Pyrotechniker : Der Lichtkünstler

An Silvester, wenn alle feiern, muss Björn Wilhelm immer arbeiten. Er schießt um Mitternacht lange vorbereitete, kunstvolle Feuerwerke in den Himmel.

Judith Jenner
315729_0_2fc719b8.jpg
Für den Augenblick. Björn Wilhelm hat mit seinen Kollegen auch schon den Alexanderplatz illuminiert. Fotos: Thilo...

Wenn Björn Wilhelm auf seinem Arbeitsweg zwischen Marienfelde und Spandau das Autoradio laufen lässt, hört der Feuerwerker in ihm mit. Bei jedem neuen Lied fragt er sich, ob es passen würde, ob man in seinem Rhythmus den Himmel zum Leuchten bringen kann. Ein geeignetes Stück muss für ihn Höhen und Tiefen haben. „An den ruhigen Stellen denke ich an ein Barockfeuerwerk mit kreisenden Sonnen oder Licht-Fontänen. Oder an ein rotes Bengalfeuer, das den gesamten Platz oder Park illuminiert. An den dramatischen Stellen schießen hohe Raketen in die Luft, alles punktgenau zur Komposition“, schwärmt der 31-Jährige.

Wilhelm ist Pyrotechniker und Geschäftsführer des Unternehmens Potsdamer Feuerwerk. Die Firma plant Großfeuerwerke für Veranstaltungen und verkauft Feuerwerkseffekte an Profis. Björn Wilhelm sieht ein bisschen müde aus. Am Vorabend ist es wieder einmal länger geworden, erzählt er. Mit Kollegen hat er ein Indoor-Feuerwerk für die Handballer von „Füchse Berlin“ gezündet. Bis er das Equipment wieder im Firmensitz in Marienfelde verstaut hatte, war es Mitternacht.

Arbeitsreiche Wochenenden sind für ihn eher die Regel als die Ausnahme. Momentan ist jedoch Nebensaison. „Unsere Großveranstaltungen finden zwischen April und September statt“, sagt Wilhelm. Dann schießt er Raketen für Events wie das „Klassik Open Air“ im Britzer Garten oder das Abschlussfeuerwerk von „Stars For Free“ in den Himmel. Im Sommer hat seine Arbeitswoche oft sieben Tage. Seine Freundin sieht er nur selten. Ein solches Arbeitspensum halte er nur durch, weil er den Job liebt.

„Auch wenn es platt klingt. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt Wilhelm. Schon als Kind sparte er monatelang das Taschengeld, um an Silvester Knaller und Raketen zu kaufen. In seiner Zeit als Bundeswehrsoldat war er Ausbilder im Sprengbereich. Nebenbei ging er als Azubi mit zu Feuerwerken.

26 Groß-Feuerwerke einer lizenzierten Firma muss man begleiten, bevor man Pyrotechniker werden kann. Geld verdient hat Wilhelm dabei nicht. Einige Ausbildungsbetriebe lassen sich das Weitergeben von Erfahrung sogar bezahlen. Als er alle Scheine zusammen hatte, besuchte Wilhelm einen einwöchigen Lehrgang an der Dresdner Sprengschule. 1200 Euro hat das gekostet. Auf dem Lehrplan steht viel Theorie. Vermittelt werden vor allem die gesetzlichen Grundlagen für Feuerwerke. Wer den Befähigungsschein für Pyrotechniker bestehen will, muss sich damit auskennen.

Die meisten seiner Kollegen arbeiten frei- und nebenberuflich. Björn Wilhelm hatte Glück. Nach seinem Abschluss bekam er bei der Firma Potsdamer Feuerwerk eine Stelle als Pyrotechniker. Zwei Jahre später wurde er Geschäftsführer.

Was er liebt und was ihn antreibt ist der Moment, in dem das Feuerwerk seine volle Pracht entfaltet, erzählt Wilhelm. Nur fünf bis zehn Minuten dauert das gewöhnlich, doch wenn die Zuschauer dann selig in den Himmel gucken und applaudieren, ist er glücklich. „Von Feuerwerk ist fast jeder fasziniert. Es kann etwas sehr Kunstvolles, wenn auch Kurzlebiges sein, das sich selbst von Profi-Fotografen nur schwer festhalten lässt“, schwärmt er. Und immer ist seine Kreativität gefragt. Bei 99 Prozent seiner Aufträge kann Björn Wilhelm die Choreographie und oft auch die Musik mitbestimmen.

Sein persönlicher Favorit ist zur Zeit die Gruppe Adoro, die Gänsehaut-Schnulzen mit klassischen Instrumenten und deutschen Texten im Repertoire hat. Aber auch Popsongs wie die von Abba sind gut geeignet. Der Fantasie sind da kaum Grenzen gesetzt. „Pyro-Design ist die hohe Schule der Pyrotechnik“, erklärt er. Es unterscheide ein kunstvolles von einem „Rummelfeuerwerk“. Damit meint Wilhelm lieblos und ohne Konzept in die Luft gepulverte Effekte.

Die Planung für ein Feuerwerk beginnt für Björn Wilhelm mit einem Beratungsgespräch etwa zwei Monate vor der Veranstaltung. „Ich kläre die Erwartungen des Kunden ab und zeige Videos und Fotos von Veranstaltungen.“ Im zweiten Schritt sieht er sich den Veranstaltungsort an.

Das „Einstiegsangebot“ für Privatfeiern liegt bei etwa 600 Euro für fünf bis sechs Minuten. Nach oben ist die Preisspanne offen. Ein zehnminütiges „Prämiumfeuerwerk“ kostet rund 10 000 Euro.

Ein Feuerwerk bedeutet auch viel Papierkram. Spätestens vierzehn Tage vorher muss Wilhelm es bei der zuständigen Behörde anzeigen – und zahlreiche Brandschutz- und Sicherheitsbestimmungen berücksichtigen. Das beginnt beim Transport und der Lagerung der Feuerwerkskörper.

Das Wetter macht dem Lichtkünstler nur selten einen Strich durch die Rechnung. Regen oder Schnee stören höchstens die Zuschauer. Nur bei Sturm muss er sein Feuerwerk ungezündet wieder abbauen, wenn der Sicherheitsabstand zu den umstehenden Bäumen oder Gebäuden nicht gewahrt werden kann. „Das ist sehr deprimierend. Schließlich dauert der Aufbau Stunden oder gar Tage.“ Das ist ihm aber bisher nur einmal passiert.

Verletzt hat sich Björn Wilhelm bei der Arbeit noch nie. „Eher haut man sich mit dem Hammer auf den Finger“, sagt er. „Die Unfälle, von denen man nach Silvester hört, passieren, weil die Reaktionsfähigkeit durch Alkohol und Drogen verlangsamt ist.“ Auch ausländische Böller, denen teilweise Sprengstoff beigemischt sei, findet er gefährlich.

An seine letzte private Silvesterparty kann sich Björn Wilhelm nicht erinnern. In diesem Jahr wird er den Jahreswechsel auf dem Dach des Konzerthauses am Gendarmenmarkt verbringen, natürlich um zu arbeiten. Er könnte das Feuerwerk der Silvestergala zwar auch per Fernsteuerung vom Boden aus starten. Doch von oben hat er um Mitternacht einen Blick auf den bunten Himmel über Berlin. Den will er sich nicht entgehen lassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar