Russische Unternehmen : Tante Olga ist schon da

Gasprom & Co.: Immer mehr russische Unternehmer investieren am Standort Deutschland. Sie sind risikofreudiger, ehrgeiziger und unkomplizierter als deutsche Chefs – das schätzen auch ihre Mitarbeiter.

Florian Willershausen

Der russische Geschäftsmann am anderen Ende der Leitung redete nicht lange um den heißen Brei herum. „Guten Tag, Herr Dröge“, sagte der Anrufer, „ich möchte, dass Sie für mich arbeiten.“ Schweigepause. Peter Dröge, als Anzeigenverkäufer der Worte selten verlegen, war einfach baff. „Einverstanden“, antwortete er schließlich – und hatte einen neuen Job. Die Einzelheiten ließen sich immer noch klären. Ein paar Wochen später startete der Betriebswirt als Anzeigenleiter der Werner Media-Gruppe, Deutschlands größtem Verleger russischsprachiger Printmedien – und das, ohne auch nur einen Brocken Russisch zu sprechen.

Peter Dröge ist einer von vielen Tausend Deutschen, die für ein Unternehmen mit russischem Hintergrund arbeiten. Oft sind es internationale Konzerne wie Gaslieferant Gasprom oder die Softwareschmiede Kaspersky, die hierzulande ihre Niederlassungen gründen. Allein im Jahr 2005 floss fast eine Milliarde Euro Direktinvestitionen aus Russland nach Deutschland – so viel wie nie zuvor. Viel häufiger machen sich russische Unternehmer am Standort Deutschland selbstständig. So ist die Zahl russischer Existenzgründungen entgegen dem allgemeinen Trend von 2003 bis 2006 um fast das Doppelte auf über 2100 gestiegen.

Wie viele russischstämmige Unternehmer selbstständig sind und wie viele Jobs sie schaffen, weiß niemand so recht. Denn die Statistiken erfassen nur Gründer mit russischer Staatsangehörigkeit, nicht aber die rund 3,5 Millionen Spätaussiedler, die in den letzten zwölf Jahren eingewandert sind und einen deutschen Pass bekommen haben. Wenn sich nur zwei Prozent von ihnen selbstständig gemacht haben sollten, wären das noch einmal rund 70 000 Betriebe mit einer mehr oder weniger russischen Unternehmenskultur – und die mag sich zuweilen deutlich von der deutschen unterscheiden.

Russische Unternehmer sind oft risikofreudiger, unkomplizierter und flexibler als die deutschen. Sie pflegen den persönlichen Kontakt zu Geschäftspartnern und Mitarbeitern. Peter Dröge schätzt diese direkte Art. Deswegen ist der 42-Jährige vor zwei Jahren vom Tagesspiegel zu der kaum bekannten Werner Media-Gruppe gewechselt – viele Kollegen schüttelten bloß den Kopf. „Der russische Geschäftsmann ist ein Visionär, ein echter Macher“, sagt Dröge. Wer in einem deutschen Unternehmen einen Konferenztisch anschaffen möchte, müsse seinem Vorgesetzten erst einmal lange Preiskalkulationen in Excel-Tabellen vorlegen. „Ein russischer Chef sagt einfach: Geh los und kauf einen.“ Und zwar ziemlich zackig.

Vielleicht zu zackig. Vor ein paar Jahren wollte Werner Media neben Zeitungen auch russische Gewürzgurken und kaukasischen Senf verkaufen. Ein riesiges Lager wurde gebaut, ein Mitbewerber aufgekauft, jede Menge Personal eingestellt. 300 Supermärkte sollten in Deutschland entstehen. Inzwischen ist klar geworden, dass sich damit kein Geld verdienen lässt. Natürlich gibt es in vielen Großstädten russische Supermärkte, doch die sind fest in der Hand von Tante Olga. Keine Chance für Handelsketten. Als Werner Media das erkannte, mussten zwölf Pilot-Supermärkte schließen. „Mein Chef hat viele Ideen“, erzählt Dröge, „wenn eine nicht klappt, wird einfach die nächste umgesetzt.“

Immerhin konnten die meisten der 50 Mitarbeiter innerhalb der Gruppe weiterbeschäftigt werden. Insgesamt gibt ihm der Erfolg recht: Vor fünf Jahren beschäftigte Nicholas Werner 40 Mitarbeiter, heute sind es mehr als 300. Und neue Expansionspläne liegen in den Schubladen.

