Lebensträume : Das perfekte Leben

Wer auf der Suche nach dem Traumjob, dem Traummann oder der Traumfrau ist, sollte es besser lassen. Glücklich wird nur, wer sich von zu hohen Ansprüchen verabschiedet

Michael Detering,Diana Fröhlich
315085_0_bf1b93f8.jpg Iittala/Daniel de Viciola
Begleiter für’s Leben gefragt. Im Internet, bei Kochkursen und im Urlaub geht es darum, den perfekten Partner zu finden. Foto: gmsIittala/Daniel de Viciola

Für Christian Seitz ist die eine Welt, die berufliche, in Ordnung. 2003 hatte der heute 31-Jährige den Mut, sich mit einer Tischlerei im niedersächsischen Buxtehude selbstständig zu machen. Er renoviert erfolgreich Fachwerkhäuser und alte Jahrmarktkarussells, hölzerne Schönheiten aus vergangenen Jahrhunderten. Traditionelle Handwerkskunst, das ist seine Leidenschaft. Er beschäftigt heute – je nach Saison – bis zu 25 Mitarbeiter. Und arbeitet selbst rund 15 Stunden am Tag. Auch am Wochenende ist er oft beschäftigt. „Jetzt bin ich noch jung, jetzt kann ich Geld verdienen“, sagt er. „Wenn ich jetzt genug arbeite, kann ich mit 50 in Rente gehen. Das ist mein Traum.“

Die andere Welt, die private, ist dagegen nicht in Ordnung. So zufrieden Seitz im Job ist, so unzufrieden ist er nach Feierabend. Dabei hat er schon alles versucht, nicht mehr allein seine Freizeit verbringen zu müssen. Er sah sich auf dem Schützenfest nach der großen Liebe um, er meldete sich bei einer Dating-Plattform im Internet an, er machte sogar bei der NDR-Fernsehsendung „Land und Liebe“ mit. Er lernte jede Menge Frauen kennen, aber sich fest binden, vielleicht sogar heiraten, das hat bis heute nicht geklappt. Seit fast zwei Jahren ist er solo. „Eigentlich bin ich ein totaler Familienmensch“, sagt Seitz. Doch seine letzte Beziehung scheiterte an seinem Job. Von der Vorstellung, die Traumfrau zu finden, hat er sich inzwischen verabschiedet: „Sie sollte einfach gut zu mir passen und Verständnis für meinen Job aufbringen“, sagt er.

So wie ihm geht es vielen jungen, gut ausgebildeten Menschen. Sie machen Abitur, ziehen von zu Hause aus, Studieren, absolvieren Praktika in China und Südafrika, reisen durch Australien und ignorieren die Krise weitgehend. Sie verdienen gutes Geld, gründen eventuell ein eigenes Unternehmen. Kurzum: Sie haben die Freiheit, alles zu tun, was sie möchten. Und nutzen sie.

Doch geht das überhaupt, richtig glücklich sein, den perfekten Job und den perfekten Partner zu finden und dann auch zu halten? Experten warnen vor dem Wunsch nach einem Leben ohne Kompromisse: „Glück ist im menschlichen Bauplan nicht angelegt“, sagt der Kölner Psychologe Stephan Grünewald. „Wer ein stimmiges Privatleben sucht und gleichzeitig auch Karriere machen will, der schafft dies nur, indem er beruflich und privat Abstriche macht und den hohen Erwartungsdruck in allen Lebensbereichen hinter sich lässt.“ Grünewald weiß, dass die hochgesteckten Wünsche an den Job und den Partner nur Probleme schaffen: „Übertriebene Ansprüche sind der Glückskiller Nummer eins.“

Der Ehrgeiz, den Akademiker im Berufsleben an den Tag legen, färbt auch ins Private ab. Im Job gehört es zum guten Ton, alle paar Jahre Unternehmen, Position und Ort zu wechseln. Immer einen Schritt weiter nach vorne, alles für die Karriere. Ähnlich im Privatleben: Viele arrangieren sich zwar mit einem Partner, haben eine gemeinsame Wohnung, verstehen sich gut mit den Schwiegereltern – und suchen nebenbei weiter. Vielleicht findet sich ja doch noch ein besserer Partner, „Mister oder Miss Perfect“". Jemand, der noch besser zu einem passt. Eben wie im Job.

