MUSIKBRANCHE IM WANDEL - Was Einsteiger können müssen : Der richtige Ton

Wer Tonmeister, Kaufmann für audiovisuelle Medien oder Musiklehrer werden will, muss gewöhnlich eine Ausbildung machen. Aber auch Quereinsteiger haben Chancen – wenn sie musikalisch begabt sind.

Martin Wohlrabe

Spätestens seit Rammstein kennt man den Namen Tim Renner. Neben der deutschen Band hat der Musikproduzent auch Tocotronic, Element of Crime und Sportfreunde Stiller berühmt gemacht. Nachdem er Anfang 2000 mehrere Jahre Vorstandsvorsitzender der Universal Music Group in Deutschland war, baut er heute die Firmengruppe Motor Entertainment auf, zu der neben Radiosendern, Musikverlag, Label, Buchungsagentur und Management auch der Internetfernseh-Sender Motor TV gehört. Renner versteht sein Unternehmen als Rundumservice für Künstler: Von der CD über Konzerte bis zum T-Shirtdruck kommt alles aus einer Hand: „Ein Megatrend“, sagt Renner, sei seine Geschäftsidee. Die Musik-Unternehmen der Zukunft werden die Dienstleister der Stars, ist er sich sicher.

Die Musikbranche ist im Wandel. Mit der Digitalisierung des Klangs hat sich der Markt gravierend verändert. Unternehmen hatten in den vergangenen Jahren mit Raubkopien und Umsatzeinbrüchen zu kämpfen und mussten nach neuen Chancen suchen. Die großen Labels entließen Mitarbeiter, Fusionen waren an der Tagesordnung. Doch die Branche ist dabei, sich zu fangen – und wird auch als Arbeitsmarkt wieder attraktiver.

Der Musikmarkt in Berlin wächst kontinuierlich, bestätigt Tanja Mühlhans. Seit der Jahrtausendwende gebe es 23 Prozent mehr Unternehmen, nämlich 1500 in der Stadt, sagt die Senats-Expertin für Musikwirtschaft. Mehr als 13 600 Mitarbeiter arbeiten heute im Musiksektor. Es gibt zahlreiche Einrichtungen, die Musiker ausbilden, an 155 Musikschulen werden in Berlin über 40 000 Schüler unterrichtet. Immer mehr Musiker arbeiten in der Stadt, Konzertveranstaltungsagenturen boomen.

In der Branche kann man in den verschiedensten Professionen tätig sein. Es gibt Künstler, Produzenten, Aufnahmetechniker, Konzertveranstalter und DJs. Im weitesten Sinne gehören aber auch Musiklehrer, Musikjournalisten und Musiktherapeuten dazu. „In vielen Berufen sind spezifische Ausbildungen oder ein Studium Voraussetzung“, sagt Claudia Reisinger vom Deutschen Musikinformationszentrum in Bonn. So qualifiziert zum Beispiel ein Masterstudium an der Universität der Künste zum Tonmeister. Auch für den Orgelbaumeister gibt es eine Ausbildung. Musikverlage bieten eine Lehre für Kaufleute für audiovisuelle Medien an. Doch in der Branche tummeln sich auch eine Reihe von Quereinsteigern.

Das berichtet auch Peter James vom Verband Unabhängiger Tonträgerunternehmen, Musikverlage und Musikproduzenten (VUT) in Berlin. So würden ehemalige Musiker und Musikfans etwa als Manager von Künstlern, als Musikregisseur im Studio, der Aufnahmen leitet, oder als Künstlerbetreuer arbeiten. Klassische Ausbildungen hätten die wenigsten durchlaufen, die in diesen Bereichen tätig sind: „Eine Nähe zur Musik und ausgezeichnete Repertoirekenntnisse braucht man aber, um in solchen Jobs Chancen zu haben“, sagt James. In diesem Bereich bewege sich besonders bei den Existenzgründern viel.

Denn: Gerade unbekannte Musiker müssen oft ohne große Firmen im Hintergrund starten. Sie greifen auf kleine Dienstleister zurück oder gründen ihre eigenen Tonträgerunternehmen oder Verlage und kümmern sich selbst um die Vermarktung ihrer Musik und die Tourneeorganisation. Durch das Internet haben sie die Möglichkeit, über Downloadportale wie Beatport, Musicline oder iTune ihre Musik zu verkaufen. Außerdem können sich Labels und Künstler über die Onlinecommunity „My Space“ vermarkten. Manche Nachwuchsmusiker gehen ihren Weg, indem sie als Allrounder ihr gesamtes Management selbst in die Hand nehmen. Andere spezialisieren sich, um eine Nische zu besetzen und dadurch ihre Chancen auf dem Markt zu verbessern. „Der Markt für Jung-Künstler ist durch die digitalen Möglichkeiten besser geworden“, meint Tid Osammor vom Plattenlabel „More Music“. Gerade in Berlin hätten Musiker den Vorteil kurzer Wege und zahlreicher Netzwerke.

Auch Horst Weidenmüller, der Inhaber des Plattenlabels K7, beschäftigt Quereinsteiger. Das Label verlegt unter anderem Künstler wie „Kruder & Dorfmeister“, „Ursula Rucker“ und „A Guy Called Gerald“. In der Firma arbeiten Talentscouts, Produkt-Manager, Marketingexperten und ein Manager fürs internationale Geschäft. Die meisten seiner 30 Mitarbeiter sind ehemalige Praktikanten, die ihre Begabung direkt im Job bewiesen haben. Neben dem direkten Musikgeschäft gibt es eine Herstellungs-, eine Finanz- und eine Lizenzabteilung.

Auch bei „Headquarter Entertainment“, einer der größten Berliner Konzertagenturen, arbeiten viele Quereinsteiger. Die Firma organisiert internationale Tourneen, aber auch Veranstaltungen in Berlin, zum Beispiel für Max Goldt oder Tocotronic. Seine Mitarbeiter kommen aus den verschiedensten Branchen, sagt der Chef des Unternehmens, Christian Morin: „Learning by doing ist unser Zauberslogan.“

Peter James ist sich wiederum sicher, das Existenzgründer in der Branche bessere Karten haben als Angestellte. Wer heute einsteigt und drei bis vier Musiker betreut, die Produktion, den Vertrieb und Konzerte organisiert, könne damit zwar nicht sofort viel Geld verdienen. Nach fünf Jahren etwa, seien die Chancen aber nicht schlecht – zumindest wenn man gute Musiker unter Vertrag habe.

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