Karriere : Meister des Weins

Auch in Berlin kann man zum Weinexperten werden: Ein neuer Lehrgang spricht Existenzgründer und Quereinsteiger an. Gastronomische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich

Ulrich Amling

Wer Wein trinkt, lebt gut. Aber auch vom Wein lässt sich gut leben. Während der Konsum von Bier und Schnaps in Deutschland kontinuierlich sinkt, erlebt Wein eine Phase stetig steigender Nachfrage. Und die soll nach den Vorhersagen des Branchendienstes „International Wines and Spirits Record“ auch in den nächsten fünf Jahren anhalten. Den größten Zuwachs orten die Alkoholmarktforscher im Preissegment ab acht Euro pro Flasche. Eine kleine Sensation, die das wachsende Prestige des Weinkonsums dokumentiert. Denn mit gut 90 Prozent geht das Gros der Lese zu Discountpreisen unter vier Euro über die Theke.

Vom gehobenen Weingenuss profitieren vor allem die Gastronomie und der Fachhandel. Hier werden Weinkundige gesucht, die sich mit Fingerspitzengefühl im Spannungsfeld zwischen Genuss und Bilanz bewegen, die zuhören und begeistern, den Keller pflegen und Entdeckungen machen können. Der Sommelier avanciert zum gastronomischen Trendberuf.

Auch der Handel will dem gestiegenen Genuss- und Wissensdrang der Weinkäufer mit Fachkräften begegnen. So wechselte unlängst Deutschlands berühmtester Sommelier Hendrik Thoma vom Hamburger Spitzenhotel Louis C. Jacob zum Handelskonzern Metro, um dort den Bereich Wein zu leiten. Nachwuchs wird dringend gesucht, wie Alexander Kohnen, Direktor der Deutschen Wein- und Sommelierschule (DWS) bestätigen kann. Viele seiner Absolventen würden von Metro gleich als Abteilungsleiter engagiert.

„Es sind gute Zeiten für den Wein“, sagt Kohnen. Die DWS, eine Bildungseinrichtung der Industrie- und Handelskammer zu Koblenz, hat auf den dynamischen Weinmarkt reagiert und zu ihren IHK-geprüften Lehrgängen Sommelier und Weinfachberater eine neue Weiterbildung ohne Zulassungsbarrieren entwickelt: Der „Wine Expert“ soll ambitionierte Weinkenner, Existenzgründer im Weinhandel und Quereinsteiger in der Gastronomie mit der Welt des Weines vertraut machen. Der erfolgreiche Abschluss der Ausbildungsstufen Bronze, Silber und Gold, die jeweils vier Wochenenden umfassen, öffnet den Weg zur Zulassung für die IHK-Sommelier- oder Weinfachberaterprüfung. So macht der „Wine Expert“ diese Abschlüsse auf Meister-Niveau erstmals für Bewerber ohne gastronomische Vorbildung möglich.

Gerade ist der allererste „Wine Expert“ in Koblenz gestartet, Lehrgänge in der Berliner Niederlassung der DWS folgen bereits im Mai und September (siehe Kasten). Die meisten angehenden Experten sind nach Beobachtung von Alexander Kohnen Existenzgründer im Weinfachhandel. Viele wollen aus einem geliebten Hobby einen erfolgreichen Beruf machen, eröffnen einen eigenen Laden oder werden Franchise-Partner von Handelsunternehmen wie „Barrique“ oder „Jacques' Weindepot“.

Dazu ist neben Leidenschaft für den Wein viel Wissen erforderlich, um sich am Markt behaupten zu können. Neue Produkte wollen entdeckt und sicher bewertet werden, die Kalkulation muss stimmen, das Sortiment sicher zusammen gestellt sein. Kunden wollen beraten und Mitarbeiter geschult werden.

Der „Wine Expert“ muss alles wissen: von Klima, Boden, Anbaugebieten, über Weinbereitung und professionelle Weinprobenleitung, bis hin zur Harmonie von Speisen und Wein plus Verkaufsrhetorik. Weit über 400 Weine lernt er während des Lehrgangs zu verkosten und fachgerecht zu beschreiben. Eine Herausforderung für die Sinne ist es, zwischen Aromaparcour und Weinglas die wichtigsten Indizien für eine bestimmte Rebsorte zu erkennen. Banane und weißer Pfeffer? Das müsste ein Grüner Veltliner sein!

Auch wenn Berlin fern der klassischen Weingebiete liegt, soll neben diszipliniertem Verkosten die praktische Anschauung nicht zu kurz kommen. In Zusammenarbeit mit Google Earth können etwa die Grand-Cru-Lagen des Bordeaux überflogen und auf ihre besonderen Eigenschaften hin untersucht werden, abendliche Runden mit renommierten Winzern sollen das Lehrangebot abrunden. „Wein gehört wieder zur Kultur“, freut sich Alexander Kohnen. Wer kundig ist, dann davon profitieren. Ulrich Amling

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