Mediziner : Schreibtisch oder OP?

Der Markt für Mediziner verändert sich rasant. Krankenhäuser konkurrieren mit Versicherungen und Beraterfirmen um den Nachwuchs. Besonders gute Chancen haben Ärzte, die sich in Betriebswirtschaft auskennen

Christoph Hus,Julia Groth
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Klassisch. Obwohl es viele neue Wege gibt, wollen die meisten Absolventen nach wie vor Arzt werden. Foto: Picture Alliance/gms

Susanne Gheorghiu muss sich nicht darum kümmern, ihren Patienten Rechnungen und Mahnungen zu schicken. Das erledigt die Buchhaltungsabteilung ganz allein. Denn die 34-jährige Frauenärztin arbeitet seit zwei Jahren als Angestellte in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ), das der private Klinikkonzern Asklepios betreibt. Gheorghius Alltag dort gleicht dem eines niedergelassenen Arztes – nur eben ohne Papierkrieg.

Für die junge Ärztin eine ideale Kombination. „Es war mir wichtig, nicht in einer Wald-und-Wiesen-Praxis zu arbeiten“, erklärt sie. „In eine Klinik wollte ich aber auch nicht, wegen der Nacht- und Wochenenddienste.“ Anstrengende Schichtarbeit hatte die gebürtige Kielerin lange genug ausgehalten: Fünf Jahre ihrer Ausbildung zur Fachärztin absolvierte sie in einer Klinik. Das letzte Jahr verbrachte sie im MVZ im niedersächsischen Seevetal – und blieb dann dort.

Ein MVZ ähnelt einer herkömmlichen Gemeinschaftspraxis, in der mehrere Mediziner unter einem Dach arbeiten. Allerdings sind die Ärzte dort nicht selbstständig, sondern Angestellte des Betreibers – also eines privaten oder öffentlichen Unternehmens oder eines gemeinnützigen Trägers. Für die Mediziner bedeutet das ein geringeres Risiko: „Die Investitionen, die man als niedergelassene Ärztin tätigen muss, sind so hoch, dass sie sich durch die Einnahmen heute kaum noch decken lassen“, sagt Gheorghiu. Das Leben als angestellte Ärztin erscheint ihr verlockender als das Wagnis, Unternehmerin zu werden. „Die Branche ist im Umbruch.“

Dank ihrer Entscheidung für das MVZ kann sich die Frauenärztin jetzt nicht nur auf ein regelmäßiges Einkommen verlassen, sondern hat auch flexible Arbeitszeiten, ein Recht auf bezahlten Urlaub und auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Darüber hinaus hat sie mehr Möglichkeiten zur Veränderung als niedergelassene Ärzte: Sie kann einfacher den Arbeits- und Wohnort wechseln und sich stärker spezialisieren. Keine eigene Praxis zu besitzen, ist für Gheorghiu deshalb eher ein Gewinn als ein Verlust. „Ich bin hier im MVZ sehr zufrieden“, sagt die Ärztin.

Wie Gheorghiu profitieren viele junge Mediziner davon, dass sich die Gesundheitswirtschaft in den vergangenen Jahren rasant gewandelt hat. „Die Veränderung bringt viele neue Karrieremöglichkeiten mit sich“, sagt Veronika Ulbort, Partnerin der Personalberatung Odgers Berndtson, die Unternehmen aus der Gesundheitsbranche bei der Personalsuche und -auswahl berät.

So gibt es für Ärzte nicht nur Arbeitsplätze, die die Vorteile einer Tätigkeit als Praxisarzt mit der Sicherheit eines Angestelltenverhältnisses verbinden wie im MVZ. Auch Unternehmen aus anderen Branchen suchen nach Medizinern, zum Beispiel Versicherungen und Unternehmensberatungen. Und: Der Vormarsch privater Krankenhausbetreiber sowie der Mangel an jungen Ärzten in Deutschland heizt den Wettbewerb um Absolventen auch in klassischen Arztberufen an.

Die meisten offenen Stellen für Mediziner gibt es im Gesundheitswesen, belegen Zahlen der Bundesärztekammer. In diesem Bereich suchten Arbeitgeber zwischen März 2008 und Februar 2009 mehr als 7300 Mitarbeiter. Das sind rund 600 mehr als im Vorjahreszeitraum. In der Medizintechnik waren mehr als 1400 Arbeitsplätze frei.

Neue Karrierechancen für Ärzte bieten sich vor allem dort, wo sich Medizin und Betriebswirtschaft überschneiden. Zum Beispiel bei Beratungsgesellschaften: „Der Gesundheitsmarkt konsolidiert sich, und daraus entsteht ein enormer Beratungsbedarf“, erklärt Personalberaterin Ulbort. So müssen Krankenhäuser immer stärker auf ihre Kosten achten und streben nach effizienteren Prozessen. „Mediziner sind wegen ihrer fachlichen Expertise als Berater begehrt“, sagt Ulbort.

Auch Versicherungen haben Verwendung für Mediziner. Zum Beispiel die Allianz: Bei der Münchener Assekuranz entscheidet Fabian Stehle über ungewöhnliche Arztrechnungen, die Kunden der privaten Krankenversicherung einreichen. Außerdem hilft Stehle dem Versicherer, auf dem neuesten Stand der Medizin zu bleiben. Der 30-Jährige hat bei der Allianz eine steile Karriere gemacht. Im März ist er zum Referatsleiter aufgestiegen – nur vier Jahre nachdem er seinen ersten Job bei dem Unternehmen angetreten hat.

