Lehrbauhof in Marienfelde : Klagen allein hilft nicht

Bei der Suche nach Lehrlingen sollten Betriebe auch schwächere Schüler berücksichtigen.

Alexander Riedel
Fit werden für den Beruf: Jeremy Schulze probiert auf dem Lehrbauhof verschiedene Gewerke aus. Der Straßenbau interessiert ihn besonders.
Fit werden für den Beruf: Jeremy Schulze probiert auf dem Lehrbauhof verschiedene Gewerke aus. Der Straßenbau interessiert ihn...Foto: Mike Wolff

Auf den ersten Blick scheint alles klar: Mit Beginn des aktuellen Ausbildungsjahres waren bundesweit noch mehr als 100 000 Lehrstellen frei, dem standen etwa ebenso viele junge Menschen gegenüber, die noch auf der Suche nach einem Platz waren. Im Prinzip könnte sich die Geschichte hier in Wohlgefallen auflösen – indem die freien Stellen an die Bewerber vergeben werden. Doch natürlich ist es nicht ganz so einfach: Nicht immer passen Ort und Branche des Ausbildungsplatz zu den Plänen der meisten Jugendlichen. Umgekehrt bemängelt die Wirtschaft seit Jahren fehlende Qualifikationen der Bewerber.

Doch langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass diese Klage allein nicht weiterhilft. Die jungen Menschen werden immer weniger, die Auftragsbücher sind voll, und gerade Handwerksbetriebe kämpfen oft auch noch mit einem Imageproblem. „Man kann nicht davon ausgehen, dass die besten jungen Leute zum Bau kommen“, sagt Andreas Koch-Martin, Geschäftsführer des Berufsförderungswerks der Fachgemeinschaft Bau Berlin und Brandenburg, dem sogenannten Lehrbauhof in Marienfelde. Während manch ein Betrieb sich bereits im Ausland nach geeigneten Kandidaten umschaut, setzt Koch-Martin darauf, junge Menschen, die bislang durch das Raster gefallen sind, an einen Ausbildungsplatz heranzuführen.

In einem von der Senatsverwaltung geförderten Projekt haben er und sein Team vier Monate Zeit, um etwa Hauptschulabsolventen, die seit Langem eine Lehrstelle suchen, in einem Betrieb unterzubringen. In dieser Zeit sollen die Teilnehmer herausfinden, was sie machen wollen, indem sie vieles ausprobieren. „Wir fangen sehr früh an, praktisch zu arbeiten“, sagt Koch-Martin. „Wenn wir zu verkopft beginnen, können wir die jungen Leute nicht gewinnen.“

Jeremy Schulze ist so ein junger Mensch. Vor zwei Jahren hat er seinen Hauptschulabschluss gemacht. Seitdem hat er viele Bewerbungen geschrieben – vergeblich. „Ich wollte eigentlich zur Bundeswehr, aber das hat nicht geklappt.“ Also machte er Praktika, in einer Druckerei und auf dem Bau. Nur eine Lehrstelle kam nicht dabei rum.

Der Weg kann vom Gesellen üben den Meister bis zum Studium führen

Jetzt ist Schulze am Lehrbauhof. Bislang hat ihn dort der Straßenbau am meisten begeistert. „Ich brauche Bewegung, das ist gut.“ Demnächst geht es für ihn noch einmal zwei Wochen für ein Praktikum in einen Betrieb. „Da freue ich mich schon drauf.“ Schulzes Ziel: Anfang Dezember eine Ausbildung zu beginnen und endlich eigenes Geld zu verdienen.

Es gebe hohe Übernahmequoten, sagt Lehrbauhof-Chef Koch-Martin. „Hinterher sind die jungen Menschen in einer richtigen betrieblichen Lehre und nicht bei irgendeinem Träger.“ Der Lehrbauhof ist für viele so etwas wie eine letzte Gelegenheit. Jeremy Schulze hätte sie beinahe verpasst, als er den ersten Termin für ein Gespräch versäumte, nachdem er seine Bewerbung eingeschickt hatte. Doch dann riefen die Mitarbeiter noch einmal an und nun ist er da. „Es ist die beste Chance, die ich jetzt habe.“ Jeden Tag geht es um 6.45 Uhr los. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit gehören auch zu den Dingen, die den jungen Menschen vermittelt werden sollen. Man kann sich daran gewöhnen: „Am Anfang war es ganz schön früh, aber das finde ich jetzt gut. Man kann gut vorausschauen“, findet Schulze.

Mit einer Ausbildung im Handwerk kann man sich langsam hocharbeiten, vom Gesellen über den Meister bis hin zum Studium. „Durch die bessere wirtschaftliche Situation haben wir eine Chance, diesen Jugendlichen wieder etwas anzubieten“, sagt Klaus Rinkenburger, Chef eines Berliner Netzwerks von Handwerksinnungen. „Die Anstrengungen, um weniger gute Leute fit zu machen, sind größer geworden. Wer will und sich reinhängt, kann tatsächlich etwas werden.“

In den vergangenen Jahren seien viele Betriebe auf einen Kern an Mitarbeitern zusammengeschmolzen. Nun brummt die Konjunktur und die vielen aktuellen Aufträge müssen abgearbeitet werden. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Schulabgänger. Damit möglichst viele Jugendliche den Weg zum Handwerk finden, gehen die Innungen daher immer häufiger in die Schulen und bieten etwa Schnuppertage in Ausbildungszentren oder Werkstätten an. Dabei kann sich das Werben um Hauptschüler besonders lohnen. Gerade erst kam eine Studie der Vodafone Stiftung und der Stiftung Neue Verantwortung zu dem Schluss, dass sie sich ihrem Ausbildungsbetrieb gegenüber oft besonders loyal verhielten und lange dort blieben.

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