Management-Coach Boris Grundl : "Ich war nicht, wer ich sein wollte"

Mit 25 brach sich Boris Grundl die Wirbelsäule. Trotz der Behinderung wurde er ein gefragter Coach. Im Interview erklärt er, wie man sich Ziele setzt und Arroganz ablegt.

Ihr Buch „Steh auf“ trägt den Untertitel „Bekenntnisse eines Optimisten“. Kann man Optimismus lernen?



Beim Optimisten sind von drei Gedanken zwei positiv, beim Pessimisten sind von drei zwei negativ. Es geht also darum, den einen Gedanken, der normalerweise negativ ist, ins Positive zu drehen. Damit meine ich aber nicht, dass man gut drauf sein muss. Eher einen realistischen Optimismus, der auch mit einer Portion Sarkasmus einhergehen darf.

Sie waren mit 25 Jahren nach einem Sprung von einer Klippe von einem Tag auf den anderen gelähmt. Wie findet man in so einer Situation den Optimismus wieder?

Natürlich kam ich mit meiner Situation erst mal überhaupt nicht klar, das ist logisch. Da waren zwei ganz große Ängste: Die eine betraf mein Selbstwertgefühl. Ich hatte natürlich wahnsinnig große Angst davor, dass ich jetzt nicht mehr gebraucht werde. Die zweite war der Selbstvorwurf, wie ich mir so etwas antun konnte. Ich hatte ja mit dem Feuer gespielt. Doch bei meinem ganzen Leiden und Grübeln war ein Punkt entscheidend: Dass ich meine veränderte Situation irgendwann emotional angenommen habe. Eines Morgens bin ich aufgewacht und habe mich über den Rollstuhl gefreut, der neben meinem Bett stand. Ich durfte da rein, vorher musste ich. Das emotionale Annehmen ist ein ganz wichtiges Thema – auch im Beruf. Das habe ich gelernt: Wenn Sie etwas trifft, dann müssen Sie es sich erst einmal in Ruhe angucken. Sie brauchen ein großes inneres Schwimmbecken, in das sie erst einmal ganz viel hineinlaufen lassen können.

Wie funktioniert so ein inneres Schwimmbecken?


Für mich waren nach dem Unfall so einfache Dinge wie aufstehen, waschen und anziehen enorm anstrengend. Ich habe 20 Minuten gebraucht, nur um eine Socke anzuziehen. Aber ich habe nicht aufgegeben. Viele Menschen reagieren zu schnell, anstatt zu überlegen. Wenn man etwas im inneren Raum dreht, zeigt sich irgendwann eine neue Perspektive.

Bleiben deshalb viele Menschen hinter ihren Möglichkeiten zurück?

Ja, weil sie in ihren kurzfristigen Interpretationen verhangen sind. Sie bewegen sich nicht. Sie drehen ein Problem nur in Richtungen, die ihnen bekannt sind.

Wie kann man mehr aus sich herauskitzeln?

Mit gesundem Menschenverstand. Ich bin überzeugt, dass es bei den meisten Dingen darum geht, wenige Prinzipien zu verinnerlichen, anstatt sich immer mit neuem Wissen vollzustopfen. Das ganze intellektuelle Gequatsche wird überinterpretiert. Gerade junge, karriereorientierte Leute, die hauen sich Wissen rein und machen einen Haken dran, wenn sie etwas intellektuell verstanden haben. Doch dann setzen sie sich nicht hin und überlegen, was es in der Tiefe bedeutet. „Kenn ich“ heißt nicht „kann ich“. Dabei geht es eigentlich nur darum, vieles wegzulassen, sich auf wirklich ganz einfache Kernthemen zu konzentrieren.

War diese Erkenntnis Ihre Chance?

Ja, ich hatte einen Vorteil und einen Nachteil. Der Vorteil ist: Meine Uhr wurde auf null gestellt. Dabei hatte ich ganz wenige Ressourcen. Zum Beispiel in meinen ersten Berufsjahren im Vertrieb für einen Medizintechnikhersteller. Meine nicht behinderten Kollegen waren mir ja auf den ersten Blick haushoch überlegen. Ich konnte einen Kundenbesuch machen, die machten in der gleichen Zeit drei. Ich musste also in einem Besuch wirkungsvoller sein als die in ihren drei.

Werden zu oft die Umstände verantwortlich gemacht, wenn etwas nicht rund läuft?

