Maschinenbau : Einst Tüftler, jetzt Teamworker

SIe sind gesucht wie seit Jahren nicht mehr. Doch die Maschinenbauer sollen heute nicht nur Fachkenntnisse mitbringen, sondern müssen auch kommunikativ sein.

Katja Wilke
Maschinenbau
Auch Maschinenbauer arbeiten im Team und an Projekten. -Foto: ddp

Der Personalreferent des kleinen mittelständischen Betriebes druckst am Telefon ein wenig herum. „Jaaa“, sagt er gedehnt, „Sie können gerne einen Maschinenbauer aus unserem Unternehmen sprechen. Aber wundern Sie sich nicht: Der ist nicht so gesprächig. Ein Ingenieur eben...“. Aha, das Klischee lebt: Der Ingenieur als Technikfreak, kaum in der Lage über etwas anderes zu sprechen als über seine Werkzeugkiste. Doch fest steht: Der Mitarbeiter, den der Personaler lieber verstecken würde, gehört zu einer aussterbenden Spezies. „Die Universitäten wissen mittlerweile, dass Ingenieure Soft Skills brauchen, und vermitteln das auch den Studenten“, sagt Silke Buchholz, Personalreferentin bei Trumpf. Der Werkzeugmaschinenproduzent stellt jährlich rund 50 Ingenieure ein.

Auswahlkriterien sind dabei immer stärker die sozialen Schlüsselqualifikationen, die Soft Skills eben. Denn der Berufsalltag des Ingenieurs hat sich radikal geändert. Früher war es der Regelfall, dass Ingenieure allein an technischen Lösungen bastelten und sich nur mit anderen Fachleuten austauschten. Heute arbeiten sie in interdisziplinären Teams und haben häufig intensiven Kontakt zu ihren Kunden, die regelmäßig an Neuentwicklungen beteiligt sind. „Ganz wichtig ist, dass Bewerber wissen, wie Projektarbeit funktioniert“, sagt Silke Buchholz. Zudem erwarten die Arbeitgeber heute auch, dass die Einsteiger bei technischen Problemen von Anfang an die Kosten im Blick haben. Dass aber gleich jeder Maschinenbauer vertiefte ökonomische Kenntnisse mitbringt, fordern sie nicht. „Es ist nicht nötig, aus einem Ingenieur einen halben Betriebswirtschaftler zu machen“, sagt Jens Geißmann, Assistent der Geschäftsführung im Verband der Maschinenbauer (VDMA). Dafür gebe es bereits andere Studienangebote, etwa den Wirtschaftsingenieur. Dennoch: „Die Anforderungen an Bewerber sind hoch“, betont der Spezialist für Nachwuchsfragen. Auch bei der fachlichen Qualifikation wollen die Arbeitgeber keine Abstriche machen. Der Trend, hervorragend ausgebildete Mitarbeiter einzustellen, halte in der Metall- und Elektroindustrie an. „Qualifizierte Ingenieure sind die Basis für die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in der Hightech-Branche Maschinenbau.“ Denn der deutsche Maschinenbau ist führender Anbieter im Welthandel, vor den USA und Japan.

„Die wirtschaftliche Kraft des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus ist beeindruckend“, versichert Geißmann. 2006 betrug das Produktionswachstum der rund 6000 Maschinenbau-Unternehmen mit knapp 900 000 Beschäftigten sieben Prozent, für das laufende Jahr rechnen Experten mit einem Plus von vier Prozent. Der derzeitige Umsatz liegt bei 167 Milliarden Euro. Berufseinsteiger und junge Berufstätige haben gute Berufsaussichten mit hervorragenden Karrieremöglichkeiten. Besonders mittelgroße Unternehmen haben einen riesigen Bedarf an Ingenieuren, vor allem in kundennahen Bereichen. Und so ist es gerade für den Mittelstand „problematisch, ausreichend Nachwuchs zu finden“, wie Klaus Henning, Dekan der Fakultät für Maschinenwesen an der RWTH Aachen, beobachtet. „Wenn das Bruttoinlandsprodukt um zwei Prozent oder mehr wächst, haben wir ein Problem mit dem Nachwuchs in den nächsten Jahren.“ Genau dahin aber geht der Trend. Die einzige Lösung aus dem Dilemma ist für ihn, Frauen stärker für Ingenieurberufe zu interessieren, möglichst schon in der Schule. Dass viele Studenten auf den Einstieg in Konzerne fixiert sind, kritisiert Henning. „Die Großunternehmen wirken attraktiver und haben scheinbar mehr Sicherheit zu bieten. Das ist aber ein Mythos.“ Die Unis müssten besser vermitteln, was den Standort Deutschland ausmacht: die kleinen Spezialisten nämlich, wie etwa Zulieferer der Autoindustrie.

