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Leistung bringen, wenn nichts mehr geht: Wie Führungskräfte aus der Wirtschaft vom Sport lernen

Selina Byfield

Olympia 1968 in Mexico City. Zehnkämpfer Kurt Bendlin nimmt Anlauf, schwingt sich mit seinem Hochsprungstab in die Luft und reißt die Latte bei 4,20 Metern herunter. Als auch der zweite Versuch misslingt, sagt sein Trainer zu ihm: „Wenn du beim dritten Mal nicht herüberkommst, brauchst du gar nicht erst nach Deutschland zurückzukommen!“. Und Bendlin weiß: „Wenn ich jetzt den Glauben an mich verliere, kann ich gleich aufgeben.“ Beim dritten Anlauf bleibt die Latte liegen.

Über solche sportlichen Extremsituationen spricht Bendlin heute vor Managern aus der Wirtschaft. In seinen Vorträgen will er den Führungskräften vermitteln, dass Misserfolge kein Grund zum Aufgeben, sondern Ansporn für bessere Leistungen sein sollten. „Man muss seine Schwächen analysieren und an ihnen arbeiten“, sagt der 65-Jährige, der nach seiner Sportlerkarriere mehrere Jahre bei der Nixdorf Computer AG in der Sport- und Ausbildungsförderung gearbeitet hat. „Obwohl ich nie den Job des Personalentwicklers gelernt habe, weiß ich, worauf es auch bei Führungskräften in der Wirtschaft ankommt. Schließlich habe ich als Sportler oft genug extremen Leistungsdruck erlebt.“ Die Methodik seiner Seminare hat jedoch weniger mit Sport als mit Abenteuer zu tun: „In meinen Camps müssen die Manager dann schon mal ein Kinderspielhaus bauen und im Umgang Hammer und Säge die Teamarbeit üben“, so Bendlin.

Davon, dass Angestellte einiges vom Spitzensport lernen können, ist auch Management-Trainer Mario Neumann überzeugt. „In Unternehmen wird zwar viel im Team gearbeitet, aber weniger darüber nachgedacht, wie man als Führungskraft Einfluss auf die Teamleistung nehmen kann. Dabei ist die Auswahl der Teamspieler genauso wichtig wie deren Eigenmotivation“, so Neumann. Deshalb hat er für ein Seminar zum Thema „Teamentwicklung“ den Nationaltrainer der Herrenvolleyball-Mannschaft Stelian Moculescu als Referenten eingeladen. Im Rahmen eines Förderprogramms für IT-Berater und Projektleiter des Computerherstellers Hewlett Packard erklärte Moculescu im süddeutschen Odenwald den zwölf Nachwuchstalenten, wie er es mit dem Spielernachwuchs hält.

„Bei Moculescu sitzen Nachwuchskräfte nicht schmollend auf der Ersatzbank, sondern legen nach dem Spiel ein Extratraining ein, weil sie wissen, dass sie eines Tages auf ihrer Traumposition spielen können“, erzählt Neumann. Das könne auch im Unternehmen gut funktionieren: „Wenn man die Leute nicht nur mit dem Gehalt ködert, sondern ihnen eine Entwicklungsperspektive im Team bietet, sind sie von sich aus motiviert, gute Leistungen zu bringen.“

Ähnlich wie im Konzept Neumanns beschränken sich die Auftritte von aktiven Sport- und Trainergrößen in der Unternehmensweiterbildung jedoch meist auf kurze Vorträge mit anschließender Diskussion. Denn: Große Namen haben ihren Preis. „Wenn Sie Handballnationalcoach Heiner Brandt buchen wollen, müssen Sie wahrscheinlich mit einigen Zehntausend Euro rechnen“, so Neumann. Brands Management selbst will sich zu den Kosten nicht äußern. Die Liste seiner Kunden lässt jedoch darauf schließen, dass kleine Unternehmen sich den Startrainer eher nicht leisten können: Neben SAP und der Daimler AG, würden vor allem Versicherungen, Banken sowie Industrie- und Handelskammern den Handballcoach buchen. Neumanns Tipp für kleinere Unternehmen: „Einen weniger bekannten, aber guten Sporttrainer kriegen Sie schon ab 2000 Euro.“ Wenn er das Seminar leitet, kommt allerdings sein eigener Tagessatz von 1500 bis 2000 Euro hinzu.

Ein weiteres Thema, bei dem Angestellte aus der Wirtschaft vom Sport lernen können, ist der Umgang mit Leistungsdruck. Im Spitzensport trainieren Sportpsychologen mit Mannschaften und Einzelkämpfern spezielle mentale Strategien, die helfen sollen, dem Druck im Wettkampf oder Spiel standzuhalten. „Einem Sportler helfen seine gute Konstitution und technisches Können nichts, wenn er im falschen Moment Zweifel bekommt und sich damit selbst im Weg steht“, sagt Jan Mayer, der als Sportpsychologe unter anderem die Skisprung- und die Handballnationalmannschaft betreut. Das gelte auch auf die Führungskräfte in Unternehmen. „Vor einem wichtigen Meeting oder einer Präsentation darf man sich nicht mit Selbstzweifeln plagen“, so Mayer. Während Handballer vor dem Match ihre Spielzüge durchgehen, könnten sich Führungskräfte vor einem wichtigen Telefonat die Argumentation zurechtlegen. „Irgendwann hat man sie soweit verinnerlicht, dass man sie ganz souverän vortragen kann. Das funktioniert bei Sportlern und das können auch Manager lernen.“

Wer seine Mitarbeiter von Jan Mayer oder seinem Kollegen Hans-Dieter Herrmann, dem Psychologen der Fußball Nationalelf, schulen lassen möchte, kann sich in Berlin an die private „Hochschule für Gesundheit und Sport“ in Berlin wenden. Offene Seminare gibt es nicht, stattdessen können sich Unternehmen ein Fortbildungsprogramm mit sportpsychologischem Schwerpunkt für ihre Mitarbeiter zusammenstellen lassen, das über den Kurzvortrag hinausgeht: Vom Wochenendworkshop bis zum halbjährigen Kurs ist alles möglich.

Um seinen Chef davon zu überzeugen, die Kosten für ein solches Mitarbeitertraining zu übernehmen, sollte man das persönliche Gespräch suchen und sich gut darauf vorbereiten. Denn: Wer Geld für eine Weiterbildung ausgibt, möchte auch wissen, was für ihn dabei herausspringt. Wenn die Mitarbeiter darlegen, wie sie und das Unternehmen von einem Trainerworkshop profitieren, könnte es mit dem Sport am Arbeitsplatz klappen.

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