Pflege : Der Mann fürs Grobe

Pfleger wie Ulrich Homeyer helfen psychisch Kranken dabei, ein selbstständiges Leben zu führen.

Ulrike Schattenmann

Ulrich Homeyer sieht aus wie einer, der die Dinge in die Hand nimmt. Er hat einen festen Händedruck, seine Augenpartie ist mit feinen Lachfalten versehen. Humor ist wichtig in einem Job, der nicht immer lustig ist. Homeyer arbeitet in der psychiatrischen Pflege, schon seit rund 20 Jahren. Er hat viele Facetten dieses Berufes kennen gelernt, war in der Tages- und Nachtklinik beschäftigt, beim Berliner Krisendienst, in therapeutischen Wohnprojekten. Überall steigt der Bedarf an qualitativ hochwertiger psychiatrischer Versorgung, während die Finanzmittel immer knapper werden – dies meint zumindest der Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK). Keine leichte Aufgabe. Homeyer hat sie angenommen.

Seit August letzten Jahres ist die Station II in der psychiatrischen Klinik der Charité, Campus Benjamin Franklin, sein Arbeitsplatz. Der Schwerpunkt: Schizophrenie. Seine Patienten hören Stimmen, haben Halluzinationen, bilden sich ein, dass andere Menschen ihre Gedanken lesen und beeinflussen können oder dass ihr Körper schrumpft. Das macht ihnen Angst, manchmal so stark, dass sie aggressiv werden, sich oder andere verletzen. Manche bleiben zwei Wochen, manche vier, manche einige Monate. Viele kommen immer wieder.

„Die Betroffenen verfügen über eine Art Disposition. Kommen noch massive soziale Stressfaktoren hinzu, kann das zum Ausbruch der Erkrankung führen“, erklärt Homeyer. Er redet langsam und konzentriert, hält oft inne, um zu überlegen. Er will sich klar und deutlich ausdrücken, präzise. Vielleicht ist das eine feste Gewohnheit nach vielen Berufsjahren mit Menschen, deren Leben aus den Angeln geraten ist, die kein festes Gerüst, keine Struktur haben, an dem sie sich orientieren können. Vielleicht ist das auch notwendig, um Vorurteile aus dem Weg zu räumen. Davon gibt in der psychiatrischen Pflege immer noch zu viele.

Wegsperren, Verwahren, mit Medikamenten ruhig stellen – das ist längst passé. Die Pflege von psychisch kranken Menschen zielt heute darauf ab, ihnen ein selbstständiges Leben zu ermöglichen. „Kein Mensch, der unter Schizophrenie leidet, muss dauerhaft in Kliniken und damit abseits seines ursprünglichen sozialen Umfelds leben“, erklärt Homeyer. Seine Patienten sollen mündig gemacht werden, lernen, mit ihrer Krankheit umzugehen.

Ein Drittel der Schizophrenen ist chronisch erkrankt, Homeyer trifft sie immer wieder. „Wer in den Beruf einsteigt mit der Haltung, Menschen gesund zu pflegen, der soll es lieber lassen“, sagt der 47-jährige. „Ich begleite einen Patienten, wenn er zwei Schritte nach vorne macht und freue mich darüber. Ich begleite ihn aber auch, wenn er wieder fünf Schritte zurückgeht.“

Sobald Homeyer aus seinem Zimmer in der Charité tritt, wird er umringt. „Herr Pfleger, mir ist schwindelig“, sagt eine kleine Frau mit zerfurchtem Gesicht und aggressiver Färbung in der Stimme. Ein junger Mann kommt auf ihn zu, zieht sein T-Shirt hoch. „Mir ist da etwas runtergefallen“, sagt er und deutet auf seine Brust. Das EKG-Pflaster hat sich gelöst. „Ich habe niemanden, der mit mir ,Mensch ärgere dich nicht‘ spielt“, ruft ein Mann mit Bart und Spielkarton unter dem Arm verzweifelt. Homeyer bleibt freundlich und gelassen, fragt nach, klebt das EKG wieder fest, versorgt die kleine Frau.

Als Pfleger der Psychiatrie braucht man Geduld, die Fähigkeit, sich abzugrenzen, Stresstoleranz. Und keine Angst vor dem Anderssein. Psychoromantik ist dagegen fehl am Platz, Gewalt kommt täglich vor. „Psychiatrisch Pflegende müssen sie immer wieder hinnehmen, aber zum Teil auch anwenden, etwa bei einer Zwangsfixierung. Das ist leider nicht ganz zu vermeiden“, sagt Homeyer. Er selber ist in seiner 20-jährigen Laufbahn als Psychiatriepfleger noch kein einziges Mal angegriffen worden. Die Patienten, die auf seiner Station landen, sind so weit stabilisiert, dass man ihnen gruppentherapeutische Angebote machen kann – etwa Kochkurse oder Tanztherapien.

Im Aufenthaltsraum hängt eine große Collage an der Wand. Es ist das Ergebnis eines Projekts mit neuen Medien, die Homeyer im Rahmen einer Weiterbildung selbst ins Leben gerufen hat. Er schickte die Patienten mit Digitalkameras nach draußen. Sie sollten die Fassade eines Berliner Gebäudes abfotografieren, dann digital bearbeiten und auf Papier zusammenfügen. Die Patienten mussten sich dazu austauschen, das Gespräch üben, konzentriertes Arbeiten vor dem Bildschirm trainieren. Am Ende sollten sie ihr Ergebnis vor den anderen präsentieren. Das stärkt das Selbstbewusstsein.

Wenn Ulrich Homeyer am Ende seines Diensttages die Station verlässt, hängt er Pflegerkittel und Berufsalltag an den Haken. Er holt seine Kinder von der Kita ab, genießt das Familienleben. Es ist, als tauche er in eine andere Welt ein. Die Menschen dort könnten so manches aus der Psychiatrie lernen, meint Homeyer. „Dort lernt man zum Beispiel Toleranz – und die braucht es überall.“

Informationen über Pflegeberufe gibt es auf der Ausstellung „Pflege – Bilder – Perspektiven – Berufe mit Menschen“ vom 11. November bis 12. Dezember in Berlin. Auskünfte unter www.dbfk.de.

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