Auch David Tetruachvili hat es einfach mal probiert. Der ehrgeizige Unternehmer war Anfang der 90er Jahre aus Moskau nach Deutschland gekommen – fast ohne Geld in der Tasche, aber mit vielen Geschäftsideen. Von Berlin aus handelte er in Osteuropa mit Parfüm. Ein waghalsiges Geschäft, denn wer konnte sich in der zerfallenden Sowjetunion edle Düfte leisten? Inzwischen boomt der Osten, die Brocard-Group des mutigen Geschäftsmanns aus Russland expandiert rasant. In Russland zählen die Berliner zu den wichtigsten Parfüm-Importeuren, Nobelmarken wie Escada vertreibt Brocard exklusiv.

In der Ukraine ist das Unternehmen mit 23 Parfümerien Marktführer im Einzelhandel, sozusagen der Douglas des Ostens. Bald produziert das Unternehmen eigene Parfüms in der Nähe von Moskau – vorwiegend für den kleinen Geldbeutel. „In Osteuropa ist Einkaufen immer noch ein Erlebnis“, sagt Alexandra Willmann. Die Kunden studieren regelrecht die Parfümangebote und wollen genau wissen, was drin ist. Unterm Strich geben Kundinnen in Osteuropa etwa doppelt so viel Geld für Parfüm und Kosmetik aus wie westeuropäische, weiß die 38-Jährige.

Ein riesiges Potenzial also für eine expandierende Gruppe wie Brocard, die auch in Berlin neue Mitarbeiter einstellt. Alexandra Willmann ist gleich nach dem Studium als eine der ersten Mitarbeiterinnen zu Brocard gekommen. Hier kann sich die in Berlin geborene Diplomatentochter in allen vier Sprachen ausdrücken, die sie fließend zu sprechen gelernt hat. Brocard versteht sich als internationales Unternehmen.

Das gefällt der Historikerin. Regelmäßig fliegt sie quer durch die Welt, besucht Hersteller in Paris oder New York, begleitet Produkt-Lancierungen in Moskau oder Kiew, jettet zu Fachkonferenzen nach Venedig oder London. Sogar ihr einjähriger Sohn ist oft dabei: „Er hat schon an vielen Konferenzen teilgenommen“, sagt sie lächelnd, „und manchmal lese ich ihm abends aus einer Studie vor.“

Letztlich scheint Brocard eher ein osteuropäisches als ein deutsches Unternehmen zu sein. In Russland und in der Ukraine arbeiten die meisten der 600 Mitarbeiter. Auf den Fluren wird überwiegend Russisch gesprochen, viele der 27 Kollegen in der Zentrale kommen aus der ehemaligen Sowjetunion.

Dass Brocard die osteuropäischen Parfummärkte vom Berliner Grunewald aus erobert, hat praktische Gründe: Eine global aktive Holding wie Brocard lässt sich in Deutschland einfacher verwalten als von einem russischen Standort aus, wo bei Investitionen immer noch hohe bürokratische Hürden zu überwinden sind. Damit haben dann die Filialen in Russland und der Ukraine zu kämpfen, die sich mit Hilfe von Juristen vor Ort um die Zulassung von Duftstoffen auf den Märkten kümmern.

Der russische Energieriese Gasprom führt seine deutsche Auslandstochter neuerdings an der langen Leine. Seit vorigem Jahr nennt sich die Berliner Zweigstelle „Gasprom Germania“ und vermarktet als Hauptsponsor den Revierclub Schalke 04. Bis dahin hatte sich der vom Kreml kontrollierte Konzern hinter einem Firmennamen mit drei Großbuchstaben versteckt, dessen ausformulierte Bedeutung in Deutschland kaum jemand aussprechen konnte. Seit dem Gasstreit mit der Ukraine, in dessen Verlauf die Einstellung der Gaslieferungen für politischen Ärger sorgte, forcieren die Russen eine aktive Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland.

