Praktikum in Berlin : Nicht zum Nulltarif

Praktika sind das Eintrittsticket für Unternehmen – für Studenten und Wiedereinsteiger. Worauf man bei der Suche achten sollte und warum sich langfristige Planung lohnt.

Judith Jenner
Praktikantenstreik
Streik. Anfang Oktober haben Praktikanten gegen schlechte Arbeitsbedingungen demonstriert. -Foto: Peters

Es läuft nicht so, wie es soll. Mit Kreide haben es die Demonstranten auf den Potsdamer Platz gekritzelt: Erste Etage: „Studienabschluss“, zweite: „Praktikum 1 bis 3“ und ganz oben, im Dach, das oft lange auf sich warten lassende Ziel: die „Festanstellung“.

Schlecht bezahlte Praktika, geringe Übernahmechancen – und das oft auch mit Hochschulabschluss: Dagegen ist schon vor drei Jahren die „Generation Praktikum“ auf die Straße gegangen. Gebracht hat das nichts. Auch eine Gesetzesinitiative dazu ist gescheitert. Nun haben es die Praktikanten erneut versucht. Anfang Oktober gingen sie unter dem Motto „Uns gibt''s nicht umsonst“ in Berlin auf die Straße. Weiße Masken über ihren Gesichtern sollten zeigen, dass sie für viele Chefs und Betriebsräte unsichtbar sind. „Dabei würden viele Unternehmen heute ohne Praktikanten gar nicht mehr funktionieren“, sagt Mitorganisator Tobias Singer. Er und seine Mitstreiter fordern eine angemessene Bezahlung und eine Wertschätzung ihrer Arbeit – und Person.

Viele Unternehmen können nicht ohne Praktikanten; aber die meisten Berufseinsteiger auch nicht ohne Praktika. Laut einer Studie der Agentur für Arbeit aus dem Jahr 2008 absolviert jeder fünfte Berufseinsteiger nach Abschluss der Ausbildung oder des Studiums ein Praktikum, oft ohne oder mit einer sehr niedrigen Bezahlung. Berlin ist mit seinen vielen Studenten, relativ niedrigen Lebenshaltungskosten und interessanten Unternehmen auch eine Praktikanten-Hauptstadt. Es gibt spannende Stellen, um die sich viele Bewerber streiten, aber auch Firmen, bei denen man sich zweimal überlegen sollte, ob man dort Praktikant werden will (siehe Kasten). Und nicht nur für Studenten, sondern etwa auch für Wiedereinsteiger in den Arbeitsmarkt können Praktika interessant sein. Doch worauf muss man bei der Suche achten?

Ein Praktikum sollte möglichst nicht länger als drei Monate dauern, rät Jessica Heyser vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). In diesem Zeitraum ist die Chance höher, dass das Lernen im Vordergrund steht und der Praktikant nicht als normale Arbeitskraft eingeplant wird.

Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. So dauert ein Praktikum bei Universal Music in der Regel sechs Monate. Die Abteilungen, etwa Produktmanagement, Promotion oder Verwaltung, sowie das gewünschte Profil des Praktikanten findet man auf der Firmenwebseite oder in Jobportalen. Die Vergütung liegt zwischen 400 und 600 Euro monatlich. „Wenn jemand den Betrieb bereits aus einem Praktikum kennt, sind das für uns ideale Voraussetzungen für eine Einstellung“, sagt Maité Jagau. Die Praktika werden meist relativ kurzfristig vergeben.

Anders geht es bei Behörden zu. Wer ein Praktikum in der Verwaltung des Deutschen Bundestages machen möchte, muss sich rund zwölf Monate im Voraus bewerben. Das Praktikum ist unbezahlt und dauert zwischen vier Wochen und sechs Monaten.

Einige Firmen bieten besondere Praktika an. Streikorganisator Tobias Singer zum Beispiel hat an der vorerst letzten Runde des Berliner Programms „Creative Village“ teilgenommen: Neun Praktikanten hospitierten je zwei Monate bei der Werbeagentur Scholz & Friends, der Taz-Redaktion und der UFA Filmproduktion und betreuten je Station ein eigenes Projekt. Für die Taz etwa erstellten sie eine Praktikums-Beilage. Daraus entwickelte sich die Idee des Streiktags. Tobias Singer fand das halbe Jahr sehr lehrreich und macht jetzt seinen Master in Internationalen Beziehungen.

„Wir überlegen gerade, wie man ‚Creative Village'' zeitgemäßer gestalten kann“, sagt Ines Döring von Scholz & Friends. Die Studiengänge an den Hochschulen seien zunehmend praxisorientierter, sodass viele der rund 100 Bewerber schon umfassende Erfahrungen mitbrächten, besonders im Journalismus. Scholz & Friends setzt daher auf neue Formen der Nachwuchsgewinnung, die stärker auf die agenturinternen Aufgabengebiete abgestimmt sind. So gibt es am 7. und 8. November einen Texter-Workshop. Die ausgewählten Bewerber bekommen ein Wochenende lang ein Texter-Training mit gestandenen Agenturmitarbeitern. „Daraus können sich Kontakte für eine weitere Zusammenarbeit ergeben“, so Döring. Praktikanten gibt es bei Scholz & Friends trotzdem noch. Sie bleiben in der Regel ein halbes Jahr und verdienen je nach Qualifikation zwischen 400 Euro und 600 Euro monatlich.

Doch nicht nur für Studenten kann ein Praktikum sinnvoll sein. Auch Wiedereinsteiger, die lange arbeitslos waren oder eine Auszeit zur Kindererziehung genommen haben, können davon profitieren. „Sie sollten auf alle Fälle die Beratungen der Arbeitsagenturen zum Thema Wiedereinstieg in Anspruch nehmen“, rät Kurt Eikemeier von der Arbeitsagentur. Denn tritt ein Arbeitsloser ein Praktikum mit einem Umfang von mehr als 15 Stunden pro Woche an, das nicht im Rahmen einer Bildungsmaßnahme vorgesehen ist, gilt er nicht mehr als beschäftigungslos – und bekommt auch kein Arbeitslosengeld mehr.

Gefördert werden Praktika im Falle einer „Betriebliche Einstiegsqualifizierung“, also einem Langzeitpraktikum zwischen sechs und zwölf Monaten, das Jugendlichen den Einstieg in eine Berufsausbildung erleichtern soll. Berufswechslern rät Eikemeier von einem Praktikum ab. „Der Betroffene könnte seine Lebenshaltungskosten gar nicht bestreiten. Außerdem würde ein Praktikum von Personalentscheidern misstrauisch beäugt, nach dem Motto: Warum hat man ihm keine ordentliche Arbeit angeboten?“

Berlin mag zwar viele Praktikumsmöglichkeiten haben, die besten Bedingungen bietet die Stadt aber nicht. Im Vergleich zu Köln etwa, das belegt eine Studie der DGB-Jugend, machen die Berliner nach dem Studienabschluss deutlich öfter unbezahlte Praktika als die Kölner.

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