Niedriglohnjobs : Für ein Almosen

Auch mit guter Ausbildung ist man nicht davor gefeit, wenig Geld zu verdienen. In Phasen der Neuorientierung können Niedriglohn-Jobs aber durchaus weiterbringen

Judith Jenner
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Alternative. Bildet man sich in der Wachschutzbranche weiter, hat man Chancen auf bessere Jobs mit mehr Gehalt. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Steffen P. ist klar, dass bei dem Auftrag nicht viel Geld rausspringt. Er ist freiberuflicher Fotograf. Meldet sich der Redakteur vom Stadtmagazin am Telefon und schickt ihn zu einer Location in Berlin oder dem Umland, um ein uriges Café, einen außergewöhnlichen Wirt oder hippen Schriftsteller abzulichten, heißt das arbeiten für das eigene Renommee – und nicht um etwas zu verdienen. 30 Euro werden ihm für den Job überwiesen. „Wenn ich das Honorar auf die Zeit herunterrechne, die ich für Anfahrt, Produktion und Bildbearbeitung brauche, ist das absurd wenig“, sagt er.

Der 32-jährige Fotograf, der eine Ausbildung am Lette-Verein absolvierte und nun für weniger als 8 Euro die Stunde arbeitet, ist kein klassischer Niedriglohn-Arbeiter. Doch dass eine gute Ausbildung vor Arbeitslosigkeit und niedrigem Verdienst schützt, trifft heute nur noch bedingt zu. Laut einer Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg Essen (IAQ) ist nur rund jeder fünfte der abhängig Beschäftigten im Niedriglohnsegment ohne Berufsausbildung. Vier von fünf haben eine Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss – und verdienen pro Stunde weniger als 9,62 Euro brutto im Westen und 7,18 Euro im Osten. Der durchschnittlich gezahlte Niedriglohn lag 2007 bei 6,88 Euro in West- und 5,60 Euro in Ost-Deutschland.

Schlecht weg beim Gehalt kommen oft etwa gelernte Frisöre, Servicekräfte, Altenpfleger, Call-Center-Mitarbeiter und Beschäftigte im Fleisch verarbeitenden Gewerbe, sagt Verdi-Sprecherin Cornelia Haß. Außerdem betroffen sind Mitarbeiter im Wachgewerbe und Floristen. „Immer öfter arbeiten aber auch Berufseinsteiger mit Hochschulabschluss für Niedriglöhne“, weiß die stellvertretende Direktorin des IAQ, Claudia Weinkopf. Sie arbeiten für wenig Geld etwa in Anwaltskanzleien oder Architekturbüros. Arbeitssuchende stehen dann vor der Entscheidung: arbeitslos oder ein schlecht bezahlter Job?

„In Phasen der Neuorientierung im Berufsleben kann es durchaus sinnvoll sein, eine Niedriglohnbeschäftigung, eine Hospitanz oder eine ehrenamtliche Tätigkeit aufzunehmen“, rät die Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung, Susanne Rausch. Auch wenn es keine allgemeine Regel gebe, ob man einen niedrig bezahlten Job annehmen solle oder nicht. „On the Job“ erworbenes Wissen, Sozialkompetenzen, Computerkenntnisse oder der Einblick in Arbeitsprozesse, kämen bei vielen Arbeitgebern besser an als eine theoretische Weiterbildung, die man stattdessen absolviert. Allerdings sollte eine solche Phase nicht zu lange dauern.

Wie lange man sich auf schlecht bezahlte Arbeit einlassen sollte, gelte es aber individuell zu entscheiden. Nicht immer etwa würden sich solche Jobs gut im Lebenslauf machen. Sie könnten im Auswahlverfahren für eine neue Stelle auch negativ gewertet werden, sagt Karriereexpertin Rausch.

„Ein Niedriglohn-Job kann unter bestimmten Umständen durchaus auch ein Sprungbrett in besser bezahlte Beschäftigung sein“, meint dagegen Claudia Weinkopf vom IAQ. Allerdings erfülle sich diese Hoffnung zunehmend seltener – und wenn doch, dann häufiger für Jüngere, für Besserqualifizierte und eher für Männer als für Frauen.

Oft kann man die Chancen auf mehr Gehalt erhöhen, in dem man sich weiterqualifiziert. Einfache Mitarbeiter im Objektschutz etwa, die einen 40-stündigen Lehrgang der Industrie- und Handelskammer absolviert haben, bekommen laut Tarifvertrag in Berlin 5,50 Euro. Nach eine zweijährigen Ausbildung als Servicekraft für Schutz und Sicherheit gibt es mehr. Außerdem kann man sich durch eine „Sachkundeschulung“ weiterbilden und dann zum Beispiel Kaufhausdetektiv werden, was wieder etwas besser bezahlt wird.

Wer bei der Arbeitsagentur arbeitssuchend gemeldet ist, hat jedoch kaum die Wahl, einen schlecht bezahlten Job nicht anzunehmen. Ablehnen kann man nur, wenn der Job „sittenwidrig“ ist. Das heißt: „Wenn das Lohnangebot nicht einmal zwei Drittel eines in der betreffenden Branche und Wirtschaftsregion üblicherweise gezahlten Tariflohns erreicht. Liegt kein Tarifvertrag vor, wird Sittenwidrigkeit angenommen, wenn das Lohnangebot nicht einmal zwei Drittel der ortsüblichen Entlohnung erreicht“, heißt es bei der Agentur für Arbeit.

Wer vor der Entscheidung steht, einen schlecht bezahlten Job anzunehmen oder nicht, kann sich zum Beispiel bei Arbeitslosenorganisationen zu diesem Thema beraten lassen (siehe Kasten). Reicht der Lohn nicht zum Leben, kann das Gehalt je nach Sachlage mit Sozialleistungen aufgestockt werden.

Der Fotograf Steffen P. jedenfalls wird auch weiterhin für das Stadtmagazin arbeiten, um Präsenz zu zeigen. Glücklicherweise hat er auch besser bezahlte Jobs. Sonst würde es wohl kaum für die Miete reichen.

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