Musikmanager Tim Renner : „Wer exzellent sein will, muss leiden“

Der Berliner Musikmanager Tim Renner über Ideale im Beruf, Karriere aus dem Bauch heraus und die großen Chancen der Kreativwirtschaft.

Tim Renner
Tim Renner.Foto: promo

Herr Renner, wenn man sich Ihre Karriere bis 2001 zum Vorstandschef von Universal Deutschland so anschaut: Studiumsabbrecher, freier Journalist, Topmanager – ist so was heute noch denkbar?



Ich glaube, schon. Das Schöne an der Musikwirtschaft ist ja, dass es keine klaren Karrierewege gibt. Durch die Krise der Branche sind zwar viele BWLer zum Zug gekommen, deren Karriere über das Controlling lief, aber Kreativität zählt noch immer.

Es scheint, als hätten Sie Ihre Karriere immer aus dem Bauch heraus verfolgt.


Der Studiumsabbruch war schon überlegt. Das Germanistikstudium hatte zwar den Vorteil unglaublich attraktiver Studentinnen, aber es hatte auch genau den Nachteil, dass viele unglaublich attraktive Studentinnen Germanistik studierten, weil sie nicht wussten, was sie sonst studieren sollten. Als die dann im Proseminar schon an der Frage scheiterten, was ein Dativ sei, war mir klar, dass der universitäre Weg nicht mein Weg sein konnte. Dann wollte ich lieber weiter als „ungelernter“ Journalist arbeiten und etwas Großes abliefern, etwa ein Buch. Das war quasi Kalkül.

Aber die Buch-Idee brachen Sie auch ab.

Und das war wirklich eine Bauchentscheidung. Bei meiner Recherche übte ich undercover in der Musikindustrie einen Job aus und ging darin immer mehr auf. Also stieg ich dann richtig bei Polydor ein, nahm Element of Crime unter Vertrag und Phillip Boa und landete meinen ersten Charterfolg.

Wie wichtig ist es, nur das zu machen, was man wirklich will?

Wahnsinnig wichtig. Das ist der große Unterschied zwischen gut sein und exzellent sein. Ohne mir im Nachhinein das Zeugnis der Exzellenz ausstellen zu wollen. (lacht)

Wenn man nur macht, was man will, verdient man womöglich nicht viel Geld.

Richtig, aber diese Gefahr besteht auch bei einem normalen Brot-und-Butter-Job, auch der kann schnell kippen. Mein Ansatz wäre immer: Man wird Dinge, die einen ernähren, dort finden, wo man große Leidenschaften hat. Eventuell muss man Nebenjobs eingehen. Aber ich glaube, das größte Potenzial liegt darin, seine Ideen zu verwirklichen und den Leidenschaftsweg zu gehen. Man könnte quasi sagen: Wer exzellent oder kreativ sein will, muss leiden.

Und trotzdem muss man immer wieder Kompromisse eingehen. Wie war das bei Ihnen?

Ich musste die Fusion der zwei Konzernteile Universal und Polygram lenken, und wäre nie im Leben darauf gekommen, dass das so funktioniert, dass mir freundliche, frische Uni-Absolventen von Boston Consulting gegenüber sitzen und mir erklären, dass 650 Mitarbeiter Polygram und 130 Mitarbeiter Universal in der Addition 500 zu ergeben haben. Das war für mich der Punkt, an dem ich mich durch die Karriere von den Ideen und Idealen entfernte, ob derer ich da war.

2004 verließen Sie Universal. Sind Sie gegangen – oder gegangen worden?

Genau dazwischen. Ich hatte ein Budget durchgesetzt. Doch dann sagte mein Chef, es täte ihm leid, doch meine New-Media-Mittel seien gestrichen und bei meinen nationalen Künstlern müssten 52-prozentige Etateinsparungen erfolgen. Da habe ich kurz nachgedacht und dann gesagt: „Sorry, das macht keinen Sinn. Nur über meine Leiche.“ Darauf lautete die Antwort: „Dann bist du jetzt tot.“

Klingt ja wie High Noon.

Man hat ein paar Sekunden Zeit zu überlegen: Unterwirft man sich jetzt, dann wird aber alles noch viel schlimmer. Oder ist das wirklich der Punkt, an dem Grenzen überschritten werden. Ich hätte meinen Job unter den Bedingungen sicher nicht gut gemacht, denn ich hätte mich noch weiter von dem entfernt, was ich über Leidenschaft und Exzellenz gesagt habe.

Sie waren finanziell gut abgepolstert.

