Karriere : Ohne Uni-Abschluss in den Job

Ein Studienabbruch muss kein Makel sein. Weiterbildungen helfen beim Berufseinstieg

Katharina Schönwitz

Zwei Semester Mechatronik und sieben Semester Wirtschaftsinformatik hat der 26-Jährige studiert. Dann brach er seine akademische Ausbildung ab. Er habe seine Studiengebühren zu spät überwiesen, wurde exmatrikuliert – und schlage sich seitdem ohne Examen durch, schreibt er in seinem persönlichen Profil auf der Internetseite „Studienabbrecher.com“. Seinen Namen erfährt man nicht, dafür aber seine Computerkenntnisse, welche Führerscheine er besitzt und dass er zur Zeit in einem mediterranen Feinkostgeschäft arbeitet. In Zukunft möchte er in den Bereichen Logistik, Transport und Verkehr Karriere machen. Ehrgeizige Ziele für einen Abbrecher? Keineswegs.

Wer sein Studium schmeißt, muss auf den beruflichen Aufstieg nicht verzichten. Ob TV-Moderator Günter Jauch, Microsoft-Gründer Bill Gates oder Star-Regisseur Steven Spielberg: Die Liste prominenter Studienabbrecher ist lang. Laut eines Berichts des Hochschulinformationssystems (HIS) werfen 21 Prozent der Studienanfänger vor ihrem Abschluss dass Handtuch. Noch höher ist die Quote bei den neuen Bachelor-Studiengängen: Insgesamt 30 Prozent verlassen die Hochschule ohne Examen. Die meisten haben nach dem missglückten Studium die Nase voll vom Lernen und möchten zunächst einmal Geld verdienen.

„Studienabbrecher haben außer dem Abitur weitere Fähigkeiten, die sie bei der Bewerbung vorweisen können“, sagt Roswitha Helmecke vom Hochschulteam der Arbeitsagentur in Berlin-Mitte. Neben den wenigen Semestern an Studienerfahrung zählen auch Praktika oder das ehrenamtliche Engagement in der Fachschaft. Vor allem müssen Studienabbrecher lernen, sich gut zu verkaufen – möglichst besser als diejenigen, die einen Bachelor oder Master vorweisen können. Oft sind sie eher praktisch begabt, oder sie haben jahrelang studiert und nebenbei gearbeitet. Qualitäten, die sie dem neuen Arbeitgeber vermitteln müssen. Am besten gelingt der Berufseinstieg, wenn sich die Abbrecher über verkürzte berufliche Aus- und Weiterbildungen qualifizieren.

Erhard Stahl und seine Kollegen haben Erfahrungen mit Uni-Flüchtlingen: Auf ihrer Webseite „Studienabbrecher.com“ stellen sie Bildungsangebote vor, die für Abbrecher geeignet sind. Gefragt seien Ausbildungen bei Unternehmen wie Siemens, IKEA oder der Aachen-Münchener Versicherung, sagt Stahl. Einige dieser Firmen haben nämlich eigene Berufsfachschulen gegründet, die in kurzer Zeit zum Abschluss und in den Beruf führen.

Der Technologiekonzern Siemens zum Beispiel unterhält eine Technik-Akademie in Berlin. In zwei Jahren können sich Studienabbrecher zum staatlich geprüften Industrietechnologen ausbilden lassen. Schwerpunkte setzen die Kurz-Azubis in den Fachbereichen Automatisierung, Datentechnik, Maschinenbau, Mechatronik oder Nachrichtentechnik. Die Ausbildungskosten werden durch Stipendien finanziert. Ein weiterer Vorteil: Wer nach Abschluss der Ausbildung ein weiteres Jahr dranhängt, kann an einer angeschlossenen Partnerhochschule doch noch einen akademischen Bachelor-Abschluss nachholen. Die Nase vorn haben bei der Bewerbung nach Ansicht von Erhard Stahl vor allem Abbrecher aus Ingenieursstudiengängen. „Diese bringen schon Fachwissen mit, die Firmen müssen bei deren Ausbildung nicht bei null anfangen.“

Sollte das Berufsleben also etwas mit dem Studienfach zu tun haben, das man angefangen hat? „Nicht unbedingt“, meint Roswitha Helmecke von der Arbeitsagentur. „Wenn das Studium zu hoch angesetzt war, die Interessen aber stimmen, macht das Sinn – ansonsten sollte man einfach seinen Wünschen nachgehen.“ Ein Studienabbrecher im Fach Maschinenbau, der sich brennend für die Reisebranche interessiert, sollte sich nicht um Brüche im Lebenslauf sorgen: Die Berufsfachschule der TÜV-Rheinland Gruppe in Potsdam bietet zum Beispiel eine Ausbildung zum staatlich geprüften Tourismusassistenten an. Der Lehrgang dauert zwei Jahre, einschließlich Inlands- und Auslandspraktikum. Der Nachteil: Die Lehrgänge an der Privatschule kosten Geld. Zwischen 150 und 180 Euro im Monat müssen die Teilnehmer investieren. Dafür können die Schüler Bildungskredite und Bafög beantragen.

Wer nach abgebrochenem Studium dagegen über Praktika in den Beruf einsteigt, muss sich auf eine finanzielle Durststrecke einstellen. Die Löhne für die ersten Schnupper-Stellen sind meist gering – und einen Anspruch auf Bafög hat nur, wer ein Praktikum im Rahmen seines Studiums absolviert. Abbrecher gehen also leer aus. Finanziell attraktiver ist dagegen eine betriebliche Berufsausbildung im dualen System – und zwar in verkürzter Zeit. „Wer schon einige Semester studiert und nebenbei gearbeitet hat, kann bei der IHK eine Umschulung beantragen“, rät Roswitha Helmecke. Die dauert nur zwei Jahre und kann unter Umständen von der Arbeitsagentur finanziell gefördert werden.

Bevor Studenten sich endgültig exmatrikulieren, empfiehlt sich der Gang zum Hochschulteam der Agentur für Arbeit. Denn: „Oft lässt sich doch noch etwas machen“, sagt Helmecke. Im Gespräch ergibt sich manchmal, dass es nicht am Fach lag, sondern an der Anonymität im Universitätsbetrieb. Dann ist eine Fachhochschule besser geeignet. Oder es liegt am Geld. In diesem Fall wäre die Berufsakademie eine akademische Alternative. Häufig hilft auch ein Fachwechsel, bei dem bereits erworbene Scheine anerkannt werden. Wer jedoch endgültig vom Studentendasein genug hat, kann mit Hilfe der Berater des Hochschulteams einen individuellen Karriere-Fahrplan aufstellen. Manchmal ist sogar aus einem guten Studentenjob ein richtiger Beruf geworden.

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