Klar, das ist der Klassiker. Wenn Sie der Produktmanager sind, können Sie das Produkt nicht beeinflussen, aber Sie dürfen es auch nicht dafür verantwortlich machen, dass Sie Ihre Arbeit nicht machen können. Was Sie beeinflussen können, ist die Art und Weise wie Sie das Produkt darstellen und verkaufen. Mit dem, was ich nicht beeinflussen kann, beschäftige ich mich am besten erst gar nicht. Alles andere wäre dumm. Das Paradoxe ist: Je konsequenter ich das mache, desto größer wird mein Einflussbereich auch auf Produkte. Bei mir ist es so: Wenn ich in die Stadt gehe, gibt es ein paar Wege, die ich nutzen kann. Tausend andere kann ich nicht nutzen. Und mit denen beschäftige ich mich gar nicht erst.

Helfen Krisen dabei, sich selbst zu erkennen und sich weiter zu entwickeln?

Mir gefällt das Zitat aus einem Song von Xavier Naidoo: „Der Mensch lernt nur, wenn er Scheiße frisst“. Man muss nicht wirklich ganz tief fallen. Aber mal auf die Schnauze zu fallen hilft, Arroganz abzulegen.

Nach Ihrem Unfall hat Ihnen kaum jemand zugetraut, jemals wieder in einer eigenen Wohnung zu leben, Ihr Sportstudium zu beenden und einen Vollzeitjob zu machen. All dies haben Sie trotzdem geschafft, Sie sind ein gefragter Coach. Muss man sich seine Ziele sehr hoch stecken?

Da war auch eine richtige Portion Dickköpfigkeit dabei. Ich war wie ein trotziges Kind. Auf dem Weg musste ich auch immer wieder zurückschalten. Mein erster Einkauf im Supermarkt mit Rollstuhl war eine Katastrophe. Heute weiß ich: Das Bild, dass ich abgeben wollte, stimmte nicht mit dem überein, was ich war. Das ist auch ein großer Fehler, den viele im Job machen. Meistens nehmen sich die Leute wahnsinnig viel vor, aber die innere Sicherheit fehlt.

Anders gefragt: Braucht man hochgesteckte Ziele, muss diese dann aber immer wieder nachjustieren?

Ziele sind Diener, Diener der Entwicklung. Das muss man begreifen. Sehr oft wird ein definiertes Ziel nämlich zum Herren. Natürlich möchte ich mich meinen Zielen auch verpflichten, aber sie haben einen dienenden Charakter. Das heißt: Ich kann mit ihnen jonglieren. Hier geht es wieder um das emotionale Annehmen: Gelingt es mir, auch Ziele, die vorgegeben werden, wirklich zu meinen zu machen?

Eine Gleichung von Ihnen lautet: „Ziele + Selbstvertrauen = Motivation“. Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass Ziele und Selbstvertrauen Hand in Hand gehen. Wenn ich nicht genug Selbstvertrauen habe, dann muss ich mir erst mal ganz kleine Ziele setzen. Wenn jemand Leute über glühende Kohlen laufen lässt und sagt, „du musst nur an dich glauben“ ist das Mist. Wenn Sie beim Hochsprung gerade mal über 1,50 Meter kommen, können Sie die Latte nicht einfach auf zwei Meter legen.

Sie haben mal 20 Minuten gebraucht, um sich eine einzelne Socke anzuziehen. Wie schnell sind Sie heute?

Das dauert ungefähr 30 Sekunden pro Socke.


Das Gespräch führte Dorothee Fricke. Beitrag aus dem Magazin „Junge Karriere“


Boris Grundl

Boris Grundl ist 25 Jahre alt, als er im Urlaub in Mexiko von einem Felsen springt und unglücklich auf dem Wasser aufschlägt. Seitdem ist der damalige Sportstudent querschnittsgelähmt. 90 Prozent seines Körpers gehorchen ihm nicht mehr. Seine Perspektive ist es, ein Pflegefall zu werden. Doch Grundl gibt nicht auf und macht als erster Student im Rollstuhl sein Diplom an der Kölner Sporthochschule.

Kurz danach fängt er im Vertrieb eines Medizintechnikherstellers an. Er macht eine Blitzkarriere als Produktmanager, Außendienstleiter und Key Account Manager und steigt bis zum Marketing- und Vertriebsdirektor in einem europäischen Großkonzern auf. Heute ist er ein gefragter Managementtrainer, Autor und Inhaber der Grundl Leadership Akademie. Er berät Kunden wie die Deutsche Bank, Daimler, SAP oder IBM.

In seinen Büchern „Steh auf! – Bekenntnisse eines Optimisten“ und „Leading Simple“ zeigt er, wie man sich und andere führt.

Der 43-jährige Grundl ist verheiratet und hat zwei Kinder. Mit seiner Familie lebt er in Trossingen im Schwarzwald. Als Rollstuhl-Rugby-Spieler hat er 2000 an den Paralympics in Sydney teilgenommen. JK

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