Es war eine sehr luxuriöse Situation, in der ich über meine Existenz entschieden habe, das stimmt. Wäre mir das Gleiche einige Jahre früher passiert mit Familie und Ernährungsverantwortung, hätte ich die Zähne zusammengebissen und nicht gekündigt. Aber ich hätte gedacht: Okay, von diesem Moment an suche ich mir jetzt einen anderen Job.

Sie haben dann ja relativ neu angefangen und mit Motor Entertainment Ihr voriges Plattenlabel zum großen Firmennetzwerk ausgebaut. Worin unterscheidet sich Ihr Berufsleben jetzt?

Gegenstände, mit denen ich mich beschäftige, suche ich mir selbst aus. Und Geschwindigkeiten in der Entwicklung kann ich selbst steuern. Wenn ich länger Urlaub machen will, mache ich das

Klingt privilegierter als die Arbeit als Top-CEO.

Was hilft dir ein hohes fünfstelliges Monatsgehalt, wenn du keine Freizeit mehr erlebst, nur weil dein Leben daraus besteht, Zahlen zu wälzen; dich mit Sachen rumzuschlagen, auf die du keine Lust hast; oder abends mit internationalen Künstlern essen zu gehen, die dir inhaltlich am Arsch vorbeigehen?!

Wie steht es aus Ihrer Sicht um die deutsche „Creative Class“?


Ich spreche lieber von den Creative Industries, also der Kreativwirtschaft, zu der wirklich nur die Hersteller und Distributoren medialer oder künstlerischer Produkte gehören. Diese Branche erreicht in Deutschland Größenordnungen, die größer sind als die gesamte Automobilindustrie inklusive Zulieferer. Aber weil sie so kleinteilig ist, hat sie eine viel schlechtere Lobby. Wir reden hier über Betriebe, die laut Kreativwirtschaftsbericht Berlin im Schnitt 3,2 Mitarbeiter haben. Folglich wurde die Branche in ihrer eigentlichen Stärke und Relevanz für die Volkswirtschaft lange Zeit übersehen.

Welche Potenziale bietet die Branche?

Das Potenzial liegt darin, Ideen zu entwickeln, mit denen man auf dem Weltmarkt agieren kann. Wir haben einen globalen Markt, und den können wir durch die Verbreitung durch das Internet aus allen Nischen bedienen und das ziemlich schnell. Das macht die Kreativindustrie so interessant.

Was raten Sie einem Absolventen, der in der Kreativwirtschaft arbeiten möchte?


Der erste Schritt wäre: Geh dorthin, wo deine finanzielle Belastung gering und deine persönliche Freiheit groß ist und wo du die meisten anderen Kreativen findest. Das heißt für Deutsche: Geh nach Berlin. Und sonst: Engagiere dich in einigen wenigen Punkten, die deiner größten Leidenschaft entsprechen, und tue das konsequent. Warte nicht darauf, dass Sachen auf dich zukommen, sondern schaffe sie selbst. Nutze den Vorteil, der dir in der digitalen Welt gegeben ist, dass sich Produktion, Distribution und Kommunikation demokratisiert haben, also nicht mehr die Welt kosten.

Die Branche lebt von Freiberuflern?


Die klassische Jobdefinition greift in vielen Kreativbereichen nicht mehr. Ich beschäftige viele Freie, die ich gern binden würde, die sich aber nicht binden wollen, weil sie bezweifeln, dass sie dadurch größere Sicherheiten haben, sondern nur geringere Freiheiten, noch andere Jobs nebenher zu machen.

Das ist für die Unternehmen aber auch billiger.


Ja und nein. Man könnte sagen, man sparte sich die Sozialabgaben; aber ein guter freier Mitarbeiter wird mir beim Honorar mehr abverlangen, um da eine Kompensation zu erhalten. Problematischer ist es bei Berufsanfängern oder Leuten in austauschbaren Positionen, da wird in der Branche sicher gern Personal eingespart.

Letzte Frage an einen, dessen Berufsleben aus Musik besteht: Ist Musik eher Inspiration oder Frustkiller?

Musik ist für mich eher Inspiration, wobei ich Frust durchaus inspirierend finde. Zur Kreativität gehört ja, dass man auch der Destruktion etwas abgewinnen kann. Wenn sich Sachen verschieben, verhärten oder gar zusammenbrechen – was auch Frustration erzeugen kann –, entsteht dadurch immer auch Aufbruch.

Das Gespräch führte Vasco Boenisch. Der Beitrag ist dem Magazin „Junge Karriere“ entnommen. Das komplette Interview mit Tim Renner lesen Sie unter www.karriere.de/beruf

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben