Praxiserfahrung : Studieren und probieren

Studentische Beratungsfirmen sind immer gefragter. Sie bringen Hochschülern Praxiserfahrung – und gute Karrierechancen

Anne Meyer

Stefan Lehnisch will bald als Unternehmensberater arbeiten. „Controlling und Rechnungswesen sind meine Spezialgebiete“, sagt der 26-jährige BWL-Student. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass alles nach Plan läuft, denn Lehnisch kann bereits jetzt auf einige Jahre Berufserfahrung zurückblicken. Als ehemaliges Vorstandsmitglied der studentischen Unternehmensberatung Berliner Campus-Projekt (BCPro) an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) hat er sich bereits einige Qualifikationen angeeignet, die große Consulting-Firmen von ihren Bewerbern fordern.

Vor etwa zwanzig Jahren wurden in Deutschland die ersten studentischen Beratungsfirmen gegründet. Inzwischen verfügt fast jede Hochschule über eine studentische Beratungsinitiative, die meist in einem der beiden Dachverbände BDSU (Bundesverband Deutscher Studentischer Unternehmensberatungen) oder JCNetwork (Junior Consultant Network) organisiert sind. Das BCPro feierte kürzlich sein zehnjähriges Bestehen; das Company Consulting Team (CCT) an der Technischen Universität (TU) gibt es seit nunmehr fünfzehn Jahren.

Die Vorteile für Anbieter und Kunden liegen auf der Hand: Studenten können Erfahrungen sammeln, Unternehmen müssen nur etwa ein Fünftel der auf dem Markt üblichen Beraterhonorare zahlen. Dabei haben Studenten durchaus einiges zu bieten. „Wir haben frische, manchmal naive Ideen und sind in unserer Denkweise nicht festgefahren“, preist Lehnisch das Angebot der Studenten an.

Die BCPro berät kleine und mittelständische Unternehmen, es waren aber auch schon Dax-Unternehmen wie die Postbank dabei. Die Studenten entwerfen Werbebroschüren, entwickeln Recruiting-Konzepte, erstellen Marktanalysen und Vertriebskonzepte. Sie schreiben Businesspläne für Existenzgründer und konzipieren Datenbanken und Websites. „Thematisch sind uns kaum Grenzen gesetzt“, sagt Lehnisch. Manchmal seien die Projekte aber zu groß – schließlich dürfen die Junior-Berater ihr Studium nicht allzu sehr schleifen lassen. „Alles, was mehr als 50 Tage in Anspruch nimmt, können wir nur in Ausnahmefällen bearbeiten.“

Die studentischen Beratungen profitieren bei ihrer Arbeit von den unterschiedlichen Fachrichtungen der Hochschüler. „Im Prinzip stehen wir allen offen", sagt Lehnisch, „man muss nur Spaß daran haben und engagiert sein.“ Die meisten studieren BWL, Wirtschaftsingenieurwesen oder Informatik. Aber auch Psychologie- oder Kommunikationsmanagement-Studenten sind dabei, berichtet Lehnisch.

Oft unterschätzen Bewerber den Arbeitsaufwand. „Wenn sie bei unseren Informationsveranstaltungen hören, dass sie mindestens acht Stunden pro Woche opfern müssen, lassen sie schnell die Finger davon.“ Obwohl die Bachelor-Studiengänge kaum noch Zeit für Nebenjobs lassen, steigt die Zahl der Studenten, die mitmachen wollen. Von dreißig Bewerbern pro Semester kann das BCPro nur zwischen fünfzehn und zwanzig aufnehmen.

Bei der CCT an der Technischen Universität gehen sogar bis zu sechzig Bewerbungen ein. „Wer mitmachen will, muss ausgeprägte analytische Fähigkeiten besitzen und sich schnell und intensiv in neue Themengebiete einarbeiten können“, sagt der CCT-Vorsitzende, Alexander Decker. Wer sich ein wenig eingearbeitet hat und schließlich zusammen mit erfahrenen Kommilitonen ein eigenes Projekt bearbeiten darf, bekommt einen Tagessatz von 220 bis 350 Euro. Ein Teil davon fließt zurück in den Verein, den Rest darf der Student behalten. Doch auch wenn sich das erst einmal nach viel Geld anhört. „Das Studium kann man damit nicht finanzieren", sagt Lehnisch.

In einem Bereich haben sich die studentischen Unternehmensberatungen sogar eine Art Monopol-Stellung erarbeitet: „Im Hochschulmarketing sind wir Spezialisten“, so Decker. Schließlich sitzen er und seine Kollegen direkt an der Hochschule. „Wenn Firmen darüber klagen, dass sie nicht genug Bewerber reinkriegen, können wir punkten.“ Näher können die Unternehmen an die studentische Zielgruppe wohl kaum herankommen.

Wer später einmal bei McKinsey & Co. unterkommen möchte, für den gibt es wohl keine bessere Empfehlung als die erfolgreiche Mitarbeit in einer studentischen Beratung. Lehnisch schätzt, dass die Hälfte aller ehemaligen BCPro-Mitarbeiter inzwischen bei einer Consultingfirma arbeitet. „Wenn man Praxiserfahrung hat und mit den Begriffen aus dem Projektmanagement umgehen kann, erhöht das die Chancen, bei einer großen Beratung genommen zu werden.“

Aber auch in anderen Unternehmen sind die Aussichten gut – zumal in solchen, zu denen die Bewerber durch ihre Beratertätigkeiten oft schon enge Kontakte geknüpft haben. „Es wird immer mehr auf Projektbasis gearbeitet“, so Lehnisch. „Die Bewerber kennen sich in den Bereichen Rechnungswesen, Buchhaltung und Finanzen aus.“ Das kommt ihnen dann zu Gute. Berliner Studenten müssen sich aber nicht auf Unternehmensberatung beschränken. Neben CCT, BCPro, „Uniconsult“ an der Freien Universität und „Uniclever“ in Potsdam gibt es eine Reihe studentischer Unternehmen.

So gründeten Politikstudenten der Freien Uni die „Politikfabrik“, die erste studentische Agentur für politische Kommunikation in Deutschland. Bereits seit zehn Jahren gibt es die studentische Kommunikationsagentur Töchter + Söhne an der Universität der Künste, die Werbekampagnen, Corporate Designs und Online-Auftritte für Branchengrößen wie Otto Versand, Deutsche Bank 24 oder Techniker Krankenkasse konzipiert und sich als Nachwuchsschmiede für angehende Kommunikationswirte, Grafik- und Produktdesigner, Texter und Medienkünstler versteht.

www.cct-ev.de

www.bcpro.de

www.uni-consult.de

www.uniclever.de

www.politikfabrik.de

www.design.udk-berlin.de/DesignService/ToechterUndSoehne

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