welt werden spektakulärere Bauwerke errichtet. Der erste Streich des staatseigenen Baukonzerns Nakheel war die künstliche Insel in Palmenform „The Palm Jumeirah“. Der zweite wird der höchste Wolkenkratzer der Welt sein, der rund 800 Meter hohe „Turm von Dubai“. Und der dritte: eine zwölfspurige Hängebrücke, die die Stadtteile Burj Dubai und Deira verbindet. Die Golden Gate Bridge in San Francisco ist dagegen ein zierlicher Steg.

Nutze das System aus, so wie das System Dich ausnutzt

Dubai, das Land der Extreme, erlebt auch Ferdinand Storz täglich. Der Deutsche saniert im Emirat Sharjah eine wilde Mülldeponie, um für das übervölkerte Emirat Bauland zu gewinnen. Sharjah ist die „Schlafstadt“ von Dubai, zirka 30 Kilometer nördlich gelegen und von Pendlern bevorzugt. Denn Wohnen ist in Dubai teuer. Ein 30 Quadratmeter kleines Apartment kostet rund 2000 Euro. Die Küstenstraße zwischen Dubai und Sharjah ist oft verstopft, die Fahrt kann bis zu fünf Stunden dauern. Wer ein Allradfahrzeug wie Storz hat, fährt gleich durch die Wüste – auf die Gefahr hin, im Sand stecken zu bleiben. Doch selbst „wenn ich mein Auto eine Stunde lang ausgraben muss, habe ich noch immer zwei Stunden gewonnen“, sagt der junge Ingenieur.

Er ist mit einem klaren Ziel an den Golf gekommen. Er nutzt das System aus, eben so, wie es ihn ausnutzt. Der 28-Jährige will sich das Startkapital für eine eigene Jugendherberge in Australien verdienen und ging das Vorhaben unkonventionell an. Nachdem er von einer Weltreise zurückgekehrt war und keine Arbeit fand, schaltete er eine Anzeige in einer deutschen Zeitung. Sein Stellengesuch brachte ihm den Job als Entwicklungsingenieur. „Gut 5500 Euro pro Monat verdiene ich, davon kann ich locker 3000 bis 4000 Euro zurücklegen, weil mein Arbeitgeber mir auch noch Wohnung, Auto und Handy stellt.“ Seit zwei Jahren teilt sich der flexible Globetrotter mit Kollegen eine Villa samt Swimmingpool und Tennisplatz.

So idyllisch wie in seinem neuen Zuhause auf Zeit geht es auf seiner Arbeitsstelle aber nicht zu: Rund sieben Millionen Kubikmeter Müll gilt es zu recyceln. Im Sand stecken Betonblöcke, halbe Autos, Klimaanlagen. Storz hat ein Riesensieb konstruiert, das die gröbsten Brocken herausfiltert. Kleinere Abfälle müssen Arbeiter danach am Förderband aussortieren. „Weil diese Deponie schon mehr als 30 Jahre alt ist, stinkt der Müll wenigstens nicht mehr“, sagt Storz.

Politische Bewegungen sind nicht erwünscht

Am Müllband arbeiten vor allem Inder und Pakistani. Unter den Fachkräften ist Storz der einzige Deutsche, die anderen Expats kommen aus Syrien und dem Irak. „Die haben ein anderes Verständnis von Führung als wir Europäer. Die schlagen ihre Untergebenen zum Teil auch, um sie zu erziehen“, erzählt der Deutsche.

Der Unmut unter den Arbeitern regt sich. Speziell auf den Baustellen steckt sozialer Sprengstoff. Immer wieder revoltieren die Arbeiter, die aus Pakistan oder Bangladesh stammen und nur rund 200 Euro im Monat verdienen. Sie beklagen sich über lange Arbeitszeiten und niedrige Löhne – die sie teilweise nicht einmal erhalten. „Viel vom Prunk und Protz wird auf dem Rücken der Armen errichtet“, berichtet auch Bauingenieur Kahl.

Wer zur Generation Golf gehört, macht Kompromisse – und zwar auch bezogen auf den eigenen Job. „Denn die Gefahr, von jetzt auf gleich gefeuert zu werden und das Land verlassen zu müssen, ist groß“, sagt Gabriele Mertens vom Raphaels-Werk. Gewerkschaften oder politische Bewegungen sind nicht erwünscht. Der Kulturwechsel ist gravierender, als wenn man als Deutscher zum Beispiel nach Südafrika geht. Denn der Islam ist nicht nur die dominante Religion in den Emiraten, sondern bestimmt auch die Gesellschaftsordnung. Der Koran reicht bis in die Gesetzgebung hinein.

Billigflüge und Internet-Telefonie gibt es nicht

Auf dem arabischen Arbeitsmarkt gelten völlig andere Spielregeln: von der nicht existierenden Arbeitslosenversicherung über spontane Feiertagsanordnungen bis hin zum existenzgefährdenden Kündigungsrecht. „Es ist sträflicher Leichtsinn, per Telefon oder E-Mail einen Arbeitsvertrag abzuschließen“, sagt Mertens. Sie rät dazu, eine internationale Personalvermittlung oder eine deutsche Anwaltskanzlei mit Niederlassung im Mittleren Osten einzubeziehen.

Expats finden über deutsche Stammtische oder über virtuelle soziale Netzwerke wie Facebook zueinander. Telefonnummern weiterzugeben, um sich fürs Quad-Rennen oder Grillen in der Wüste, Kitesurfen oder Schnorcheln im badewannenwarmen Golf zu verabreden, ist unter den Ausländern Volkssport Nummer eins.

Die Generation Golf muss auf viele Errungenschaften des modernen Lebens verzichten. Billigflüge oder Internet-Telefonie gibt es in den Emiraten nicht. In Abu Dhabi ist die Telefon- und Chat-Software Skype, mit der sich gut und günstig Anschluss an die Heimat halten ließe, sogar verboten. In den Emiraten herrschen insgesamt strenge Sitten. „Im Fastenmonat Ramadan haben Restaurants außerhalb der Hotels geschlossen und die Arbeitszeiten werden vorschriftsmäßig auf zehn bis 16 Uhr gekürzt“, sagt Dominik Plewka. Der gebürtige Essener fing vor knapp einem Jahr nach seinem BAchelor-Abschluss in Betriebswirtschaft bei ACI Real Estate als Praktikant an und ist inzwischen zum Vorstandsassistenten aufgestiegen.

Bauingenieur David-Benjamin Kahl, Müllentsorger Ferdinand Storz, Vorstandsassistent Dominik Plewka – sie sind Teil der Generation Golf. Sie genießen einen hohen Lebensstandard und die Exotik der Emirate, gehen dafür aber auch Kompromisse ein. Dass die Gruppe wächst, ist garantiert.

Der vollständige Artikel ist im Internet zu finden unter: www.karriere.de

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