Besonders gute Chancen haben Ärzte in Unternehmen, wenn sie sich schon während des Studiums auch Betriebswirtschaftswissen angeeignet haben und über internationale Erfahrung verfügen, zum Beispiel aus einem Praktikum. Empfehlenswert ist auch ein internationaler MBA-Abschluss, der viele Türen öffnet, sagt Personalberaterin Ulbort.

Die Mehrheit der Medizin-Absolventen strebt aber immer noch in klassische Arztberufe. Auch hier braucht sich niemand Sorgen um seine berufliche Zukunft zu machen. „Der Arbeitsmarkt für Ärzte ist in Deutschland im Moment in einer so guten Verfassung wie seit Jahrzehnten nicht mehr", freut sich Andreas Botzlar, Bundesvorstand des Ärzteverbands Marburger Bund.

Ein Grund: Private Klinikbetreiber sind rasant auf dem Vormarsch. 526 Krankenhäuser betreiben sie inzwischen, fast ähnlich viele Häuser wie freie Träger und der Staat. Beobachter gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung in den kommenden Jahren noch beschleunigen könnte, weil sich viele Kommunen ihrer teuren Kliniken entledigen wollen.

Ebenfalls schnell gestiegen ist in den vergangenen Jahren die Zahl der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), die die Krankenhausgesellschaften betreiben. 2004 gab es erst ein solches Zentrum, im vergangenen Jahr zählte die Kassenärztliche Bundesvereinigung bereits 429. Rechnet man die MVZ anderer Träger hinzu, kommt man in Deutschland bereits auf knapp 1200 solcher Einrichtungen.

Die Ärzte dort sollen Patienten nicht nur ambulant behandeln, sondern sie bei Bedarf auch in die Kliniken des eigenen Unternehmens überweisen. Vor allem private Krankenhausunternehmen werden deshalb wohl auch in Zukunft auf die Eröffnung weiterer MVZ setzen.

Private Klinik- und MVZ-Betreiber locken junge Ärzte mit vergleichsweise hohen Gehältern. So verdienen die Mediziner im ersten Berufsjahr bei den Helios-Kliniken 3800 Euro pro Monat. Die Konkurrenten Rhön-Kliniken und Sana-Kliniken zahlen mit 3650 und 3529 Euro ebenfalls überdurchschnittlich viel Gehalt, belegen Zahlen des Marburger Bunds.

Zum Vergleich: In einem evangelischen Krankenhaus in Ostdeutschland bekommen Jungärzte gerade einmal 3036 Euro pro Monat. Bei Fachärzten sind die Unterschiede ähnlich hoch – wenn auch auf einem anderen Niveau: Wer einen Facharztabschluss vorweisen kann, erhält pro Monat rund 1000 Euro mehr als ein Mediziner ohne Abschluss.

Finanziell punkten die privaten Krankenhäuser aber nicht erst nach dem regulären Berufsstart der Ärzte. Gleich mehrere Betreiber sind dazu übergegangen, Medizinstudenten schon während des Praktischen Jahres (PJ) eine Vergütung zu zahlen. Das war bisher unüblich, obwohl die PJler oft eigenständig mitarbeiten – und keineswegs nur Kollegen über die Schulter schauen. Inzwischen folgen mehrere Krankenhäuser nicht-privater Träger dem Beispiel, um im Wettbewerb um Jungmediziner nicht ins Hintertreffen zu geraten.

Mit diesen finanziellen Anreizen reagieren die Krankenhausbetreiber darauf, dass die Arbeit als Klinikarzt vielen Nachwuchsärzten unattraktiv erscheint. In der Regel arbeiten Mediziner dort im Schichtdienst auch nachts und am Wochenende. Die Arbeitsbelastung ist hoch, und die Karriereaussichten mäßig. Wer dennoch ins Krankenhaus will, denkt deshalb oft über einen Job im Ausland nach, zum Beispiel in Großbritannien oder Skandinavien. Dort gelten die Arbeitsbedingungen als besser.

Nicht nur das Wachstum der privaten Krankenhausbetreiber heizt den Wettbewerb um junge Ärzte in Deutschland an, sondern auch die Überalterung der Berufsgruppe. In den vergangenen zehn Jahren ist das Durchschnittsalter deutscher Mediziner kontinuierlich gestiegen, beweisen Zahlen der Bundesärztekammer. Während im Jahr 1997 noch 22 Prozent der Mediziner jünger als 35 Jahre war, ist dieser Anteil inzwischen auf 16 Prozent abgestürzt.

In manchen medizinischen Fachgebieten ist der Nachwuchsmangel besonders dramatisch. So sind nur 1,5 Prozent der Psychiater und 3,7 Prozent der Radiologen jünger als 35 Jahre. Unter den Internisten, Allgemeinmedizinern und Chirurgen ist die Situation mit einer Quote von 3,8 Prozent ähnlich besorgniserregend. In diesen Fachgebieten werden sich jungen Medizinern also noch auf Jahre hinaus beste Einstiegsmöglichkeiten bieten – egal ob sie im Krankenhaus oder in einer eigenen Praxis arbeiten wollen.

Der fehlende Nachwuchs stellt die Personaler in Krankenhäusern inzwischen vor ein ernstes Problem. Rund ein Drittel der westdeutschen und die Hälfte der ostdeutschen Kliniken finden nicht genug Fachärzte, warnt die Bundesärztekammer.

Den vollständigen Beitrag, der auch über Karrierechancen von Pharmazeuten berichtet, finden Sie im Internet unter: www.karriere.de

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