Nach der Krise : Finanzbranche sucht Nachwuchs

Die Krise hat Banken und Versicherungen durchgerüttelt, dennoch werden dort kräftig Hochschulabsolventen eingestellt.

Frank Burger
Gefragtes Wissen.
Gefragtes Wissen.Foto: ddp

Wer vor dem Sprung von der Hochschule ins Berufsleben steht und überlegt, wo er sein Glück suchen soll, sollte zwischen dem Ruf einer Branche und den Bedingungen, die dort tatsächlich herrschen, unterscheiden können. Denn oft gilt: Totgesagte leben länger. Und manche sind sogar quicklebendig.

So mag zwar der Schluss nahe liegen, dass Banken und Versicherungen in den vergangenen zwei Jahren nicht nur ihr Image ramponiert haben, sondern dass die Unternehmen durch die globale Krise unter substanziellen Problemen leiden. Und sich um viele andere Dinge kümmern als darum, Nachwuchs zu rekrutieren. Doch das ist falsch.

Die Unternehmen, von der Deutschen Bank bis zur Zurich-Versicherungsgruppe, sind überwiegend mit ihrer Geschäftsentwicklung zufrieden. Sie stellen ein, und die Jobchancen für Universitätsabsolventen, so der einhellige Tenor der Branche, stehen derzeit sehr gut. In der Versicherungswirtschaft setzt sich damit ein Trend fort: Trotz Finanzkrise ist deren Akademikeranteil von 16,2 Prozent im Jahr 2005 auf 17,8 Prozent im Jahr 2009 gestiegen. „Und die Versicherungsunternehmen wollen diesen Anteil demnächst noch beträchtlich erhöhen – vor allem durch die Einstellung weiterer frischgebackener Akademiker“, sagt Michael Gold. Er ist Geschäftsführer des Arbeitgeberverbands der Versicherungsunternehmen in Deutschland (AGV).

Bei den Banken dagegen gab es im Zuge der Krise durchaus einen Einbruch bei den Neueinstellungen, aber „spätestens seit diesem Sommer hat die Nachfrage nach Absolventen wieder stark angezogen“, sagt Karin Reuschenbach-Coutinho. Sie ist Leiterin des Career Centre der Frankfurt School of Finance & Management. Viele Geldinstitute hätten erkannt, so die Expertin, dass es ein Fehler sei, in schwierigen Zeiten das Recruiting zu stoppen. Wer erst in einer Boom-Phase einsteigt, wenn ohnehin alle Wettbewerber um hochqualifizierten Nachwuchs buhlen, hat es schwer.

Das heißt nicht, dass die Banken derzeit jeden Bewerber mit Kusshand nehmen. Laut Reuschenbach-Coutinho suchen sie weiterhin vorrangig „die absoluten Top-Leute“. Das heißt, in puncto Abschlussnote sollten die Bewerber zu den besten zehn Prozent gehören. Zudem sollten sie einschlägige Praxis- und Auslandserfahrung sowie gute Englischkenntnisse mitbringen. Doch Reuschenbach-Coutinho macht auch denen Hoffnung, die nicht zu diesen Spitzenabsolventen gehören: „Wenn sich der Markt weiter so entwickelt, stellen die Banken auch wieder Bewerber ein, die mehr durch einen guten theoretischen Hintergrund oder praktische Erfahrungen herausragen.“

Einen anderen Ansatz verfolgt Max Lehmann, Leiter des Talent Centers der Hypo-Vereinsbank, die im kommenden Jahr rund 200 Absolventen einstellen will: „Für uns zählt in erster Linie die Persönlichkeit, wir möchten die Kandidaten daher in zwei ausführlichen Vorinterviews und einem Assessment-Center kennenlernen.“ Wie stark die akademischen Noten beurteilt werden, hängt – nicht nur bei der Hypo-Vereinsbank – auch von der Universität ab, an der sie erreicht worden sind: Eine Zwei in Betriebswirtschaft an der Uni Mannheim kann mehr wert sein als eine Eins in Deggendorf.

Wirtschaftswissenschaftler bilden naturgemäß an allen Instituten die größte Gruppe potenzieller Mitarbeiter, gefragt sind aber auch Naturwissenschaftler, Informatiker und gelegentlich Juristen oder Geisteswissenschaftler. Offene Stellen gibt es derzeit in allen Bereichen, die Hypo-Vereinsbank etwa „rekrutiert quer durch alle Abteilungen“, sagt Lehmann.

Egal, bei welcher Bank und in welchem Bereich die Absolventen anfangen – ihr Einstieg beginnt in 90 Prozent aller Fälle mit einem Trainee-Programm, das je nach Firma und Einsatzgebiet zwischen acht und 15 Monate dauert und in der Regel eine Übernahmegarantie bietet.

Die Aussicht auf Stabilität bietet sich auch Absolventen, die lieber bei einer Versicherung einsteigen wollen. Gesucht werden hier vor allem Mathematiker, Informatiker, Wirtschaftswissenschaftler und Juristen. Laut Branchenverband AGV sind die Stellenbereiche ähnlich breit gestreut wie bei Banken, besonders großer Bedarf herrscht derzeit an Spezialisten für Rechnungslegung, Controlling und Risikomanagement.

Allein die Allianz hat dieses Jahr rund 300 Absolventen eingestellt. Die neuen Mitarbeiter sollen verstehen, was sich durch die Finanzkrise verändert hat: „Früher galten Renditen unter zehn Prozent als langweilig – heute rücken Sicherheit, Finanzkraft und nachhaltige Geschäftsführung wieder stärker in den Blickpunkt der Kunden“, sagt Julia Laas, Leiterin Personalmarketing. Das bedeutet für Absolventen: Die lange als altmodisch geltende Tugend Verantwortungsbewusstsein gehört zu den modernen sozialen Kompetenzen.(HB)

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KARRIERECHANCEN

Jede zweite Bank stellt wieder Mitarbeiter fest ein oder plant dies zu tun. Vor allem für die Bereiche Verkauf und Vertrieb, IT sowie Finanzierung und Controlling sind neue Mitarbeiter gesucht. Dies ergab eine Befragung des Personaldienstleisters Hays unter Entscheidern aus 142 Firmen der Finanzbranche.

ARBEITSVERHÄLTNISSE

Mehr als die Hälfte der deutschen Banken haben ihre Arbeitsverhältnisse flexibilisiert. Sie setzen auf Zeitarbeiter und Freiberufler. Die Fachbereiche sind bei gut der Hälfte aller Firmen für Neueinstellungen hauptverantwortlich zuständig. Personalabteilung unterstützen bei der Stellenbesetzung meist nur.

REKRUTIERUNG

Zur Rekrutierung nutzen die Finanzunternehmen vor allem die eigene Unternehmensseite im Internet, Online-Jobbörsen sowie die Unterstützung durch Personaldienstleister. Soziale Netzwerke wie zum Beispiel Xing oder Linked-In spielen bei der Stellenbesetzung meistens keine große Rolle. HB

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