Christian Draws ist Single. Der 26-Jährige ist Industriekaufmann bei einem mittelständischen Unternehmen in Wuppertal und macht parallel eine Weiterbildung zum staatlich geprüften Betriebswirt. Zwei Abende in der Woche und der Samstag gehen dafür drauf. „Da bleibt für eine Beziehung einfach keine Zeit. Ich bin derzeit nicht auf der Suche nach einer Freundin“, sagt er. Außerdem genießt Draws durchaus die Freiheit, die er als Single hat. „Ich muss mich mit niemandem abstimmen.“ Doch er gibt zu: „Natürlich fehlt mir was im Leben.“ Sobald der berufliche Stress vorbei ist, will er sich auch wieder anderen Dingen zuwenden. Und wenn dann zufällig die Traumfrau auftaucht, ist er offen für eine neue Partnerschaft.

Einfach dürfte das allerdings nicht werden. Das Risiko, dauerhaft Single zu bleiben, ist für Bessergebildete besonders groß, sagt der Soziologe Jochen Hirschle von der Fern-Universität Hagen. Sie suchen ihre Partner vor allem in der Schule, an der Uni oder am Arbeitsplatz. Sie gehen seltener in Diskos oder Kneipen als diejenigen, die einen Haupt- oder Realschulabschluss haben, um dort ihren Traumprinzen oder ihre Prinzessin zu suchen. Für viele Studenten ist das kein Problem, an der Uni ist die Anzahl potenzieller Partner groß genug.

Im Büro sieht das anders aus. Die meisten Kollegen sind inzwischen vergeben, anderen ist eine Beziehung zwischen Kantine und Kopierer zu heikel. Kein Wunder, dass sich zahlreiche Single-Börsen im Internet wie Parship, Elite-Partner oder Neu.de vor allem auf Akademiker eingeschossen haben. „Für viele Singles stellen virtuelle Datingplattformen aber lediglich einen Ersatz dar, weil sie in ihrer alltäglichen Lebenswelt kaum noch Gelegenheit haben, potenzielle Partner kennenzulernen“, sagt Hirschle.

Immer mehr Akademiker zahlen für ein Profil im Netz monatlich so viel wie für die Mitgliedschaft in einem teuren Fitnessstudio. Das Ziel ist klar: sich zu verlieben. Aber ist das im Internet wirklich einfacher als im realen Leben? „Die virtuelle Suche läuft viel traditioneller ab als gedacht“, sagt Hans-Peter Blossfeld, Soziologe an der Uni Bamberg und Direktor des Staatsinstituts für Familienforschung.

Er hat in einer wissenschaftlichen Studie das Suchverhalten von Singles in Online-Partnerbörsen durchleuchtet und stellt fest, dass Frauen und Männer auch im Netz nach Partnern stöbern, die ihnen hinsichtlich sozialer Herkunft, Bildungsgrad und Status ebenbürtig sind. Und wenn das nicht klappt? „Dann suchen Männer nach unten und Frauen nach oben.“ Sprich: Der Chef sucht die Sekretärin und die Krankenschwester den Arzt. Der Mann wünscht sich eine nette, gut aussehende Begleitung, die Frau einen Ernährer. Laut Blossfeld bleibt, ob bewusst oder unbewusst, auch im Internet das traditionelle Rollenverständnis erhalten.

Mariam Hametner, 33, hat für ihre große Liebe berufliche Abstriche gemacht. Viereinhalb Jahre führte die Finanzexpertin eine Fernbeziehung mit ihrem Freund aus Köln. Sie machte Karriere bei Kreditinstituten in Berlin, München und Frankfurt. Dann unterbreitete ihr ein Headhunter das Traumangebot: Zürich, ein Festgehalt von rund 100 000 Euro, eine Stelle in der Strategieabteilung bei einer Tochter der Großbank Credit Suisse. Die studierte Betriebswirtin war begeistert, sie wollte schon lange ins Ausland. Die Vorstellungsgespräche liefen perfekt. Sie hätte den Job haben können. Doch dann sagte sie ab.

„Ich habe mich gefragt: Was willst du überhaupt? Wie oft willst du deinen Freund sehen? Wie lange hältst du die Stressbelastung durch das viele Pendeln noch aus?“, erzählt Hametner. Die elegant gekleidete Frau mit den lockigen, braunen Haaren entschied sich für die Liebe – und hat ihre Karriere zumindest vorübergehend aufgegeben. Sie zog mit ihrem Freund zusammen, im August haben die beiden geheiratet.

Heute arbeitet sie als selbstständige Finanzmaklerin in Köln. Das sechsstellige Festgehalt ist nur noch ein Traum. Jeden Monat schaut sie, dass genügend Aufträge hereinkommen. Sie hat das gemacht, was Experten raten: Abstriche machen, Kompromisse eingehen. Doch richtig glücklich ist sie damit nicht. Die Suche nach dem perfekten Leben geht also weiter. Für Tischler Christian Seitz im Privaten, für Hametner im Job.

Gekürzter Beitrag aus der Dezemberausgabe des Magazins „Junge Karriere“

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