Pflegekräfte : Neue Nischen finden

Die Situation für Pflegekräfte ist paradox: Der Bedarf steigt, gleichzeitig werden Stellen abgebaut. Wer sich spezialisiert, hat die besten Chancen.

Maria Marquart

Wenn von Berufen mit Zukunft die Rede ist, denken viele an Technik, IT oder Naturwissenschaften. Doch auch ein ganz anderer Bereich bietet gute Chancen: die Pflege. Etwa zwei Millionen pflegebedürftige Menschen gibt es laut Pflegewissenschaftler Michael Isfort derzeit in Deutschland. Hinzu kommen etwa drei Millionen Hilfsbedürftige – Tendenz steigend. „Durch die demographische Entwicklung gibt es einen Riesenbedarf an Fachkräften“, erklärt der stellvertretende Geschäftsführer des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung in Köln. Wer sich konsequent weiterbilde, habe die besten Chancen.

Eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt, dass Menschen, die eine berufliche Weiterbildung in der Pflege absolvieren, erheblich schneller Arbeit finden als Beschäftigte anderer Berufsgruppen. Und auch Heiko Fillibeck vom Kuratorium Deutsche Altershilfe in Köln bestätigt: „Wir werden in Zukunft einen Mangel an Pflegekräften haben.“ Besonders Fachleute für die Betreuung von Menschen mit Demenzerkrankungen seien gefragt. Hier bietet zum Beispiel die Berliner Wannsee-Akademie eine Zusatzqualifikation in Gerontopsychiatrie an – ein Fachgebiet der Psychiatrie, das sich mit psychischen Erkrankungen älterer Menschen beschäftigt. Aufbauend auf eine abgeschlossene Ausbildung, etwa zum Kranken- oder Altenpfleger, geht es in dem Kurs um den Umgang mit dementen Menschen, Therapiekonzepte und rechtliche Grundlagen. In erster Linie werde den Teilnehmern praktisches Handwerkszeug mit auf den Weg gegeben, sagt Akademieleiterin Iris Zeyen-Rohrbeck. So zeigen die Dozenten zum Beispiel Tänze für die Therapie Demenzkranker.

Ähnlich gefragt sind Christian Berges zufolge Fachkräfte für die Palliativpflege, also die Begleitung Sterbender. Der Berliner Weiterbildungsträger PMG (Pflege Management Gesundheit), dessen Geschäftsführer Berges ist, bietet entsprechende Kurse an. Auch Weiterbildungen zur Betreuung spezieller Krankheitsbilder wie etwa Multiple Sklerose stehen bei PMG auf dem Lehrplan.

Für Menschen, die schon länger in der Pflege tätig sind, böten manche dieser Spezialisierungen eine gute Chance zur Neuorientierung, meint Heiko Fillibeck vom Kuratorium Deutsche Altenhilfe. So könnten sich ältere Altenpfleger etwa auf die Betreuung von Senioren spezialisieren. Auch Cindy Forte von der Arbeitsagentur Berlin-Süd sieht gute Chancen für ältere Arbeitnehmer. „Es ist keine Seltenheit, dass Menschen über 50 in der Pflege Arbeit bekommen“, sagt sie. Arbeitgeber würden oft gezielt nach Leuten mit längerer Berufserfahrung suchen.

Paradox: Trotz des steigenden Bedarfs an Pflegekräften haben viele Kliniken Einstellungsstopps verhängt. Cindy Forte macht dennoch Mut: „Der Trend geht von der stationären hin zur ambulanten Pflege“, sagt sie. So würden etwa Pflegedienste, die Menschen in speziellen Wohngemeinschaften betreuen, Personal suchen. „Hier entsteht ein neuer, wachsender Markt.“

Doch nicht nur in der direkten Pflege sind Heiko Fillibeck zufolge Spezialisten gefragt. Auch deren Rahmenbedingungen müssten geregelt werden. Die steigende Zahl älterer Menschen stelle das System vor die Herausforderung, ihre Betreuung neu zu organisieren, etwa durch neue Wohnformen. „Für solche Aufgaben brauchen wir Managementkompetenz“, fordert auch Rainer Merschmann, Geschäftsführer des Schulungszentrums beim Verband Deutscher Alten- und Behindertenhilfe. Es seien Leute gefragt, die neue Strukturen aufbauen und Leitungspositionen übernehmen. Auch hier bieten Weiterbildner wie die Wannsee- Akademie spezielle Kurse an.

Koordinierungsaufgaben werden ebenfalls immer wichtiger. Verlässt zum Beispiel ein Patient die Klinik, bedeutet das meist nicht das Ende der Betreuung. Oft folgen weitere Dienstleistungen, die aufeinander abgestimmt werden müssen – die Aufgabe so genannter Case Manager. Eine entsprechende Weiterbildung bietet die Evangelische Fachhochschule Berlin (EFB) an. „Case Manager sollen überall dort eingesetzt werden, wo es komplexe Problemlagen gibt“, sagt Peter Sauer von der EFB. Soziale Leistungen seien auf immer mehr Träger verteilt. Case Manager planen, überwachen und beurteilen diese Maßnahmen.

Ebenso zukunftsträchtig sind Experten zufolge Pflegeberufe rund um die Familie. Aktuelle Fälle von Kindesmisshandlungen werfen immer wieder die Frage auf, wie Familien besser betreut werden könnten. Hier setzt das Handlungsfeld der Familiengesundheitspflege an“, sagt Gertrud Stöcker vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. Der Verband möchte sein Konzept fest im Sozialwesen verankern. Weiterbildungskurse gibt es bereits in Essen und München. Doch nicht nur sozial benachteiligte Familien suchen Hilfe. Auch für viele berufstätige Eltern stellt sich die Betreuungs-Frage. „Der Bedarf an Fachkräften wird steigen“, meint Martina Heitkötter vom Deutschen Jugendinstitut in München. Trotz guter Berufsaussichten gingen aber leider zu wenig junge Menschen in die Pflege, beklagt Heiko Fillibeck. Harte Arbeit, schlechter Verdienst und anstrengende Schichtdienste schrecken sie ab. „Doch jeder Beruf hat nun mal besondere Ansprüche“, meint Fillibeck. Und was dabei oft vergessen werde: dass die Arbeit mit Menschen sehr erfüllend sein könne.

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