Sabbatical : Viele Wege führen nach oben

Ob neben dem Beruf oder während einer „Sabbatical“-Auszeit: Es gibt viele Chancen, sich weiterzubilden. Drei erfolgreiche Absolventen zeigen, wie es geht.

Anne Meyer

MAREIKE GOETZ: NACH FEIERABEND GELERNT



Es war ein hartes Jahr für Mareike Goetz: Während ihre Freunde am Wochenende in die Berge fuhren, setzte sie sich in den Nachtzug nach Köln und paukte Anatomie. „Nach einer Arbeitswoche war ich eigentlich platt“, sagt die 29-jährige Diplom-Biologin. Doch für die 14-monatige Weiterbildung zur Sport- und Fitnesstrainerin musste sie zeitweise auf ihren Feierabend verzichten. Unter der Woche lernte Goetz aus Studienbriefen, an den Wochenenden besuchte sie Seminare des privaten „Instituts für Sport und Tourismus“. Aus ganz Deutschland reisten die Teilnehmer ins Rheinland. Mareike Goetz kam aus Regensburg, wo sie freiberuflich als Referentin für das Naturkundemuseum arbeitete.

„Eine feste Stelle zu bekommen war sehr schwer“, sagt Goetz, die ihr Biologie-Studium in Berlin abgeschlossen hat. Zusammen mit einer befreundeten Sportlehrerin machte sie sich deshalb im Jahr 2006 neben ihrem Job selbstständig. Seitdem bietet sie betriebliches Gesundheitstraining an, vertreibt mit ihrer Freundin ein hierzulande bisher unbekanntes Spielgerät: den brasilianischen „Spiriball“. „Es ist ein einfaches Spiel mit Stange, Seil und Ball, bei dem der Kreislauf angeregt wird“, erklärt Goetz. Um das Spielgerät den Betrieben besser anbieten zu können, wollte sich die Biologin mehr Hintergrundwissen aneignen. „Mir war wichtig, dass die Weiterbildung praxisorientiert ist und ich mir die wichtigsten Grundlagen schnell lernen kann“, sagt Goetz. Dass sie keine festen Arbeitszeiten hat, war dabei von großem Vorteil. In ihrer Firma und bei ihrer freiberuflichen Tätigkeit in der Umweltbildung konnte sie sich die Zeit selbst einteilen. „Jeder hat eine bestimmte Tageszeit, zu der er besonders gut lernen und sich konzentrieren kann. Ich konnte vormittags bei der Arbeit schnell mal eine Stunde einschieben und lernen“, erzählt sie. „Das ist bei einer festen Anstellung natürlich nicht möglich.“ Etwa sechs Stunden pro Woche saß Goetz vor ihren Studienbriefen, zusätzlich zu den Wochenend-Seminaren.

Für die Weiterbildung musste die Biologin Geld locker machen: Über 3000 Euro kostete der Lehrgang. Die Kurse finanzierte sie durch ihren Job beim Naturkundemuseum, außerdem halfen die Eltern aus. Die Ex-Berlinerin glaubt, dass sich die Investition von Zeit und Geld gelohnt hat. Allerdings würde sie nicht jedem dazu raten, eine solche Anstrengung auf sich zu nehmen: „Manche denken, sie gehen ohnehin so gern ins Fitnessstudio, damit können sie doch gleich etwas berufliches daraus machen. Doch wenn man nicht vorher schon genau weiß, was man mit der Zusatzausbildung anfangen will, steht man danach eventuell wieder vor ähnlichen Schwierigkeiten wie vorher.“ Anne Meyer

YILMAZ PEHLIVAN: WEITERBILDUNG MIT HILFE VOM CHEF

Vor vier Jahren dachte Yilmaz Pehlivan noch, er würde bald arbeitslos sein. Damals bediente er als ungelernte Kraft Maschinen bei der Firma Osram. Den zuletzt eingestellten und ledigen Mitarbeitern droht die Entlassung, hieß es plötzlich. Beides traf damals auf Pehlivan zu. Doch Betriebsrat und Geschäftsleitung handelten schließlich einen Sozialplan aus und der 33-jährige Charlottenburger bekam ein Angebot. Pehlivan konnte eine betriebliche Weiterbildung zum Mechatroniker zu machen, finanziert von Osram und dem Arbeitsamt. Er zögerte keinen Augenblick: „Wenn ich schon gehen musste, dann wenigstens qualifiziert“, dachte er sich damals. „Heute kann ich sagen: Etwas Besseres hätte nicht passieren können.“ Wegen des Lehrgangs arbeitet er inzwischen wieder bei Osram, obwohl seine Wiedereinstellung keineswegs gesichert war. Und als qualifizierter Mitarbeiter verdient er auch noch wesentlich mehr als zuvor.

Eine Ausbildung zum Mechatroniker dauert normalerweise dreieinhalb Jahre, aber Pehlivan und einige seiner Kollegen von Osram mussten es in zwei Jahren schaffen. Sie lernten Mathematik, Elektrik und Physik und absolvierten mehrere Praktika im Betrieb. „Zum Glück hatte ich schon ein paar Grundkenntnisse aus meiner früheren Arbeit als KfZ-Mechaniker“, so Pehlivan. Trotzdem waren die zwei Jahre sehr arbeitsreich. Um den Lernstoff bewältigen zu können und die Prüfungen zu bestehen, lernte er vier bis fünf Stunden pro Woche, zusätzlich zur Schule und diversen Praktika. Manchmal lernte er auch mehr, wenn eine Klausur bevorstand. Dann traf er sich am Wochenende mit seinen Mitschülern. Sie bildeten Lerngruppen, in denen sich jeder auf ein bestimmtes Fachgebiet konzentrierte. Anschließend erklärten sie sich den Stoff gegenseitig.

