Naturwissenschaft : Die Stoffentwickler

In Berlin gibt es zwar nur wenige große Chemieunternehmen. Doch das Know-how der Naturwissenschaftler ist hier in vielen anderen Branchen gefragt.

Benjamin Haerdle

Ob als Weichmacher im Waschmittel, als Kunstfaser in der Kleidung oder als Pigment in der Farbe – Chemie spielt in vielen Bereichen des Lebens eine Rolle.

Seit der Schule hat sich Andreas Briel für Chemie interessiert, für Moleküle und ihre Wirkung, für Katalysatoren, die chemische Prozesse beschleunigen und dafür, wie man aus verschiedenen Bausteinen neue Stoffe zusammensetzen kann. Nach dem Abitur schrieb sich der gebürtige Hesse an der Universität Marburg für Chemie ein. Es war dann noch ein weiter Weg, bis er Chemiker wurde und später seine eigene Firma gründete.

Seit 2008 ist Briel Geschäftsführer der Nanopet Pharma GmbH am Robert-Koch-Platz in Mitte. Sein Unternehmen erforscht, produziert und vertreibt Wirkstoffe für diagnostische Bildverfahren, die etwa in Kontrastmitteln bei Ultraschalluntersuchungen oder Computertomographien eingesetzt werden. Und das Unternehmen läuft: Nach zwei Jahren operativer Geschäftstätigkeit erwirtschaften die 14 Mitarbeiter rund eine Million Euro Umsatz im Jahr, berichtet der heute 44-jährige Geschäftsführer.

Die Chemische Industrie ist ein wichtiger Wirtschaftszweig in Deutschland. Sie stellt Grundchemikalien zum Beispiel zur Produktion von Düngemitteln, Kunststoffen oder Computern her, entwickelt Kraft- und Schmierstoffe für die Automobilindustrie und komplexe Stoffe und Medikamente für die Medizin.

Berlin ist zwar im Unterschied zum Rhein-Main-Gebiet, Bayern oder Nordrhein-Westfalen kein klassischer Chemiestandort. Nur 1500 Beschäftigte arbeiten in der Branche. Doch in der Hauptstadt sind Chemiker in vielen anderen Bereichen gefragt. Vor allem in der Pharmazie bauen die Unternehmen der Region auf ihr Know-how. Rund 11 500 Arbeitsplätze zählt der Verband Nordostchemie in der Pharmazie. Und die Branche wächst.

Jobs für Chemiker gibt es dabei nicht nur bei den Pharmariesen Bayer Healthcare, Sanofi Aventis oder Pfizer, sondern auch bei kleineren Unternehmen, die, wie Briels Firma, an der Schnittstelle zwischen Chemie und Pharmazie arbeiten. Auch dort gebe es gute Berufsperspektiven, sagt Karin Schmitz, Karriereberaterin bei der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh). Die unbekannteren Firmen findet man zum Beispiel in der Stellenbörse auf der Verbandsseite im Internet.

„Chemikern stehen viele Berufe offen“, erklärt Schmitz. Absolventen können bei Chemieunternehmen im Vertrieb oder Marketing, als Patentanwalt, als Schadstoffexperte in der kommunalen Abfallwirtschaft oder in Fachverlagen als Redakteure arbeiten. Auch Unternehmensberatungen greifen gerne auf Chemiker zurück, weil sich diese bei Kunden aus der Chemiebranche thematisch auskennen und zudem methodisches Wissen mitbringen, das Betriebswissenschaftler selten vorweisen.

Doch wie qualifiziert man sich eigentlich für einen Beruf in der Chemiebranche? Viele Universitäten bieten einen Studiengang Chemie an. Für Andreas Briel war die akademische Ausbildung aber damit nicht abgeschlossen. Er wechselte von Marburg an das Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung nach Golm bei Potsdam, um dort seine Doktorarbeit zu schreiben. Insgesamt drei Jahre hat er daran gearbeitet. Damit ist er einen für Chemiker typischen Weg gegangen. Die Promotion steht hoch im Kurs. Fast 90 Prozent der Chemiestudenten planen, die Hochschule erst mit dem Doktortitel zu verlassen, hat der Verband angestellter Akademiker und leitender Angestellter der chemischen Industrie (VAA) in einer Umfrage festgestellt. Und das trifft die Erwartungen der Unternehmen: „Wer promoviert, hat in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen der Chemieindustrie beste Jobchancen“, weiß Torsten Kiesner, Sprecher des Arbeitgeberverbands Nordostchemie.

„Mir hat die Promotion den Berufseinstieg erleichtert, weil ich so nachweisen konnte, dass ich eigenständig forschen kann“, bestätigt Andreas Briel. 1997 stieg er bei der Schering AG ein, die seit kurzem Bayer Healthcare heißt. Dort führte er als Laborleiter ein kleines Forscherteam, wurde Gruppenleiter und leitete schließlich, bis zu seinem freiwilligen Weggang, eine von ihm aufgebaute Forschungsabteilung.

Doch wegen der großen Nachfrage hat auch, wer die Uni nur mit Diplom oder Master verlässt, derzeit gute Karriereaussichten. Selbst ohne Studium kann man in der Branche Fuß fassen. Es gibt verschiedene Ausbildungsberufe, die man im so genannten Dualen System in Betrieb und Berufsschule erlernt. Man kann sich etwa zum Chemielaboranten ausbilden lassen, der Analysen und Qualitätskontrollen durchführt und chemische Präparate herstellt. Man kann Chemikant werden und Produktionsanlagen instand halten, als Pharmakant-Azubi lernen, wie Arzneimittel hergestellt werden oder sich zum Chemisch-Technischen Assistenten (CTA) qualifizieren, der Wissenschaftler und Techniker bei chemischen Untersuchungen unterstützt.

Verlockend ist die Berufswahl Richtung Chemie aber nicht nur, weil die Chancen auf einen Job gut sind. Die Arbeit ist auch relativ gut bezahlt. Für Akademiker gilt: Im ersten Berufsjahr wird das Gehalt noch frei verhandelt. Im zweiten Jahr lockt, zumindest im Westteil der Stadt, ein tariflich festgelegtes Gehalt für diplomierte Chemiker von über 50 000 Euro brutto im Jahr, mit Doktortitel gibt es über 60 000 Euro. Das Einstiegsgehalt von Chemikern, die sich über eine Berufsausbildung qualifiziert haben, liegt deutlich darunter. Mit einer Fortbildung etwa zum Industriemeister oder -techniker kann das Gehalt aber zumindest in die Nähe der Akademikergehälter steigen.

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