Kreativität : Nicht nur im Büro hocken

Damit Mitarbeiter gute Einfälle bekommen, werden sie auch schon mal in den Park geschickt. Wie Unternehmen Innovationen fördern.

Maria Marquart

Maximilian Fleischer hat mehr als hundert Mal geschafft, was den meisten Menschen nicht ein einziges Mal gelingt. Der 47-jährige Physiker forscht für den Elektrokonzern Siemens und hat über 150 Patente erfunden. „Ich trage Ideen mit mir im Kopf herum und die reifen dann“, erzählt er. Derzeit tüftelt er an Mikrochips, die Gase aufspüren. Dass bei ihm die Erfindungen so sprudeln, führt er auch auf seine Arbeitsbedingungen zurück.

In Zeiten harten internationalen Wettbewerbs wird es für Unternehmen immer wichtiger, die Arbeit effektiver zu machen und bei neuen Entwicklungen vorn dabei zu sein. Dazu ist die Kreativität der Mitarbeiter gefragt, und zwar nicht nur die des Forschers, sondern auch die des Sachbearbeiters oder des Monteurs. Damit sich Kreativität aber entfalten kann, müssen Firmen ein günstiges Umfeld schaffen. „Es braucht den Mut zum Risiko, um Kreativität zu erlauben“, meint Oliver Handlos. Als Kreativdirektor der Agentur Scholz & Friends sind neue Ideen sein tägliches Geschäft. Die Agentur entwickelt alles rund um Kommunikation, von Werbekampagnen bis hin zu TV-Produktionen. Die Ideen dazu fallen den Mitarbeitern meist nicht im Büro ein. „Bewegt euch, seid nicht so bequem“, sagt er seinen Leuten. Handlos schickt sie auch mal ins Naturkundemuseum oder ins Café, um neue Einfälle zu bekommen.

„Kreativität entsteht nicht durch Anspannung und Druck, sagt der Kreativdirektor. Zwar gebe es ein gewisses Zeitlimit, zu Beginn eines neuen Projekts müsse aber erst einmal jede Idee erlaubt sein. Kritik hat da nichts zu suchen.

Dieses Prinzip nutzt auch Bayer Schering Pharma. Der Konzern hat vor etwa zwei Jahren die Initiative Triple-i, was für Inspiration, Ideen und Innovation steht, gestartet. Stößt ein Mitarbeiter im privaten oder beruflichen Alltag auf ein Problem und hat einen Lösungsansatz, kann er seine Idee bei der Konzernzentrale einreichen. Dort wird sie von einem Innovations-Team geprüft. Über 4000 Vorschläge seien bisher eingegangen. Einige waren so gut, dass nun an der Umsetzung gearbeitet wird. Kreativität der Mitarbeiter zahlt sich für Unternehmen aus, wenn die Ideen auch verwirklicht werden.

„Wissenschaft muss für Menschen da sein“, sagt Siemens-Forscher Fleischer. Er schaut öfter in den Werkhallen vorbei, um zu erkennen, wo Probleme auftauchen und nach Lösungen verlangen. Auf Tagungen tauscht er sich mit anderen Tüftlern über neueste Entwicklungen aus. „Siemens ist keine abgeschlossene Burg“, sagt Fleischer.

„Jede Eingrenzung läuft dem Kreativitätsprozess zuwider“, meint wiederum Marcus Mex. Er leitet die Strategie-Abteilung von Dan Pearlman, einer Agentur, die Markenstrategien kreiert. Es sei allerdings nicht leicht, einerseits keine Grenzen zu setzen und andererseits das Unternehmen am Laufen zu halten. Auch bei Dan Pearlman können sich die Mitarbeiter gelegentlich mit dem Laptop in den Park oder in ein Café setzen. Außerdem sind die Arbeitszeiten relativ flexibel, solange das Ergebnis stimmt. Eine helle, offene Atmosphäre in den Büros soll Lust auf die Arbeit machen. Kreativität gehe sehr schnell verloren, wenn die Voraussetzungen nicht stimmten.

Sofas im Büro allein würden aber kein schöpferisches Denken anregen, meint Oliver Handlos von Scholz & Friends. Um Leute auf neue Ideen zu bringen, müsse man sie aus ihrer Routine herausreißen.

Eine Aufgabe, der sich auch die Agentur für Helden immer wieder stellt. Durch den hohen Produktivitätsdruck in Unternehmen bekämen viele Mitarbeiter einen Tunnelblick, sagt Geschäftsführer Andreas Kirsche. Um diese Routine zu durchbrechen, wird auch mal zu drastischeren Mitteln gegriffen. So sprengte die Agentur etwa im Auftrag einer Firma ein Managertreffen. Als die Herren im Konferenzzentrum eintrafen, habe Chaos geherrscht, erzählt Kirsche. Nichts war vorbereitet, sogar Bierkisten von einer vorherigen Veranstaltung standen noch herum. Unter die Manager, die von nichts wussten, hatten sich verdeckt Mitarbeiter der Agentur gemischt, die dann die Regie übernahmen. Die Manager mussten gemeinsam den Konferenzraum aufräumen und ihr Treffen selbst organisieren. Was bisher oft noch nicht geklappt hatte, aufeinander zugehen und zusammenarbeiten, funktionierte plötzlich. „Das Prinzip ist, die Sache aus dem Gleis springen zu lassen“, sagt Kirsche. Durch Chaos und Humor sollten die Manager neue Wege beschreiten.

Mit Humor lasse sich vieles gelassener angehen, meint auch Innovationsberater Helmut Schlicksupp. Im Beruf herrsche oft eine autoritäre Atmosphäre. „Ernsthaftigkeit wirkt wie Zement“, sagt er. Mit Humor dagegen könne eine lockere Atmosphäre entstehen, in der man freier an Themen herangehe, weil Missgeschicke nicht immer gleich so streng bewertet würden. Für Schlicksupp wirkt Humor wie ein Katalysator für Kreativität.

Leonid Sverdlov muss neben Kreativität auch Geduld beweisen. Sein Unternehmen Kan-Tech hat eine Technik entwickelt, mit der sich per Ultraschall etwa Rasierklingen oder Skalpelle feinstens schärfen lassen. Sverdlov muss die Technik ständig weiterentwickeln und daneben noch Abnehmer und Partner finden. Es braucht lange, bis der Bumerang zurückkommt und sich der Arbeitseinsatz auszahlt, ist seine Erfahrung. Trotzdem macht er weiter. „Ich bin absolut glücklich, wenn ich kreativ bleiben kann“, sagt er. „Es treibt mich wahnsinnig an, wenn andere ganz große Augen machen.“

Auch Siemens-Forscher Maximilian Fleischer wird durch Anerkennung motiviert. Ich habe mehrere Siemens-interne Preise eingeheimst. „Ich spüre, die Leute hören auf mich“, sagt er. Der Wissenschaftler leitet auch eine Forschungsgruppe in der Firma und achtet stets darauf, dass jede Idee gehört wird. „Das feuert die Leute mehr an, als ein paar Prozent Gehaltserhöhung.“

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