Der Wandel zu einer eigenständigeren Auslandstochter setzte schon zum Jahrtausendwechsel ein. Damals stockte Gasprom die Mitarbeiterzahl auf über 100 auf, bezog ein schickes Bürogebäude in Berlin-Mitte und gab der Tochter operative Aufgaben. Inzwischen beschäftigt der Energieriese in Berlin 180 Mitarbeiter. Die Filiale ist mit einem Umsatz von über sechs Milliarden Euro das umsatzstärkste russische Unternehmen in Deutschland. „Moskau schickt uns keine Musterverträge zu, die wir mit in die Verhandlungen nehmen“, sagt Peter Scherger. Der Selbstständigkeit, die die Tochter in den letzten Jahren bekommen hat, verdankt Scherger seinen heutigen Job.

Der 38-jährige Ökonom ist für den Erdgaseinkauf in Zentralasien zuständig. Da Gasprom die Gasreserven auf russischem Boden überwiegend im Inland vermarktet, kaufen Gashändler wie Peter Scherger die für den Export bestimmten Volumen in zentralasiatischen Ländern wie Turkmenistan oder Usbekistan zu. Die Grundlage dafür bilden langfristige bilaterale Verträge. Details muss Scherger mit den Kaufleuten in den autoritär geführten Nachfolgestaaten der Sowjetunion aushandeln. Da hilft ihm, dass er in Kasachstan geboren ist. „Unsere Geschäftspartner empfangen mich mit offenen Armen.“

Peter Scherger ist Pendler zwischen den Kulturen. Wenn er sich in Moskau mit mittelasiatischen Geschäftspartnern trifft, laufen Gespräche direkter, persönlicher, oft auch herzlicher ab als im fernen Deutschland. Indes sind auch bei Gasprom in Russland die Zeiten vorbei, da Metzger mit Schubkarren durch die Flure zogen und Mitarbeitern Fleisch lieferten. Die Belegschaft mit Bratenfleisch zu privilegieren, war einst Teil des Selbstverständnisses von Gasprom als fürsorglicher Konzern. Dieses Versorgungsversprechen des Energiemultis ist in Berlin auf Kantine, Betriebssport und Anspruch auf Kindergartenplätze reduziert. Ein Work-Life-Balance-Paket also, wie es sich jedes andere Unternehmen auch leistet. Überhaupt bestehen die Mitarbeiter auf der Normalität ihres Unternehmens.

„Der Staatseinfluss bei Gasprom wird in der Öffentlichkeit überschätzt“, sagt Peter Scherger. „Wir haben hier in Berlin eine deutsche Unternehmenskultur mit russischen Akzenten.“ Formal ist Gasprom Germania ein russisches, die Werner Media-Gruppe ein deutsches Unternehmen.

Nikolai Werner, der Gründer und Geschäftsführer des Berliner Verlags, besitzt einen deutschen Pass. Doch die Werner-Gruppe ist so russisch, wie ein Unternehmen in Deutschland russischer kaum sein könnte. Die Wachleute am Eingang sprechen Russisch, Hinweisschilder sind mit kyrillischen Buchstaben beschriftet, im Keller wird derzeit eine russische Sauna errichtet. Oft ärgert es den Rheinländer Peter Dröge, dass er kein Russisch kann. In Konferenzen kann er nicht mitreden, wenn eine hitzige Debatte in die Landessprache der Kollegen abgleitet. Er versteht nicht einmal, weshalb eine Tür verschlossen ist, da Hinweisschilder konsequent in russischer Sprache verfasst sind.

Dennoch: Die Zeiten, da Dröge mit Russland bloß sibirische Kälte, Kaviar, Wodka und Braunbären assoziierte, sind vorbei. Ende des Jahres will er erstmals nach Russland fliegen, nach Sankt Petersburg. Es wird Zeit, das Land kennenzulernen, auf das er sich mit der Jobzusage vor zwei Jahren eingelassen hat.

Beitrag aus dem Karriere-Magazin

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