Pädagogen-Mangel : „Sonst werd ich eben Lehrer“

In Deutschland werden Pädagogen und Erzieher rar. Die Zeit der Seiteneinsteiger ist gekommen.

Anne Hansen
Lehrer
In den nächsten zehn Jahren werden 350.000 Lehrer in Deutschland in Pension gehen. -Foto: ddp

Manchmal denkt Jan Schmidt (Name geändert) daran, den Job zu wechseln. Dann, wenn er mal wieder unbezahlte Überstunden gemacht hat, dann, wenn er den schmalen Jahresurlaub bereits im Juni verbraucht hat oder auch dann, wenn er wochenlang in Hotels schläft, weil er von Konferenz zu Konferenz durch ganz Europa hetzt. „Ich warte jetzt noch ein halbes Jahr ab, ob sich die Arbeitsbedingungen verbessern“, sagt der 28-jährige Ingenieur aus München. Und wenn das nicht passiert? „Dann werd’ ich eben Lehrer.“

Ein Satz, der Schmidts Eltern – beide überzeugte und vor allem ausgebildete Lehrer – die Haare zu Berge stehen lässt: „Jetzt wollen schon Ingenieure einfach so unterrichten.“ Für die Kultusminister in Deutschland allerdings ist dieser Satz wie Musik in den Ohren. Denn: Deutschland steht vor einem dramatischen Lehrermangel, so dass viele Schulen auf Seiteneinsteiger wie Schmidt angewiesen sind.

In den nächsten zehn Jahren werden 350 000 Lehrer in Deutschland in Pension gehen, so die Prognose des Verbandes Bildung und Erziehung. Nur 210 000 Stellen werden durch junge Lehrer ersetzt – eine Lücke von 140 000 offenen Stellen wird bleiben. In den naturwissenschaftlichen Fächern und Latein fehlt es schon heute an Lehrernachwuchs. Seiteneinsteiger mit diesem Hintergrund haben gute Chancen, eingestellt zu werden. Daneben fehlen nach Berechnungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bis 2013 rund 80 000 Erzieher und Tagespfleger, um die von Bund und Ländern geplante Aufstockung der Kinderkrippenplätze zu gewährleisten.

Die Weiterbildung, die ein Bewerber für den Einstieg in den Schuldienst absolvieren muss, ist von Bundesland zu Bundesland verschieden. „Da treibt der Kulturföderalismus bunte Blüten“, beschwert sich Ludwig Eckinger, Chef des Verbandes Bildung und Erziehung. „Wenn die Not an den Schulen groß ist, muss sich ein Seiteneinsteiger zum Teil gar nicht weiterqualifizieren. Andere Schulen und Länder dagegen fordern ein Referendariat.“

In Hessen zum Beispiel wird im Einzelfall entschieden, welche Weiterbildung der Seiteneinsteiger absolvieren muss. So kann zum Beispiel eine betriebsinterne Weiterbildung im ursprünglichen Beruf auf die neuen Anforderungen angerechnet werden. Denn: Wer gelernt hat, Teambesprechungen zu leiten und Mitarbeiter zu führen, sollte das nach Ansicht der hessischen Verwaltung auch im Klassenzimmer schaffen. In Brandenburg dagegen wird den Seiteneinsteigern ein berufsbegleitendes Referendariat angeboten. Dieses dauert zwei Jahre und findet in Cottbus und Potsdam statt. In Berlin kann sich derzeit nur jemand bewerben, dessen Hochschulprüfung nicht länger als fünf Jahre zurückliegt oder der in den letzten fünf Jahren vor der Bewerbung eine mindestens dreijährige berufliche Tätigkeit nachweisen kann.

„Quereinsteiger sollten sich allerdings genau überlegen, ob sie wirklich in diesen Beruf wollen“, sagt Ludwig Eckinger. Seiner Erfahrung nach würden viele an der neuen Aufgabe scheitern, da sie den Job schlichtweg unterschätzten. Nicht ganz so kritisch beurteilt Axel Plünnecke die Chance und Situation von Seiteneinsteigern. „Natürlich fehlt erst einmal das pädagogische Know-How“, sagt der Bildungsexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. „Doch motivierte Leute aus der Wirtschaft können den Schülern sehr gut beibringen, wofür sie ein Fach im wirklichen Leben gebrauchen.“

Wer keinen Hochschulabschluss hat, kann einen Seiteneinstieg als Erzieher ausprobieren. Bewerber mit fachfremder beruflicher Erstausbildung werden nicht nur geduldet – sie sind sogar erwünscht. „Seitensteiger zeigen oft großes Engagement, sie sind eine Bereicherung für den Betrieb“, sagt Berbel Jung von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. An den Fachschulen für Erzieher werden Bewerber mit Abitur oder mittlerem Schulabschluss mit Berufsausbildung genommen. „Aus welcher Branche unsere Schüler kommen, ist unbedeutend“, sagt Irm Bischoff vom evangelischen Oberlin-Seminar in Lichterfelde. Motivation, persönliche Stabilität und emotionale Kompetenz seien Voraussetzungen für den Beruf. „Das kann man auch als Bulettenverkäufer haben.“

Trotz des prognostizierten Erziehermangels sind die Kapazitäten an den Fachschulen bislang gering. Rund 600 Bewerbungen gingen zuletzt auf die 75 Lehrplätze vom Oberlin-Seminar ein. Die Fachkräfte entwickeln daher zusammen mit der Evangelischen Fachhochschule einen neuen Bachelor-Studiengang „Bildung und Erziehung im Kindesalter“. Auch an anderen Fachhochschulen würden neue Lehrgänge geplant, so Bischoff.

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