Seminare : Besser streiten

Dauerclinch im Büro macht das Arbeiten oft unerträglich. In Seminaren lernt man, mit Konflikten richtig umzugehen.

Maria Marquart

Ständig klingelt das Telefon, das E-Mailpostfach quillt über und zu allem Überfluss unterhalten sich die Kollegen während ihrer Kaffeepause so laut, dass es kaum möglich ist, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Ein falscher Blick, und schon fallen böse Worte. Solche oder ähnliche Situationen erleben viele Berufstätige. Manche so oft, dass sie schließlich in einem Kurs wie dem von Jürgen Siebers sitzen. „Ich kann so nicht weitermachen“, bringt der Konfliktmanager die Stimmung vieler seiner Seminarteilnehmer auf den Punkt.

Seit 15 Jahren hilft Siebers dabei, Konflikte mit Kollegen und Vorgesetzten zu lösen oder gar nicht erst entstehen zu lassen. In seinen Kursen ist erst einmal Theorie angesagt. Was sind eigentlich Konflikte? Welche Ursachen haben sie und welche Lösungsansätze gibt es? Am zweiten Seminartag folgt die Praxis: In Rollenspielen versetzen sich die Teilnehmer in Konfliktsituationen und müssen selber Streit schlichten. Anschließend werden die auf Video mitgeschnittenen Szenen ausgewertet.

„Solche Übungen bewirken oft einen Aha-Effekt“, sagt Sabine Hufschmidt. Die Anwältin und Mediatorin bietet ebenfalls Konfliktmanagement-Seminare an, etwa über die Berliner Industrie- und Handelskammer. Oft habe sie eine bunte Mischung aus Führungskräften und Angestellten vor sich, erzählt sie. Dann bekämen Chefs plötzlich Einblicke in die Situation von Mitarbeitern und umgekehrt. Und es gebe einen Austausch von Denk- und Sichtweisen.

„Wichtig ist, aus der Ich-Position heraus zu sprechen, seine Gründe zu erläutern und dem Gegenüber keine Vorwürfe zu machen“, erklärt die Konfliktberaterin die Grundsätze für eine Aussprache. Etwa: „Ich verstehe, wenn Ihr Euch in der Pause unterhalten wollt. Aber ich muss mich gerade konzentrieren. Könntet Ihr bitte in die Küche gehen?“ Für schlechte Stimmung sorgt oft auch Büroklatsch. Werden vertrauliche Dinge weitererzählt, sollte man ebenfalls nicht mit Vorwürfen vorpreschen, sondern vom „was“ zum „warum“ argumentieren, meint die Mediatorin. Etwa: „Ich wollte, dass das vertraulich bleibt, weil...“.

Bekommen sich Dritte im Büro lautstark in die Haare, ist Courage gefragt. „Natürlich würde es zum Betriebsklima beitragen, wenn in solchen Situationen jemand eingreift“, meint Sabine Hufschmidt. Wichtig sei dann aber Neutralität. So könne man den Streithähnen vorschlagen, in einen ruhigen Raum mitzukommen und erst mal zu erzählen, worum es überhaupt geht.

„Man sollte Menschen nicht zu einer Lösung drängen, sondern ihnen helfen, sie selbst zu finden“, fasst Unternehmensberater Frank Lewandowski zusammen, was er in Hufschmidts Seminar gelernt hat. Bei seiner Arbeit als Vertriebsberater erlebt der 51-jährige immer wieder, wie Konflikte zwischen Mitarbeitern hochkochen. Hier, aber auch in vielen anderen Lebenslagen, sieht der Berliner sein Mediationswissen als hilfreiches Werkzeug an.

„Ursache für Konflikte sind oft unterschiedliche Wertvorstellung, aber auch unterschiedliche Arten der Kommunikation“, meint Sabine Schröder vom Seminaranbieter dwp. In ihren Kursen versucht sie, den Teilnehmern ein eigenes Konfliktverhalten anzutrainieren. „Ich bin eigentlich jemand, der flüchtet, wenn es kracht“, erzählt zum Beispiel Kai Radtke, der als selbstständiger Coach Führungskräfte berät. Bei Sabine Schröder habe er eine Anleitung erhalten, wie man Konfliktparteien wieder in Verbindung bringt. Auch die Erfahrungen anderer Teilnehmer hätten ihm neue Perspektiven eröffnet und vieles relativiert.

Für den Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Andreas Bergknapp bringen Kurse allein allerdings selten den gewünschten Effekt. „Bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz brechen die Probleme dann wieder auf“, sagt Bergknapp. Stattdessen plädiert er für ein generelles Umdenken im Unternehmen. Sein Institut für Coaching und Organisationsberatung in Augsburg berät Firmen bei Veränderungsprozessen, etwa im Bereich der Unternehmenskultur. „Wir geben Hilfe zur Selbsthilfe, damit klar wird, wo es im System knirscht“, sagt er.

Dass manchmal auch schon kleine Schritte helfen, um Streitigkeiten beizulegen, weiß Arbeitssoziologin Stephanie Porschen, die sich mit Kommunikation und Kooperation in Unternehmen beschäftigt. „In einer Firma gab es zum Beispiel Abspracheprobleme zwischen der Zentrale und dem Produktionsstandort“, berichtet sie. „Ansprechpartner verfehlten sich ständig am Telefon, es gab Verzögerungen und hagelte gegenseitige Vorwürfe.“ Die Lösung war ein Austauschprogramm: Mitarbeiter arbeiteten für einige Zeit am jeweils anderen Standort und lernten dort die Abläufe kennen. „So bekamen sie ein Gefühl dafür, wie die Kollegen ticken“, erzählt Porschen. Ähnlich sei es in einem großen Chemie-Unternehmen gelaufen, in dem es wegen neuer Anschaffungen Konflikte zwischen Produktion und Einkaufsabteilung gab: Dort machte sich ein kaufmännischer Mitarbeiter mit einem Kollegen aus der Produktion auf den Weg durchs Werk und ließ sich erklären, warum bestimmte Anlagen gebraucht werden.

Trainer Jürgen Siebers ist ohnehin davon überzeugt, dass in Konflikten auch Chancen liegen. Denn sie zeigten, dass Veränderungen möglich seien und man nach einem erfolgreich geschlichteten Streit wieder gut zusammenarbeiten könne. Siebers warnt aber auch davor, sich unrealistische Ziele zu setzen: „Oft wollen die Menschen, dass etwas völlig Neues entsteht. Dabei kann es schon reichen, ein Bier miteinander zu trinken.“

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