PERSPEKTIVENWECHSEL Wenn der erste Job keinen Spaß mehr macht : Zweite Chance

Freunde und die Familie raten zwar meist davon ab. Das Risiko ist groß. Trotzdem kann sich ein Neustart lohnen

Sabine Hoelper

Jens Bäumer gehörte acht Jahre lang zu denen, die oft von anderen beneidet werden: Er hatte eine hoch dotierte Stelle, war angesehen und immer im schicken Anzug unterwegs. Bäumer war Berater bei Kienbaum, hat Manager gecoacht und Prozesse optimiert. Doch irgendwann gefiel dem promovierten Betriebswirt sein Job nicht mehr. Die 80-Stunden-Wochen ließen ihm kaum Zeit für die Familie, die vielen Reisen strengten an. Als er dann noch einen Bandscheibenvorfall erlitt, fasste er den Entschluss, seinen Job zu kündigen – und noch einmal von vorn zu beginnen.

Die Idee, ein Unternehmen zu gründen, lag auf der Hand. Die passende Marktlücke war längst entdeckt. Immer wieder hatte sich Bäumer unterwegs von ungesundem Fastfood ernährt – weil er keine Alternativen fand. Mit einem Partner baute er nun die Bio-Fast-Food- und Catering-Firma „Gorilla“ auf. Drei Jahre ist das her. Inzwischen haben fünf Filialen in Berlin eröffnet, bis 2012 sollen es deutschlandweit 100 sein. „Das bedeutet zwar auch viel Arbeit, aber ich kann mir die Zeit freier einteilen“, sagt der 42-Jährige. Er hat seinen Ausstieg nicht bereut.

Bäumer ist kein Einzelfall. Viele Berufstätige kommen nach vielen Jahren im Job an den Punkt, an dem ihnen die Arbeit keinen Spaß mehr macht. Die einen beklagen Monotonie, die anderen die mangelnde Herausforderung, sie fühlen sich wie im Hamsterrad oder suchen nach einem Sinn. Und so reift der Wunsch, noch einmal ganz von vorn zu beginnen.

Für Karriereberaterin Brigitte Scheidt ist die „Midcareer-Crisis“, also die Karriere-Krise nach Jahren im Berufsleben, so „normal wie wichtig“. Auch wenn Freunde, Kollegen oder die Familie meist eher davon abraten, die Stelle an den Nagel zu hängen, und Arbeitgeber nicht immer bereit sind, Quereinsteiger einzustellen, sei dieser Schritt in vielen Fällen der richtige, so die Psychologin. „Sonst kann es passieren, dass einen die Situation am Arbeitsplatz krank macht“, sagt Scheidt. Allerdings rät sie, immer erst genau zu prüfen, warum man unzufrieden ist und ob es nicht eine Alternative wäre, die Situation im alten Beruf zu ändern oder sich zu arrangieren. Auch Kienbaum-Berater Achim Mollbach mahnt, sich nicht irgendwelchen Illusionen hinzugeben. „Im neuen Beruf wird man wieder Arbeiten verrichten müssen, die einem nicht so viel Spaß machen“, sagt der Experte. Außerdem erfordere der Prozess der Neuorientierung eine Menge Disziplin.

Vor allem aber muss man sich darüber klar werden, welche Profession die gewünschte Zufriedenheit bringen könnte. Ist es das Unternehmertum in einer neuen Branche, die Selbstständigkeit auf bekanntem Terrain oder eine neue Anstellung? Wer darauf nicht gleich eine Antwort weiß, sollte sich nicht entmutigen lassen, so ergeht es laut Scheidt den meisten Wechsel-Willigen. Viel wichtiger ist, die Lage realistisch einzuschätzen, sagt Susanne Rausch: „Was erwartet der Markt und welche Fähigkeiten und Neigungen bringe ich mit?“ Sind diese Fragen geklärt, könne man alles weitere darauf aufbauen, so die Geschäftsführerin des Personalberatungsunternehmens Act Value Management Consult.

Auch Marc-Philipp Quandt hat seinen neuen Beruf auf einer persönlichen Neigung aufgebaut: Er treibt gern Sport. Zwölf Jahre lang war er bei der Deutschen Post als Briefträger und Hilfsarbeiter tätig. Die Bezahlung fand der 40-Jährige „sehr gut“, allerdings füllte ihn die „profane Arbeit“ irgendwann nicht mehr aus. „Ich wurde immer trauriger“, sagt Quandt. Als sein Arbeitgeber dann Leute entlassen wollte und ihm eine Abfindung anbot, stieg er aus – allerdings ohne zu wissen, wie es weitergehen sollte. Das änderte sich, als er eine Anzeige des Forums Berufsbildung entdeckte, die für eine Umschulung zum Sport- und Fitnesskaufmann warb. „Ich wusste, das ist es“, erzählt Quandt heute. Im Januar hat er die Ausbildung abgeschlossen, einen Tag später trat er seine neue Stelle beim „Lichterfelder Fußballclub“ an. „Ich verdiene jetzt weniger, bin aber viel zufriedener“, sagt der Sportkaufmann.

Dass Menschen, die im Beruf bei Null anfangen, vorübergehend finanzielle Einbußen hinnehmen müssen, ist Realität – und kein allzu großes Problem für jene, für die Geld nicht alles ist. Wer aber finanzielle Verpflichtungen hat, ein Haus abbezahlen oder eine Familie ernähren muss, „der braucht schon eine ökonomische Substanz“, sagt Mollbach. Das gilt insbesondere für Angestellte, die den Weg zum neuen Beruf über eine Umschulung nehmen. Die Arbeitsagentur zahlt die Weiterbildung nämlich nur in Ausnahmefällen. Auch für zukünftige Selbstständige ist ein volles Bankkonto von Vorteil. Schließlich dauert es oft Jahre, bis die Gewinne zum Leben reichen.

Waltraud K. (Name von der Redaktion geändert) hat ihre Stelle als Sozialarbeiterin gekündigt und sich als „rechtliche Betreuerin“ selbstständig gemacht.Seit Juni kümmert sie sich um Menschen, die selbst nicht mehr für sich sorgen können und vom Amtsgericht einen rechtlichen Vertreter an ihre Seite bekommen. In finanzieller Hinsicht war der Schritt ein Risiko. „Wie hätte ich vorher Geld ansparen sollen, bei dem geringen Gehalt“, sagt sie. Dass die 47-Jährige trotzdem den Neustart wagte, bezahlt sie heute mit gelegentlichen Anflügen von Existenzangst. Trotzdem überwiegt die Freude darüber, dass sie heute mehr Verantwortung trägt. Als Angestellte wäre ihr der Aufstieg in eine leitende Position verwehrt geblieben: „Nach 15 Jahren im Beruf musste ich erkennen, dass die Luft oben dünn wird“, sagt K.

Damit auch das „um sich selbst kümmern“ nicht zu kurz kommt – oft ist weder ein geregelter Feierabend noch Urlaub drin – geht K. regelmäßig zu Elke Stuhlmann. Die Karriereberaterin weiß, was Klienten in einer solchen Phase brauchen. „Die meisten Menschen haben Angst vor dem Neuen“, sagt sie. Deshalb sei es wichtig, ihnen Mut zu machen.

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