Karriere : Mit dem Rucksack zum Job

Backpacker können mit ihren Abenteuerreisen im Lebenslauf punkten

Christian Schnohr

Jeden Februar, pünktlich zu Beginn der Semesterferien packte Dominik Hohmann seine Koffer. Beziehungsweise seinen 55-Liter-Rucksack. Von Berlin aus eroberte er dann als Backpacker die Welt, bis hin zu den einsamen Stränden von Koh Samet in Thailand. „Ich war süchtig, musste jedes Jahr wieder los“, sagt der heute 28-Jährige Betriebswirt. Es folgten Laos, Kambodscha, Indonesien und Myanmar. Unterwegs lernte er zwar viel fürs Leben und spannende Menschen kennen – doch die Sorgen um die „Zeit danach“ blieben. „Klar hab’ ich gejobbt in der Zeit, auch mein Englisch dürfte inzwischen topp sein. Doch wie soll ich bei der Bewerbung die ganzen Lücken im Lebenslauf erklären?“

Karsten Ulbrecht vom Coaching-Unternehmen „Ihr Bewerbungsbüro“ rät zur Ehrlichkeit. „Heute müssen Lücken im Lebenslauf kein Ausschlusskriterium mehr sein“, sagt er. „Kann man seine Auszeit plausibel begründen, ist das bei vielen Firmen kein Problem.“ Damit stützt Ulbrecht die These der Münchener Kulturanthropologin Jana Binder. Sie war selbst mehrere Monate mit dem Rucksack unterwegs, hat andere Backpacker begleitet oder in den Jugendherbergen und Hostels nach deren Motivation und Reisezielen befragt.

„Backpacker von heute kokettieren oft nur mit den Hippieklischees“, sagt Binder. „Sie stammen meist aus der gebildeten, leistungsorientierten Mittelklasse und wollen sich durch diese Art von Reisen die gefragten Softskills aneignen.“ Mit einer Rucksackreise könnten sie beweisen, dass sie flexibel, mobil, teamfähig und interkulturell kompetent sind. Binder hat herausgefunden, dass auch Universitäten und Stiftungen den Backpackern diese Eigenschaften zugesteht. „Rucksackreisen sind nicht ausschlaggebend, um einen bestimmten Job zu bekommen. Aber es kann bei der Bewerbung den kleinen Unterschied ausmachen“, sagt Binder.

„Wer heute einen lückenlosen Lebenslauf hat, gehört zur Minderheit“, verrät Bewerbungscoach Karsten Ulbrecht. „Ein guter Personalchef wird den Bewerber spätestens im Gespräch darauf ansprechen. Daher sollte man sich eine Antwort zurecht legen.“ Je nach Ausgangslage empfiehlt Ulbrecht, seine Rundreisen oder Auslandsaufenthalte zu nutzen, um im letzten Drittel des Lebenslaufes kurz auf die dort erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten einzugehen. „Das kann auch eine Chance sein, gut ins Gespräch zu kommen.“

Doch welche Branchen bevorzugen Bewerber mit einer weniger geradlinigen Lebenslinie? „Am stärksten sicherlich die Reisebranche, dazu bekommen Backpacker sicher auch in den Bereichen Design und Medien sowie in allen kulturellen Jobs ihre Chance“, so der Experte. Kulturanthropologin Jana Binder hat auf ihrer Forschungsreise auch viele Traveller aus der IT-Branche kennen gelernt. Bei Firmen, die auf die asiatischen Märkte drängen, kann ein dort erfahrener Backpacker einen Fuß in die Tür bekommen: Er kennt mitunter Sitten und Gebräuche der exotischen Länder. „Und natürlich kann man Glück haben und einem Personalchef gegenüber sitzen, der früher selbst als Backpacker unterwegs war“, sagt Binder.

Auslandserfahrung schätzen grundsätzlich alle Personaler: „Neben einer kurzen Ausbildungszeit und guten Noten zeichnen sich Bewerber auch durch persönliche Erfahrungen aus", sagt Vera Werner von der Allianz AG. Wichtig sei jedoch, welches Ziel der Bewerber mit seiner Reise verfolgt habe. Reine Abenteuerlust schätzt man bei der Allianz anscheinend: Der Vorstandsvorsitzende Michael Diekmann hat selber 18 Semester studiert und ist mit einem Kleinbus über den Balkan gereist. Anschließend schrieb er den Reiseführer „Wildnis privat“ über eine Kanutour in Kanada. Wenn man die Reiselust gut rüberbringt, haben Süchtige wie Dominik Hohmann gute Chancen. Christian Schnohr

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