Maschinenbauer : Mit Kopf und Hand

Junge Maschinenbauer verzweifelt gesucht: Um Einsteiger zu ködern, locken Arbeitgeber nicht nur mit Top-Gehältern, sondern sogar mit Bildungs-Sponsoring und Beförderungsgarantien.

Kirstin von Elm

Die Speedmaster hat es Jan Ortlieb angetan. Als Qualitätsmanager im Bereich Produktentwicklung trägt der 29-jährige Motorsport-Fan dazu bei, dass die schwere Maschine immer schneller und zuverlässiger läuft. In seine Garage würde sie allerdings niemals passen – die Speedmaster ist keine Renn-, sondern eine 13 Meter lange Bogenoffset-Druckmaschine. Jan Ortlieb arbeitet auch nicht bei BMW, sondern bei der Heidelberger Druckmaschinen AG.

Bogenoffsetdruck – das klingt für viele Nachwuchs-Ingenieure längst nicht so sexy wie Benzineinspritzpumpe. Befragt nach ihren Wunscharbeitgebern nennt nahezu jeder fünfte BMW, gefolgt von Audi, Porsche und Daimler. Den schwäbischen Maschinenbaukonzern wählt dagegen nur rund ein Prozent in die Pole-Position. Zu Unrecht, meint Jan Ortlieb: „In der Speedmaster steckt mindestens so viel innovative Spitzentechnik wie in einem Sportwagen.“

Der begeisterte Motorradfahrer hat zwar zunächst wie seine Kommilitonen auch über eine Karriere im Fahrzeugbau nachgedacht. Sein Praxissemester absolvierte er bei BMW Motorrad, die Diplomarbeit zum Thema Bremstechnik schrieb er bei einem großen Automobilzulieferer. Doch am Ende machten Druckmaschinen bei ihm das Rennen: „Ich wollte nicht zum Experten für linke Blinker werden“, sagt Ortlieb. Statt hoher Spezialisierung, wie sie für Entwicklerjobs im Automobilbereich typisch ist, wollte Ortlieb lieber ein vielseitiges Aufgabengebiet beackern.

Das so genannte Graduate Programm bei Heidelberger passte perfekt zu ihm: Innerhalb von 18 Monaten durchlief Ortlieb Stationen in der Entwicklungsabteilung, assistierte den Kollegen in der Produktion und im Kundenservice und arbeitete für den Druckerproduzenten in London. „Ich konnte Kontakte zu verschiedensten Abteilungen knüpfen. Davon profitiere ich heute sehr“, lobt Ortlieb. Für seinen Job als Qualitätsmanager ist er auf den guten Draht zu Konstrukteuren und Servicetechnikern angewiesen. „Ich konzipiere zum Beispiel Tests, mit denen wir nachweisen, dass unsere Maschinen bestimmte Anforderungen erfüllen“, erklärt er eine seiner Aufgaben. Oder er erstellt Risikoanalysen und stößt Verbesserungen an. „Die Mischung aus Praxisanwendung und Prozessgestaltung sowie die Möglichkeit, eigenständig zu arbeiten, gefällt mir sehr“, schwärmt der junge Diplom-Ingenieur. Der 29-Jährige berichtet direkt an den Leiter des Zentralbereichs Qualität – darüber kommt nur noch der Vorstand.

In das Graduate-Programm bei Heidelberger werden jährlich eine Hand voll Bewerber aufgenommen. Kandidaten rekrutiert das Unternehmen direkt an den Hochschulen, mit der TU Darmstadt besteht zum Beispiel eine langjährige Forschungskooperation. Auf der Website finden sich zudem zahlreiche Angebote für Praktika, Diplom- oder Studienarbeiten. Das mittelmäßige Abschneiden bei Arbeitgeber-Rankings wie dem Absolventen-Barometer des Trendence Instituts sieht man beim Druckmaschinen-Primus gelassen: „Wir wünschen uns nicht mehr Bewerber, sondern höchstens bessere“, heißt es aus der Personalabteilung.

