Lehrer werden : Zurück auf die Schulbank

Auch Quereinsteiger können als Lehrer arbeiten – wenn sie sich weiterbilden. Die Fächer Mathe, Physik und Informatik sind gefragt.

Judith Jenner
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Wer mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, muss humorvoll, belastbar, geduldig und kommunikationsstark sein. -Foto: dpa

Als Anne K. das erste Mal vor ihrer Klasse stand, hatte sie feuchte Hände und ein Kratzen im Hals, so aufgeregt war sie. Die 33-jährige Betriebswirtin unterrichtet seit zwei Wochen an der Unterstufe einer Berufsfachschule in Solingen, nachdem sie zehn Jahre als PR-Referentin und Eventmanagerin tätig war. Und weil Nordrhein-Westfalen dringend Lehrer braucht, bekam sie problemlos einen Job. Nach dem Abschluss ihres Zweitfachs Mathematik an der Fernuni Hagen und dem berufsbegleitenden Referendariat winkt ihr die Verbeamtung. In NRW wurde die Altersgrenze gerade auf 40 Jahre angehoben.

Auch das Land Berlin setzt auf Quereinsteiger, um offene Lehrerstellen zu besetzen – vor allem an berufsbildenden Schulen. An Oberschulen sind sie bislang eher eine Ausnahme. „Neben beruflichen Fachrichtungen gibt es einen Bedarf bei den allgemeinbildenden Fächern Mathematik, Physik, Informatik und Latein“, sagt Jens Stiller, Pressesprecher der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Auch Spanisch- und Englischlehrer würden immer öfter gesucht, heißt es bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Keine Chance hätten dagegen Germanisten – Deutschlehrer gebe es in Berlin bislang genug.

Um einen Platz für den „vorbereitenden Unterrichtsdienst“ zu bekommen, müssen Bewerber ein mit Magister oder Diplom abgeschlossenes Hochschulstudium haben. Die Abschlussprüfung darf entweder nicht länger als fünf Jahre zurückliegen, oder die Interessenten müssen mindestens drei Jahre „berufsrelevante Erfahrung“ vorweisen, die für das Unterrichtsfach qualifiziert.

Wer einen Platz für das Referendariat ergattert hat, für den beginnt eine anstrengende Zeit. „Neben 19 Stunden Unterricht pro Woche studieren die Quereinsteiger in Seminaren Themen wie Fachdidaktik Erziehungstheorien, Medienpädagogik, Erziehungspsychologie und Schulrecht“, sagt GEW-Sprecher Peter Sinram. Das ist deutlich mehr, als die Kollegen im Referendariat leisten müssen, die ein Lehramtsstudium in der Tasche haben. Dafür werden Quereinsteiger im „berufsbegleitenden Vorbereitungsdienst“ auch besser bezahlt.

Um die neuen Kollegen zu entlasten, versuchen viele Schulen, das Unterrichtspensum herunterzuschrauben und Mentorenprogramme einzurichten. Anne K. hat an ihrer Schule in Solingen die Möglichkeit, bei erfahrenen Kollegen zu hospitieren. Die meisten Lehramtsanwärter sind jedoch so motiviert, dass sie sich durch die harte Anfangsphase von zwei Jahren durchbeißen. Schließlich winkt den meisten anschließend ein unbefristeter Arbeitsvertrag.

„Viele locken die Sicherheit des Berufs und die Freude am Unterrichten“, sagt Peter Sinram. Gerade in wirtschaftlich turbulenten Zeiten orientieren sich Arbeitnehmer um und besinnen sich auf erste pädagogische Erfahrungen, zum Beispiel als Tutor an der Uni. „Als vor einigen Jahren viele Architekten arbeitslos wurden, wählten einige den Weg an eine Berufsschule im Baubereich“, sagt Sinram, der seit etlichen Jahren im Personalrat der berufsbildenden und zentral verwalteten Schulen sitzt. Dort wurden in Berlin die meisten Quereinsteiger eingestellt – inzwischen sind es wohl über 400.

Die Bewerber kommen aus den unterschiedlichsten Berufs- und Altersgruppen. Eine Altersgrenze gibt es nicht. In einigen Bundesländern gelten Limits für die Verbeamtung, die in Berlin aber seit 2004 nicht mehr praktiziert werden. Man sollte sich aber dem anstrengenden Berufsalltag physisch und psychisch gewachsen fühlen.

„Jeder, der mit dem Lehrer-Beruf liebäugelt, sollte sich fragen: Mag ich Kinder? Bin ich begeistert von meinem Fach und kann ich es gut vermitteln?“, rät Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes (DPhV). Für unerlässlich hält er außerdem Humor, Belastbarkeit, Geduld, Kommunikationsfähigkeit und ein gutes Zeitmanagement, um sich Korrekturen und Unterrichtsvorbereitung gut einzuteilen. Sein Verband plädiert für Einstellungstest für Lehrer in Form von Assessment Centern, in denen diese Fähigkeiten getestet werden.

Lehrer müssen sich damit abfinden, dass in der Schule eventuell nur ein Bruchteil seines Fachwissens abgefragt wird, ergänzt Peter Sinram. „Sie sollten ihre Schüler als Kunden betrachten, denen sie das bestmögliche Wissensangebot machen.“

Andreas Wegener vom Schulverein „Private Kant-Schule“ schätzt die Lebens- und Berufserfahrung der Quereinsteiger. „Bei uns unterrichten zum Beispiel eine ehemalige Opernsängerin aus Südafrika Englisch und ein Tänzer Sport.“ Sie bringen neue Impulse in den Schulalltag. Da die Bezahlung etwas schlechter ist als an staatlichen Schulen, sind Schulen in freier Trägerschaft noch stärker auf Umsteiger angewiesen.

„Es ist natürlich besser, Quereinsteiger einzusetzen als Unterricht ausfallen zu lassen“, sagt der DPhV-Vorsitzende Meidinger. Auf der anderen Seite bedeutet ein neuer Kollege ohne pädagogisches Studium auch eine Belastung für das Kollegium, das ihm zu Seite stehen muss. Meidinger plädiert deswegen dafür, den Beruf attraktiver zu machen, sodass sich mehr junge Menschen für die Lehrerlaufbahn entscheiden.

Der Berliner Senat hat dazu ein Reformpaket auf den Weg gebracht, nach dem Berufsanfänger besser bezahlt und mehr Studien- und Referendariatsplätze geschaffen werden sollen. Von der Lohnerhöhung profitieren auch Quereinsteiger, die das Referendariat und das zweite Staatsexamen bestanden haben.

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