Karriere : Neben dem Strom

Wie Sie mit ungewöhnlichem Know-how Ihre Marktlücke finden

Sabine Hoelper

Die Ausbildung zur Krankenschwester war für Regina Attula von Anfang an ein Kompromiss. Ihr wahres Interesse galt schon immer der Archäologie. Doch in der DDR durfte sie das Fach nicht studieren. Als die Mauer dann fiel, war die Entscheidung schnell getroffen. 1991 schrieb sie sich an der Universität Rostock für Klassische Archäologie ein. „Ich habe das Studium keinen Tag bereut", sagt die heute 38-Jährige. „Obwohl ich eine feste Stelle dafür aufgegeben habe.“

Attula hat keinen Grund, mit ihrer zweiten Ausbildung unzufrieden zu sein. Ihr neuer Karriereweg läuft wie am Schnürchen: Nachdem Attula ihren Magister in der Tasche hatte, erhielt sie ein Stipendium zur Promotion über „Schildzeichen in der griechischen Vasenmalerei“, anschließend arbeitete sie vier Jahre lang an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München. Mittlerweile forscht und lehrt die Archäologin an der Freien Universität (FU) Berlin. Im Rahmen eines Excellenzclusters hat sie eine auf fünf Jahre befristete Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin bekommen. Außerdem macht sie im Auftrag des Deutschen Archäologischen Instituts Ausgrabungen, erst kürzlich hat sie in Russland und Sizilien gearbeitet, vorher in der Türkei und der Ukraine.

Attula hat ein so genanntes kleines Fach studiert – und trotzdem Karriere gemacht. Schließlich gelten Studiengänge wie Keltologie, Slavistik oder Turkologie, die nur an wenigen Hochschulstandorten gelehrt werden und eine sehr überschaubare Anzahl von Studenten und Professoren zählen, gemeinhin nicht als Karrierebereiter, sondern eher als Ausbildungsstätten für die Arbeitslosigkeit.

Diesem Vorurteil widerspricht Dieter Grühn vehement. Der Leiter des Arbeitsbereichs Absolventenforschung an der FU untersucht seit Jahren, in welchen Berufen die Ehemaligen arbeiten. „Nach einem Taxifahrer musste ich lange suchen“, sagt Grühn. Wer flexibel sei und mehrere Praktika „links und rechts des Fachbereichs“ absolviere, finde meist eine Stelle.

Auch Katharina Hoba hat über den Tellerrand geschaut und sich nicht nur auf ein Fach konzentriert. Um ein sicheres Standbein zu haben, schrieb sich die gelernte Kinderkrankenschwester nicht nur im Studienfach Jüdische Studien ein, sondern zusätzlich in Erziehungswissenschaft. Um ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt weiter zu verbessern, pflegte sie während des Studiums an der Universität Potsdam den Kontakt zu Professoren und Experten, beteiligte sich an mehreren Projekten, reiste unter anderem nach Israel und Russland und lernte Sprachen.

Sowohl die Fächerkombination als auch ihr Engagement zahlten sich aus: Noch während sie im Rahmen ihrer ersten Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Potsdam ihre Promotion anging, erhielt Hoba ein Angebot von der Berliner Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft. „Dort wurde jemand gesucht, der Hebräisch spricht und medizinische Kenntnisse besitzt.“ Auch ihre Erfahrungen aus Israel und die Russischkenntnisse kamen Hoba während ihrer Dienstreisen nach Moskau, Minsk oder Kiew zu Gute, wo sie zu medizinischen Experimenten an Nazi-Opfern recherchierte.

Bei ihrem nächsten Karriereschritt nutzten ihr die guten Verbindungen zu einem ehemaligen Professor. Auf seinen Tipp hin bewarb sie sich beim Jüdischen Museum. Mit Erfolg: Für die Sonderausstellung „Heimat und Exil – Emigration der deutschen Juden nach 1933“ recherchierte Hoba ein Jahr lang in Tel Aviv. Anschließend erhielt sie ein Promotionsstipendium am Graduiertenkolleg der Universität Potsdam, seit Anfang diesen Jahres arbeitet sie außerdem in einem Kulturinstitut – und ihre Doktorarbeit ist auch fast fertig. Dass die Arbeitgeber ihr in der Regel befristete Stellen anboten und sie ihr Gehalt manchmal aushandeln musste, sieht die gebürtige Hallenserin nicht als Nachteil. „Die Verträge wurden oft verlängert und ich habe zum Teil einen guten Verdienst herausgeschlagen“, sagt sie.

Damit gehört Hoba jedoch zu den Ausnahmen. „Im Schnitt verdienen Absolventen kleiner Fächer weniger als andere Akademiker“, sagt Absolventenforscher Grühn, „besonders, wenn sie fachfremd sind“. Und das treffe auf viele der „Exoten“ zu. Sie arbeiten in Unternehmensberatungen, Marketing- oder Medienfirmen, die seit geraumer Zeit vermehrt Quereinsteiger einstellen. „Rund zwei Prozent unserer Berater sind Absolventen von kleinen Fächern“, sagt etwa Thomas Fritz, Leiter der Personalabteilung bei McKinsey in Düsseldorf. „Denn es hat sich gezeigt, dass Projektteams, die sich vielfältig zusammensetzen, meist die besseren Resultate erbringen.“

Jedermanns Sache ist ein Job als Berater oder Personaler allerdings nicht. Ein Archäologe ist glücklich, wenn er graben kann. Ein Ingenieur für Fisch- und Gewässerwirtschaft würde ungern in einem Beraterteam arbeiten. Jedenfalls geht es Michael Niesar so. Lebensläufe von Fischen zu verfassen und kleine Lachse zu 4,5-Kilogramm-schweren Speisefischen aufzupäppeln, ist genau das, was dem leidenschaftlichen Karpfenangler gefällt.

Doch um so eine Arbeit zu finden, musste der 38-jährige Fisch- und Gewässerexperte nach Norwegen gehen. Dort arbeitet er jetzt auf einer Lachsfarm. „In Deutschland gibt es so gut wie keine Stelle, die zufrieden stellt und einigermaßen gut bezahlt ist“, sagt der Absolvent der Humboldt-Universität.

Sein Freund und früherer Kommilitone, Robert Arlinghaus, kennt das Problem der„schlechten Bezahlung“. Dabei hat er selbst Glück gehabt. Arlinghaus ist 32 Jahre und Junior-Professor am Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. Er ermutigt junge Leute, ihren Wunsch-Studiengang zu verfolgen – wohlgemerkt mit dem nötigen Biss: Wer sich früh um Praktika bemühe, auf Kongresse gehe, nicht auf Deutschland fixiert sei und die Diplomarbeit beim „weltbesten Professor seines Fachgebietes“ schreibe, habe später auch gute Chancen, Karriere zu machen.

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