So entspannt ist kaum ein Personalrecruiter in der Ingenieur-Branche: Nahezu jedes dritte Unternehmen gibt zu, aus Personalnot Abstriche bei der Bewerberqualität in Kauf zu nehmen. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Besonders laut jammern die Maschinenbauer: Drei von vier Unternehmen beurteilen ihre Chancen auf ausreichend Fachkräfte derzeit als schlecht bis sehr schlecht. Dahinter steckt eigentlich eine gute Nachricht. Der deutsche Maschinenbau läuft seit vier Jahren auf Hochtouren, allein 2007 betrug das Umsatzplus 13,6 Prozent. Trotz 50 000 Neueinstellungen im letzten Jahr rechnet der Verband Deutscher Anlagen- und Maschinenbauer für 2008 mit 30 000 weiteren Jobs, davon rund 5 000 für Ingenieure.

Wenn sich in der Hitliste der Wunscharbeitgeber trotzdem kaum reinrassige Maschinenbauunternehmen finden, liegt das wohl daran, dass die größte deutsche Industriebranche vom Mittelstand dominiert wird. Nur 1,5 Prozent aller Maschinenbauer beschäftigen mehr als 1 000 Mitarbeiter – darunter neben Heidelberger zum Beispiel Werkzeugmaschinenhersteller Trumpf, Industrieroboter-Spezialist Kuka oder Papiermaschinenproduzent Voith. 90 Prozent der Firmen bleiben unter der Marke von 250 Mitarbeitern, fast jede zweite beschäftigt sogar weniger als 50 Mitarbeiter.

Neben prestigeträchtigen Markennamen und Managementposten verzichten Bewerber bei kleineren Betrieben auch leicht auf ein paar Tausend Euro Gehalt: Wer als Maschinenbau-Absolvent in einem Konzern mit über 5 000 Mitarbeitern einsteigt, verdient im Durchschnitt inzwischen fast 8 000 Euro mehr pro Jahr als bei einem Kleinbetrieb. In der Spitze zahlen die Großen Top-Absolventen vom Start weg Jahresgehälter um die 50 000 Euro, während bei kleineren Unternehmen nur wenige Nachwuchs-Maschinenbauer die 40 000-Euro-Marke knacken.

Trotzdem gibt es gute Gründe, den Mittelstand als Bewerber nicht links liegen zu lassen. Neben flachen Hierarchien und persönlichem Gestaltungsspielraum zählt dazu die Arbeitsplatzsicherheit: Gerade Großkonzerne wie Siemens, Continental oder BMW bauen zahlreiche Stellen ab. „Die Entwicklung verlagert sich immer stärker zu kleinen, innovativen Zulieferern. Dort entstehen viele neue Arbeitsplätze", sagt Frank Lichtenberg, Chef der Wiesbadener Technologie-Beratung Invensity. Sein Fazit: „Nicht Name oder Größe, sondern Innovationskraft und Flexibilität eines Unternehmens garantieren heute einen sicheren Arbeitsplatz.“

Katrin Kaps macht sich um ihren Job jedenfalls keine Sorgen. Die 28-jährige Maschinenbau-Ingenieurin arbeitet bei Eos in Kraillingen. Der Mittelständler mit 250 Mitarbeitern ist Weltmarktführer für Laser-Sinter-Maschinen. 2008 soll das Team genau wie in den kommenden vier Jahren um jeweils zehn Ingenieure wachsen. Personalreferentin Alexandra Wirnshofer freut sich dabei besonders über qualifizierte Bewerberinnen: „Ingenieurinnen bringen eine ganzheitlichere Perspektive in Entwicklungsprojekte, von denen der deutsche Maschinenbau profitieren wird“, ist sie überzeugt. Beispiel Verkehr: Während Männer sich hauptsächlich für leistungsfähige Motoren begeisterten, dächten Frauen auch an Umwelt- oder Sicherheitsaspekte. Noch sind Maschinenbauerinnen allerdings eine seltene Spezies. Mit rund 17 Prozent liegt die Frauenquote im Fach Maschinenbau und Verfahrenstechnik weit unter dem Durchschnitt aller Studienfächer von 47,8 Prozent. Auch auf den letzten Erstsemester-Partys herrschte angesichts von 6666 Studienanfängerinnen und 31 365 Studienanfängern mal wieder eindeutig Männerüberschuss.

