Karriere : Reif für die Hochschule

Wer einen Berufsabschluss gemacht und einige Jahre gearbeitet hat, darf studieren – auch ohne Abitur

Markus Wanzeck

„Bei uns an der Uni haben etwa tausend Studenten kein Abitur“, erklärt Joachim Beckmann, Leiter der Studienabteilung der Humboldt-Universität (HU) – und er sagt, eigentlich dürften es doppelt so viele sein. Denn für Studierwillige ohne formale Hochschulreife stellt die HU bis zu acht Prozent ihrer Studienplätze zur Verfügung. Theoretisch. „Aber in vielen Fächern haben wir in der Praxis nur wenige Bewerber, bei den Naturwissenschaften so gut wie gar keine“, so Beckmann. Lediglich in Fächern wie Kunstgeschichte oder in den Kulturwissenschaften, da übertreffe die Bewerberzahl manchmal das Angebot an Studienplätzen.

Ein Studium ohne Abitur ist laut Hochschulgesetz an allen Berliner Universitäten und Fachhochschulen möglich. Von dieser Regelung ausgenommen sind lediglich Studiengänge mit bundesweitem Numerus Clausus, deren Bewerbungsverfahren über die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) laufen. Grundvoraussetzung für ein Studium auf dem so genannten Dritten Bildungsweg ist ein mittlerer Schulabschluss. Darüber hinaus müssen die Bewerber möglichst eine dem angestrebten Studiengang fachlich nahe stehende Ausbildung sowie mindestens vier Jahre Berufspraxis nachweisen können; alternativ kann eine Meisterprüfung oder ein ähnlicher höherer Berufsabschluss anerkannt werden.

Wer diese formalen Voraussetzungen erfüllt, kann sich bei den Hochschulen für eine „vorläufige Immatrikulation“ bewerben. Bei erfolgreichem Studienverlauf wird diese frühestens nach zwei, spätestens nach vier Semestern Probezeit in eine unbefristete Studienberechtigung umgewandelt. Die ist jedoch an das gewählte Fach und die Hochschule gebunden. Erst mit dem erfolgreichen Abschluss des Studiums erwirbt man die allgemeine Hochschulreife, die gleichwertig mit dem Abitur ist.

Die meisten Berliner Hochschulen verlangen von ihren Bewerbern eine schriftliche Begründung des Studienwunsches, die zusammen mit den übrigen Bewerbungsunterlagen eingereicht wird. An einigen Hochschulen, wie etwa der Freien Universität, werden die Studierwilligen darüber hinaus zu einem Aufnahmegespräch mit einem Vertreter ihres Fachbereichs eingeladen.

Ginge es nach HU-Studienreferatsleiter Beckmann, würde solch ein Gespräch künftig die mindestens einjährige Probezeit ersetzen: „Abiturlose Studienanfänger stehen durch die vorläufige Immatrikulation unter einem enormen Druck, da sie viele relevante Leistungsnachweise des Grundstudiums bereits zum Ende des zweiten Semesters vorlegen müssen.“ Diese Regelung sei unfair gegenüber den Abiturienten, die ihre ersten Schritte im Studentenleben weniger gehetzt zurücklegen dürften. Auch HU-Präsident Christoph Markschies hatte bereits vor einiger Zeit öffentlich Kritik an der zweisemestrigen Probezeit geübt. Man müsse vielmehr versuchen, bürokratische Hürden abzubauen und Begabte an die Universität zu holen, die „durch ihre Lebensgeschichte und ihren familiären Hintergrund keine Chance hatten, Abitur zu machen“, so Markschies.

Je nach Studieninteresse können private Hochschulen für Berufstätige ohne Abitur eine lohnende Alternative zu den staatlichen Fachhochschulen und Universitäten sein. Sie haben meist nur ein begrenztes Fächerspektrum im Angebot. Doch genau darin liegt auch ein Vorzug der kleinen Privaten: Sie bieten speziell auf Berufserfahrene zugeschnittene Studienprogramme an, die sich überdurchschnittlich stark an der Praxis orientieren. Die bbw Hochschule etwa, die Bachelor-Studiengänge in Wirtschafts- und Ingenieurswissenschaften anbietet, kooperiert mit einer Vielzahl an Unternehmen.

Abschreckend wirken bei den nichtstaatlichen Hochschulen die Studiengebühren – hier langen die Privaten oft ordentlich zu. Die bbw Hochschule verlangt monatlich 420 Euro für ein sechssemestriges Vollzeitstudium und 315 Euro für ein achtsemestriges berufsbegleitendes Teilzeitstudium. Und auch die Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie (VWA), die neben Berlin in zwölf weiteren deutschen Städten vertretenen ist, kassiert immerhin zwischen 120 und 240 Euro pro Monat. Allerdings: Wenn die akademische Weiterbildung beruflich motiviert ist, können Studiengebühren als Werbungs- oder Sonderkosten steuerlich geltend gemacht werden. Bafög und Stipendien stehen für ein Vollzeitstudium ebenfalls zur Verfügung. Und eine weitere Geldquelle sollte nicht unterschätzt werden: Knapp siebzig Prozent der VWA-Studenten werden während des Studiums von ihrem Arbeitgeber bezuschusst, erklärt Mitarbeiterin Britta Schulz. Das Interesse der Unternehmen an der Weiterbildung ihrer Angestellten stetig wächst.

An der Finanzierung muss das Studium für Fachkräfte also nicht scheitern. Und auch durch elitären Akademikerdünkel sind die Eingangspforten der Elfenbeintürme keineswegs verbarrikadiert. „Weit öfter als durch formale Hürden werden die Berufstätigen durch persönliche oder familiäre Faktoren vom Studium abgehalten“, sagt Jan Rathjen, Leiter des Referats Studium, Lehre und Prüfungswesen der Hochschulrektorenkonferenz.

Ein vielleicht noch schwerwiegenderer Grund für den Exotenstatus des abiturlosen Akademikers dürfte im weit verbreiteten Nichtwissen um diese Nische des deutschen Bildungssystems zu suchen sein. Nicht einmal Bildungsprofis wissen bisweilen von ihrer Existenz. Gefragt, ob sie zum Studium ohne Abitur einige Auskünfte geben könne, hatte die Mitarbeiterin eines renommierten Berliner Instituts für Bildungsforschung nur eine knappe Gegenfrage parat: „Wie bitte – man kann auch ohne Abi studieren?“

Lesen Sie nächsten Sonntag im Tagesspiegel, welche Abendstudiengänge es an den Berliner Hochschulen gibt.

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