Für seine neue Freundin, mit der er inzwischen verheiratet ist, blieb wenig Zeit. Auch Freunde traf er selten. Doch für Pehlivan überwog der Nutzen des Lehrgangs. Sich mit Gelegenheitsjobs herumzuschlagen und kaum Geld in der Tasche zu haben: Diese schwierigen Zeiten, glaubt er, sind nun vorbei. „Mechatroniker ist ein gefragter Beruf, und falls es mal hart auf hart kommt und ich doch entlassen werde, habe ich auch in anderen Betrieben bessere Chancen.“ Im Großen und Ganzen machte ihm die Weiterbildung Spaß. „Es war sehr abwechslungsreich und die Betreuung durch die Dozenten war sehr gut. Die haben sich richtig Mühe gegeben.“

Dass eine vom Arbeitsamt mitfinanzierte Weiterbildung nicht immer so gut läuft, sieht er bei seiner Frau, die sich zur Kauffrau im Gesundheitswesen umschulen lässt. Ihren früheren Beruf als Hotelfachfrau musste sie aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. „Bei ihr ist es eine Katastrophe. Sie musste ein viermonatiges Praktikum machen, ohne dass sich jemand ihre Arbeit angeguckt hat. Bei dieser Weiterbildung ist jeder seinem Schicksal überlassen“, sagt Pehlivan. „Bei mir war das zum Glück anders.“ Anne Meyer

HASIM ISPIROGLU: AUSZEIT FÜR DIE MEISTERPRÜFUNG

Wenn Hasim Ispiroglu von seinem Berufsweg erzählt, klingt es nach einer Geschichte aus längst vergangenen Zeiten: Nach dem Hauptschulabschluss bekam er 1999 eine Lehrstelle als Elektrotechniker im oberbayerischen Stahlwerk Annahütte, wo auch sein Vater arbeitet. Nach der Lehre wurde er übernommen und lieferte als Geselle stets „zuverlässige und saubere Arbeit ab“, wie er sagt.

Doch Ispiroglu hatte Größeres vor: „Schon am zweiten Lehrtag habe ich gefragt, wie die Ausbildung zum Meister abläuft. Die müssen gedacht haben, ich bin größenwahnsinnig“, sagt der heute 24-jährige lachend. Jahre später bot ihm die Annahütte tatsächlich eine Teilzeitstelle an, damit er parallel die Meisterschule besuchen konnte. Ispiroglu aber wollte sich lieber voll auf eine Sache konzentrieren: „Den Meister macht man nicht ’mal ebenso’. Und es wäre doch ärgerlich, die Prüfung zu verbocken.“

Deshalb bat er seinen Arbeitgeber um ein zehnmonatiges „Sabbatical“, eine unbezahlte Auszeit vom Job. Jetzt drückt er jeden Tag von 8 bis 16.30 Uhr in Regensburg die Schulbank. Danach paukt er noch mal drei Stunden den Lernstoff durch. Ferien gibt es nicht, frei hat er nur am Wochenende. Dann setzt er sich ins Auto und fährt nach Hause. Zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt von Regensburg nach Ainring in der Nähe von Bad Reichenhall, wo seine Familie lebt.

Anders als etwa in Dänemark oder Finnland ist es in deutschen Betrieben eher ungewöhnlich, dass sich Angestellte – bei garantiertem Wiedereinstieg – längere Zeit vom Job freistellen lassen. Das gilt auch für so genannte Zeitkonten, mit denen man über Jahre hinweg Überstunden oder Lohnzusatzleistungen ansparen und später ohne Gehaltseinbußen „abbummeln“ kann. Philip Wotschak, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, vermutet: „Ein wesentliches Problem ist die hier vorherrschende Präsenzkultur. Man glaubt, nur wer immer und lange im Büro sitzt, macht auch einen guten Job“.

Dabei nutzen viele die gewonnene Zeit nicht zum Faulenzen, sondern zur Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen. Weiterbildungen während des Sabbaticals sind bislang selten. Oft wissen auch die Personalabteilungen nichts davon – schließlich muss der Angestellte seiner Firma nicht sagen, wie er die Zeit nutzt.

Hasim Ispiroglu war seinem Arbeitgeber gegenüber jedoch ganz offen. Sein Meister unterstützte den Wunsch und hatte gegenüber der Personalabteilung ein einfaches, aber gutes Argument: Ein zuverlässiger Arbeitnehmer könnte in den Betrieb zurückkehren und trotz höherer Qualifikation für einen Gesellenlohn arbeiten.

Dabei investiert Ispiroglu selbst eine große Summe in seine Weiterbildung: Rund 29 000 Euro kommen für Miete, Schulgebühren und Verdienstausfall zusammen. Seinen Lebensunterhalt bestreitet er aus Ersparnissen, auch seine Eltern helfen ihm aus. Zusätzlich bekommt er staatliche Unterstützung nach dem Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz (AFBG), auch bekannt als „Meister-BAföG“: 52 Euro erhält er als Zuschuss für die Miete, ebenso wie rund 30 Prozent der Schul- und Prüfungsgebühren. Für die verbleibenden 70 Prozent gibt es ein zinsgünstiges Bankdarlehen.

Hätte er die Ausbildung auch gemacht, wenn die Annahütte ihm die Rückkehrgarantie verweigert hätte? „Ja“, sagt Ispiroglu. „Bisher brauchte ich mir keine Sorgen um meinen Job zu machen. Aber das ändert sich vielleicht in zehn Jahren. Dann könnte mir der Abschluss die berufliche Zukunft sichern.“ Selina Byfield

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