Um die wenigen Bewerberinnen fürs eigene Unternehmen zu begeistern, setzen Arbeitgeber verstärkt flexiblere Arbeitszeiten oder Familienförderung. Firmenbroschüren werben mit freiwilligen Baby-Benefits wie Begrüßungsgeld, Betreuungszuschüsse, Weiterbildung während der Elternzeit oder gar Familienmahlzeiten in der Betriebskantine. „Die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf entwickelt sich vom Softfaktor zum ähnlich harten Auswahlkriterium wie das Gehalt oder die Aufstiegschancen“, bestätigt Hans-Peter Klös, Geschäftsführer des Instituts für Wirtschaftsforschung die neue Entwicklung. Jedes zweite Unternehmen, das Ingenieure beschäftigt, will laut IW Köln die neue Waffe gegen den Fachkräftemangel künftig verstärkt nutzen.

An der Gehaltsschraube drehen Arbeitgeber dagegen eher zögerlich. Zwar sei der Verhandlungsspielraum in den letzten Jahren gestiegen, weiß Christian Näser von der Kienbaum-Managementberatung. Ingenieuren, die eine Gehaltserhöhung fürs Bleiben rausschlagen wollen, rät der Vergütungsexperte aber zu Augenmaß: „Forderungen von mehr als zehn Prozent Plus sind unrealistisch.“

Wer trotzdem mehr will, sollte in seine Ausbildung investieren. Eine Promotion bringt bereits beim Einstieg bis zu 10 000 Euro mehr, belegen Zahlen des VDI-Verlags. Mit dem Titel steigen auch die Chancen, später in eine lukrative Führungsposition aufzusteigen und den Abstand zu den nicht-promovierten Kollegen noch weiter zu vergrößern. Sieben Prozent aller Absolventen, also rund 1 100 Maschinenbauer eines Jahrgangs promovieren.

Für die Doktorwürden müssen die Nachwuchs-Ingenieure nicht zwangsläufig auf ein attraktives Gehalt, Branchen- und Berufserfahrung verzichten. Statt jahrelang für seinen Prof zu schuften, hat sich Fabian Grasse zum Beispiel lieber ein wirtschaftsnahes externes Forschungsprojekt gesucht. Als Angestellter der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) in Berlin führt der 29-Jährige im Rahmen seiner Promotionsarbeit für ein Energiekonsortium Versuche an Windkraftanlagen durch. „Eine Hochschulkarriere kam für mich nie in Frage“, erzählt er. Forschungspraxis und Doktortitel sollen sich beim nächsten Job in der freien Wirtschaft auszahlen.

Zunehmender Beliebtheit erfreuen sich Bachelor-Ingenieure auch in der Unternehmensberatung. Erstklassige Adressen wie McKinsey oder die Boston Consulting Group (BCG) haben für sie maßgeschneiderte Einstiegsprogramme aufgelegt, die nach zwei bis drei Berufsjahren ein weiterführendes Master-Studium mit anschließender Job- und Beförderungsgarantie vorsehen. „Vor allem bei Projekten, bei denen technische Details eine große Rolle spielen, verlangen die Kunden häufig einen Ingenieur im Team“, sagt Just Schürmann, bei BCG fürs Recruiting verantwortlicher Geschäftsführer. Es locken abwechslungsreiche Aufgaben, gute Bezahlung und hervorragende Weiterbildungsmöglichkeiten und vielleicht auch ein Managementposten in der Industrie.

Beitrag aus dem Magazin „Junge Karriere“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben