Ratgeber : Im Karrierelabyrinth

Wenn es um Fragen der Berufsentscheidung geht, empfiehlt der US-Investmentbanker, MBA-Professor und Bestseller-Autor Jonathan Knee einen deutschen Dichter als Ratgeber: Rainer Maria Rilke.

Labyrinth
Welcher Weg ist der Richtige? In der Selbsterkenntnis liegt die beste Orientierung, rät ein Finanzfachmann. -Foto: ddp

Als der Verlag Oxford University Press mein Buch „The Accidental Banker“ in den USA veröffentlichte, waren die Erwartungen an die Auflage gering. Man ging davon aus, dass sich überwiegend Leser dafür interessieren würden, die in der Branche arbeiten: Investmentbanker und solche, die eine Karriere im Investmentbanking anstreben. Umso befriedigender ist es, dass der überraschende Erfolg dieses Buches einem Lesepublikum geschuldet ist, an das es sich ursprünglich nicht richtete. Ärzte, Anwälte, Wirtschaftsprüfer und Führungskräfte aus anderen Branchen sehen in ihren Berufsgruppen Parallelen zu dem in meinem Buch über die Geschichte des Investmentbankings beschriebenen Werteverfall während der zehnjährigen Boom- und Bust-Phase.

Besonders überrascht hat mich die Reaktion auf meinen eher beiläufigen Hinweis, dass Rilke gerade „uns“ Investmentbankern etwas zu sagen hat. In meinem Diskurs über die Entlassungswellen im Investmentbanking und den verheerenden persönlichen Folgen für die Mitarbeiter, nachdem im Jahr 2001 die Internetblase geplatzt war (ein Phänomen, dass sich zurzeit gerade im Zusammenhang mit der weltweiten Kreditkrise wiederholt), erwähnte ich, dass ich mich bei meinen Beratungsgesprächen mit arbeitslos gewordenen Bankern, der Texte aus Rilkes „Briefe an einen jungen Dichter“ bediene.

Rilke richtet seinen „Brief“ ganz bewusst an den im Titel des Buches titulierten Dichter und warnt ihn vor den harten Prüfungen seines erwählten Berufes. Rilke tut es, indem er argumentiert, dass ein Dichter, der sich auch nur vorstellen kann, ohne das Schreiben zu leben, in jedem Falle besser beraten wäre, es ganz bleiben zu lassen. Diese Art der tief schürfenden Selbstbetrachtung, die Rilke empfiehlt, ist nur selten bei jungen Absolventen zu finden – ganz gleich welchen Beruf sie wählen. Viele junge Akademiker, Absolventen der besten Universitäten und Business Schools, starten ihre Karrieren im Investmentbanking unter dem Eindruck dessen, was von ihnen erwartet wird. Nicht aber aus einem tiefen Bedürfnis heraus, sich diesem Beruf ernsthaft zu verschreiben. Frei nach Rilke fragen diese sich bei ihrem Berufseinstieg gewiss nicht vorher: „Muss ich ein Banker werden?“

Der Verlust eines Jobs ist umso traumatischer, wenn dieser bereits aus den falschen Beweggründen angetreten wurde – insbesondere dann, wenn diese Gründe mehr mit der Erfüllung der Erwartungen anderer zu tun hatten als mit der Verfolgung eigener Interessen.

Das, was ich mit der Übertragbarkeit von Rilke auf das Bankgeschäft meinte, ist, dass obwohl das Bankgeschäft mit Dichtung wenig zu tun hat, es uns allen besser ginge, wenn wir unser berufliches Streben, mit der gleichen Ernsthaftigkeit betreiben würden wie es der Dichter tut. Selbst wenn diese Einsicht erst spät im Leben eines entlassenen Bankers einsetzt, so kann doch die Selbstfindung à la Rilke zu mehr Selbstzufriedenheit und Stabilität führen als das emsige Schachern um den nächsten Investmentbankenjob, der sich gerade anbietet. So schrieb ich in „The Accidental Investmentbanker“: „Vielleicht ist dies für einen jungen Menschen überhaupt die erste Gelegenheit, einmal innezuhalten. Sich unvermutet in einer Lebenssituation wiederzufinden, in der der nächste Schritt noch nicht vorherbestimmt ist, kann eine zutiefst befreiende und lehrreiche Erfahrung sein.“

Doch es gibt Grenzen in der praktischen Übertragbarkeit von Rilke auf die Karriereberatung in der Hochfinanz. Zum einen ist es mit der Selbstbetrachtung leichter gesagt als getan. Für die in der Finanzindustrie überrepräsentierten Hyperehrgeizigen sind die Lebensziele ja bisher eindeutig definiert: Bestnoten, der Besuch der besten Schulen und der angesagteste Job. Alle sollen sie beeindruckt sein: Familie, Zeitgenossen, Nachwelt.

Wenn ein junger, gut ausgebildeter Banker noch nie in die Tiefe der eigenen Seele geblickt hat, wäre es nicht überraschend, wenn ihm bei den ersten Versuchen, die eigene Seele zu ergründen, eine unausgefüllte Stille entgegenschlüge. Identität kann sich nur mit der Zeit entwickeln. Die Jahrzehnte, in denen man sich ausschließlich über die Anforderungen und Erwartungen anderer definiert hat, fordern ihren Tribut.

Zum zweiten dürfte die Aufforderung, einmal in sich zu gehen, um die eigene wahre Berufung zu ergründen, selbst diejenigen mit weniger angeschlagener Psyche überfordern. Immerhin gibt es eine unüberschaubare Zahl von Berufen, die in Frage kommen könnten. Um die Karrierewahl seriös zu betreiben, ist es daher sinnvoll, einige grob umrissene Berufsfelder und deren Möglichkeiten genauer unter die Lupe zu nehmen. Jede dieser Möglichkeiten sollte unterschiedliche Anforderungen an Fähigkeiten und Interessen stellen. Die Erkenntnis, welche der Berufsgruppen dann zu einem passt, bedeutet bei ehrlicher Selbsteinschätzung einen Schritt nach vorne. Leider geht Rilke hier aber nicht ins Detail.

Wie in allen Dienstleistungsberufen geht es im Investmentbanking um das Verkaufen. Menschen, für die soziale Kontakte wichtig sind, besitzen natürliches Einfühlungsvermögen (erfolgreiches Verkaufen hat vor allem damit zu tun, dass ich mich in die Rolle des Kunden hineinversetzen kann). Gerade auch durch ihre Wirkung auf andere sind sie im Vertrieb erfolgreich. Das gute Zahlenverständnis, welches häufig als Voraussetzung für eine Bankenkarriere angeführt wird, reicht für sich genommen kaum aus, um ein schönes Büro mit guter Aussicht zu erobern, wenn es am Verkaufstalent mangelt.

Private Equity sowie Hedge Fonds und andere Investmentjobs sind im Wesentlichen Berufe, für die analytische Fähigkeiten gebraucht werden. Hierbei handelt es sich um eher „einzelgängerische“ Berufe. Die Qualität der Arbeit wird maßgeblich an der Qualität der Analysen gemessen. Die Qualität der Analysen wiederum wird anhand erfassbarer Daten bewertet, und eventuell auch daran gemessen, ob die Empfehlung für ein Wertpapier zu einem positiven Kursverlauf geführt hat. Oder ob sich die Investition in ein privates Unternehmen gelohnt hat.

Der klassische Verkäufer ist ein zutiefst soziales Wesen. Während der klassische Analyst eher zum Einzelgänger neigt. Die Arbeit in einem Startup ist maßgeblich operativ geprägt. Operative Jobs verbinden die Fähigkeiten eines Verkäufers mit denen des Analysten. Der operativ arbeitende Mitarbeiter muss intern wie extern sowohl kommunizieren als auch „verkaufen“ können. Der Operative muss so gute analytische Fähigkeiten besitzen, dass er auf einem hohen Niveau eine für sein Unternehmen nützliche Expertise entwickelt. Das, was das Operative ausmacht, ist konsequentes Engagement und die Verpflichtung, sich dauerhaft und kontinuierlich für die Ziele einer Organisation einzusetzen. Der Verkäufer hingegen schließt ein Geschäft ab, um sich dann auf der Stelle einer neuen Aufgabe zuzuwenden. Selbst dann, wenn es sich um einen langjährigen Kunden handelt, wartet ja bereits der nächste. Geht dann mal etwas schief, ist man wenigstens um diese eine Erfahrung reicher. Der analytisch geprägte Mensch macht einen Handel perfekt und erntet die Früchte der Rückschlüsse, die er zieht. Der operative hingegen ist ein Langstreckenläufer. Die meisten Stellen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Finanzbranche lassen sich diesen drei Kategorien Vertrieb, Analyse, Operatives zuordnen. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine und dieselbe Person in mehr als einer dieser drei Bereiche reüssiert, ist gering. Aus diesem Grund erscheint mir ein wenig Rilkesche Selbstreflexion eine hervorragende Investition.

Rilkes Botschaft ist klar: Die Entscheidung, welche berufliche Laufbahn ich einzuschlagen beabsichtige, sollte wohl überlegt sein. Das gilt sowohl für den Beruf des Dichters wie für jeden anderen Beruf auch. Die persönlichen und moralischen Folgen einer solchen Entscheidung sind es wert, die eigene Person einer ernsthaften Selbstanalyse zu unterziehen. Tun wir das nicht, missachten wir die einmaligen Begabungen, die jeder von uns einzubringen hat. Auch würden wir die Chance verspielen, zu einem Höchstmaß an persönlicher Zufriedenheit zu gelangen.

Beitrag aus „Junge Karriere“
Der Autor ist Professor an der Columbia Business School in New York. Sein Buch „The Accidental Banker“ gibt es auch auf Deutsch („Million Dollar Boys: Die Insider-Story eines Investment-Bankers“). Übersetzung: Elisabeth Jane Frenz.

Jonathan Knee ist Professor an der Columbia Business School in New York. Sein Buch „The Accidential Banker“ gibt es auch auf Deutsch: „Million Dollar Boys: Die Insidestory eines Investmentbankers“.

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