Karriere : Quer denken und früh entscheiden Geisteswissenschaftler müssen besondere Strategien entwickeln, um einen attraktiven Job zu finden

Kai Kolwitz

Die gute Nachricht zuerst: Ganz so schlimm, wie viele denken, ist die Lage für Geisteswissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt nicht. Karl-Heinz Minks von der Hochschul-Informations-System-GmbH in Hannover (HIS) sagt immerhin: „Germanisten oder Historiker müssen nach ihrer Ausbildung nicht Taxi fahren oder Pizza ausliefern.“ Die Berufschancen seien zwar nicht so gut wie die von Wirtschaftsingenieuren, aber gemessen an den gängigen Vorurteilen sehe es „alles andere als schlecht aus.“

Im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erforscht HIS regelmäßig, ob, wie und als was Hochschulabsolventen ein Jahr nach Studienende beruflich untergekommen sind. Das Ergebnis für Geisteswissenschaftler: 55 Prozent der Absolventen haben eine feste Arbeit, zehn Prozent jobben, zwölf Prozent machen eine Aus- oder Fortbildung und fast zehn Prozent kommen mit Werkverträgen oder Auftragstätigkeiten über die Runden. Kein Wunder: Das Job-Profil von Geisteswissenschaftlern ist nicht so eindeutig wie bei Ingenieuren oder Betriebswirten. Und in den klassischen Betätigungsfeldern – etwa Medien, Verlagswesen oder Kultur – gibt es derzeit nur selten Stellen, genauso in der Wissenschaft.

Beides zusammen erklärt, warum sich der Berufseinstieg bei Geisteswissenschaftlern meist länger hinzieht als bei anderen Akademikern. Das zeigen nicht nur die Forschungsdaten des HIS auf. Auch eine aktuelle Studie der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) konstatiert, dass sich bei vielen Bewerbern „das typische Patchwork-Muster aus Projektarbeit, befristeten Beschäftigungsverhältnissen und freier Mitarbeit“ findet.

Ist das die schlechte Nachricht? Nicht für Karl-Heinz Minks. Er sagt: „Für nicht wenige erscheint es zunächst als Zufallsjob, was sie nach dem Studium machen.“ Doch die HIS-Studien ergeben laut Minks etwas ganz anderes: Geisteswissenschaftler bleiben überdurchschnittlich oft der Branche treu, in der sie schon während des Studiums gejobbt oder Praktika absolviert haben. Wer aus dieser Erkenntnis die richtigen Schlüsse zieht, macht es nach Überzeugung von Minks „genau richtig“. Für ihn sind Magister-Absolventen in der klassischen Wirtschaft keineswegs chancenlos. Vorausgesetzt, sie tun das, was er selbst „Gesicht zeigen“ nennt.

Weil potenziellen Arbeitgebern oft erst einmal klar gemacht werden müsse, in welchen Funktionen Geisteswissenschaftler die genau richtigen Mitarbeiter seien, solle man sich frühzeitig als Praktikant oder in befristeten Jobs bewähren. Das funktioniere „deutlich besser als durch Blindbewerbungen nach dem Studium“, sagt Minks. Er selbst kennt einen Absolventen mit Abschluss in Geschichte und Germanistik, der im internationalen Wertpapiergeschäft der Deutschen Bank untergekommen ist. Auch andere Großunternehmen stehen in dem Ruf, gerne mit Geisteswissenschaftlern zu arbeiten. Siemens zum Beispiel. Spezielle Programme für Magister-Absolventen gibt es laut Siemens-Sprecher Michael Scheuer zwar nicht. Aber im Vertrieb seien sie relativ stark vertreten, ebenso in der firmeneigenen Unternehmensberatung und auch in den PR-Abteilungen. Traineeprogramme, in denen Geisteswissenschaftler ausdrücklich erwünscht sind, gibt es auch bei BMW, Continenta, der Hypovereinsbank oder auch der Bundeswehr.

Rückenwind für Absolventen der Geisteswissenschaften erwarten viele Arbeitsmarktexperten durch die Studienstrukturreform. Sie soll den Ausbildungszielen der Studiengänge schärfere Konturen verleihen. Zusammen mit den Bachelor- und Master-Abschlüssen soll ein so genanntes „Diploma Supplement“ eingeführt werden. Das Papier soll aufzeigen, womit sich der Absolvent während seines Studiums genau befasst hat – und bei der Stellensuche dann zusätzliche Argumente liefern. Schaden kann so ein Papier nicht. Doch Geisteswissenschaftler versuchen ihr Glück zunehmend auch in der Selbstständigkeit (siehe Beitrag unten). Oder aber sie nutzen die Chancen, die ihnen von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eingeräumt werden, um als Wissenschaftler Karriere zu machen. Mit der „Förderinitiative Geisteswissenschaften“ werden Nachwuchswissenschaftler (post-docs) unterstützt, die zur Projektarbeit wissenschaftliche Netzwerke gründen. Das Projekt muss mit einem „identifizierbaren Produkt“ abschließen – einer Publikation, Tagung oder Ausstellung. Unter dem Stichwort „Langfristigkeit der Forschungsperspektive“ will die DFG sogar bis zu zwölf Jahre lang fördern, „wenn dies für die wissenschaftliche Arbeit nötig ist“, etwa für umfassende Editionen oder archäologische Ausgrabungen.

So weit, so gut. Doch an einer schlechten Nachricht kommen Magister-Studenten nicht vorbei: Ihr Brutto-Jahresgehalt nach einem Jahr im Job wird laut Statistik rund 30 000 Euro betragen - etwa 5000 Euro weniger als beim Durchschnitt aller Akademiker. „Geisteswissenschaftler wissen, dass sie nicht so viel Geld verdienen werden wie ein Arzt oder Richter und richten sich darauf ein", meint Minks. Er rät, sich nicht nur hinter Büchern zu verschanzen, sondern sich klar zu machen, dass der Berufseinstieg nicht erst nach der Magisterarbeit beginnt. „Man sollte dabei aber auch nicht zu pragmatisch werden. Wer früh schwimmen lernt, kommt nicht so schnell in Gefahr zu ertrinken.“

Mehr Infos im Internet:

www.praxisforum-berufsorientierung.de, www.Kopfwerk-Berlin.de, www.dfg.de, www.his.de

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