Entscheidend ist für viele Absolventen, dass kleinere Mittelständler schlichtweg weniger zahlen als die Großunternehmen, die ihnen die Talente mit guten Einstiegsgehältern abjagen. „Einige Bewerber treten ganz schön forsch auf und fordern Summen als Einstiegsgehalt, die wir einfach nicht zahlen können“, klagt der Personalleiter eines kleineren Zulieferbetriebes, der nicht genannt werden möchte. Henning hält die Einstiegsgehälter der Großen für überhitzt, insbesondere, wenn die Bewerber Zusatzqualifikationen im Bereich Wirtschaft oder Informatik bieten oder eine Promotion vorlegen können. „Da geht die Schere momentan weit auseinander.“ Trumpf will den Gehaltspoker nach eigenen Angaben nicht mitmachen. „Wir versuchen auch durch andere Vorzüge zu überzeugen“, sagt Silke Buchholz. „Einsteiger bekommen früh Verantwortung und haben gute Entwicklungsmöglichkeiten.“

Besonders reizvoll sind für viele Bewerber auch die internationalen Einsatzmöglichkeiten, die größere Unternehmen bieten. Nach Angaben des VDMA hat die Branche eine Exportquote von 78 Prozent. Auch deshalb sind Sprachkenntnisse für Ingenieure immens wichtig. Der Automobilzulieferer Bosch etwa bietet seinen Mitarbeitern die Möglichkeit, an seinen Standorten in mehr als 50 Ländern zu arbeiten. Julia Krämer hat diese Chance schon während ihrer Traineeausbildung genutzt: Fünf Monate kümmerte sich in Mexiko um die Optimierung von Produktionsprozessen. Während ihres Studiums absolvierte die 28-Jährige ein Praktikum in den USA, ihre Diplomarbeit fertigte sie für ein deutsches Unternehmen in Indien im Bereich Abwassertechnik an. „Das sind wichtige Erfahrungen, die mir jetzt helfen“, sagt sie.

Die kleineren Unternehmen, die ihren Mitarbeitern keine internationale Perspektive bieten können, müssen aufwachen, wenn sie im Kampf um die jungen Talente nicht ins Hintertreffen geraten wollen. Dekan Henning von der RWTH mahnt sie, sich Gedanken über bessere Entwicklungschancen zu machen. Ausschlaggebend kann für Einsteiger zum Beispiel ein klares Signal sein, dass man es in dem Unternehmen schnell in die oberen Etagen schafft. Große Mittelständler haben das längst erkannt. Bei Trumpf werden zum Beispiel 80 Prozent der Führungspositionen aus den eigenen Reihen besetzt. Generell sind die Chancen von Ingenieuren, nicht nur Fachkarriere zu machen, in den letzten Jahren gestiegen, hat Jens Geißmann vom VDMA beobachtet: „Immer mehr Ingenieure übernehmen Führungsverantwortung. In den Unternehmen der Investitionsgüterindustrie besetzen sie bereits über die Hälfte der Chefsessel. In den kommenden Jahren stehen viele Unternehmer vor der Regelung der Nachfolge – was eine weitere Chance bedeutet.“

Auch andere Branchen greifen nach dem Nachwuchs. Beratungen etwa stellen gern Ingenieure ein – bei meist überdurchschnittlichen Einstiegsgehältern. Roland Berger zahlt beispielsweise 60 000 Euro Jahresbrutto. Rund 20 bis 30 Prozent der Neueinstellungen sind Ingenieure. Haben diese keine wirtschaftliche Zusatzausbildung, erwarten die Berater, dass sie zumindest Spaß an kaufmännischem Denken und ein breites Allgemeinwissen haben. „An Ingenieuren schätzen wir die analytischen Fähigkeiten, genau wie bei Mathematikern und Naturwissenschaftlern“, sagt Nina Wessels, die bei McKinsey das Recruiting leitet. Im Berateralltag sind Ingenieure bei der größten Strategieberatung in Deutschland deswegen auch nicht auf technische Unternehmen abonniert. „Sie haben die Wahl, als Generalist einzusteigen oder sich mit entsprechender Erfahrung in ihrem Spezialgebiet zu engagieren“, sagt Wessels. Andere Beratungen schätzen dagegen die technische Affinität für den Spezialeinsatz: „Ingenieure verstehen sehr schnell technische Produktionsabläufe, das fällt ihnen häufig leichter als BWLern", sagt Sven Breipohl von Roland Berger. Die Auswahl an Jobs für Ingenieure ist in der Tat riesig. RWTH-Dekan Henning mahnt aber, aktuelle Entwicklungen nicht aus den Augen zu verlieren, und appelliert an die Unternehmen zur Standorttreue. „Teile der Produktion sind abgewandert“, sagt er, „und jetzt stehen wir vor der Situation, dass aufgrund des Ingenieurmangels auch die Entwicklungsabteilungen aus Kostengründen ins Ausland verlagert werden könnten. Wir sägen damit an dem Ast, auf dem wir sitzen?“Karriere

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