Seminare : Bloß keinen Stress

Jeder achte Beschäftigte leidet unter psychischen Beschwerden. Seminare können helfen.

Günter Bartsch
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Arbeiten – und abschalten. Anti-Stress-Kurse werden oft von Arbeitgebern oder Krankenkassen bezahlt. Fotos: Kitty Kleist-Heinrich,...dpa/gms

Stress, Depressionen, Angst. Jeder achte Beschäftigte in Deutschland leidet unter arbeitsbedingten psychischen Gesundheitsbeschwerden, so das Ergebnis einer EU-Umfrage. Nicht immer ist dabei ein Gang zum Psychotherapeuten notwendig. Früh erkannt, lassen sich solche Belastungen lindern – zum Beispiel mit Anti-Stress-Seminaren von Krankenkassen, Betrieben oder privaten Anbietern.

Nicht immer mangelt es an Hilfsmöglichkeiten zur Stressbekämpfung. Viel eher fehlt der Wille der Betroffenen, weiß Gerhard Obermayer, der bei der Siemens Betriebskrankenkasse (SBK) die Gesundheitsförderung betreut: „Viele Beschäftigte geben ungern zu, dass sie an psychischen Beschwerden leiden.“ Schwächen zeigen – das sei gerade für Führungskräfte häufig ein Problem. In diesem Fall böten sich gerade individuelle Hilfsangebote an, unter Umständen auch über die psychologische Beratungsstelle der Krankenkasse.

DIE KRANKENKASSEN

Obermayer zufolge kann es hilfreich sein, verschiedene Anti-Stress-Techniken auszuprobieren: „Nicht jeder kommt mit autogenem Training zurecht.“ Wer mehr Körperlichkeit brauche, könne es zum Beispiel mit Yoga oder progressiver Muskelrelaxation versuchen. Bei letzterer werden bestimmte Muskelgruppen gezielt angespannt und dann wieder entspannt – insgesamt soll so eine Entspannung des gesamten Körpers erreicht werden. Durch zertifizierte Kursleiter verlieren die Kurse schnell den oft vorherrschenden Anschein von Esoterik.

Viele gesetzliche Krankenkassen bieten Seminare direkt in den Betrieben oder auch unabhängig davon für Versicherte kostenfrei an. Nichtmitglieder dürfen ebenfalls teilnehmen, müssen aber mit einer Gebühr rechnen. In vielen Betrieben gibt es darüber hinaus Gesundheits-Arbeitskreise, bei denen sich unter anderem Betriebsärzte, Sozialberatungen, Krankenkassen, Personalabteilungen, Werkleitungen und der Betriebsrat austauschen. In wirtschaftlichen Krisenzeiten sind Existenzängste und deren Bekämpfung dort ein wichtiges Thema.

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten meist nur, wenn die Anti-Stress-Kurse von Ärzten, Psychologen, Pädagogen oder Sozialwissenschaftlern mit einer entsprechenden Trainingsleiterschulung angeboten werden. Bei Entspannungsseminaren sind die Kriterien weniger streng: Auch Physiotherapeuten und Heilpädagogen können für eine Behandlung aufgesucht werden, wenn sie eine Zusatzqualifikation besitzen. Verpflichtet sind die Kassen zur Übernahme der Kosten jedoch nicht, wie der GKV-Spitzenverband auf Anfrage mitteilt. Wer an einer Förderung interessiert ist, sollte sich direkt an seine Krankenkasse wenden.

DER BETRIEB

Das Verständnis der Arbeitgeber für psychische Erkrankungen sei gewachsen, so Obermayer. Jedoch sei es schwer, den Erfolg der Präventionsarbeit zu messen. Gerade dann, wenn nur ein kleiner Teil der Mitarbeiter daran teilnehme, lasse sich schwer ausmachen, welche Wirkungen dies auf Krankheits- und Arbeitsunfähigkeitszeiten hat. „Man kann nichts versprechen – aber dass es sich lohnt, ist sehr wahrscheinlich.“

Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) zum Beispiel haben darauf reagiert. Sie bieten ihren Mitarbeitern das Programm Work-Life-Balance an. Dort wird in Kleingruppen geübt, wie man Stress entgegenwirkt. Berührungsängste müsse man da nicht haben, so Unternehmenssprecher Klaus Wazlak. „Man muss sich ja dort nicht hinstellen und sagen: Ich schaffe meine Arbeit nicht mehr.“

Das Unternehmen bietet seit 2007 Kurse wie autogenes Training, Qigong und progressive Muskelentspannung an, außerdem ein Stressbewältigungsseminar – „mit sehr guten Erfahrungen“. Davon profitiere auch der Fahrgast – durch freundlichere Busfahrer. Die „heimliche Hoffnung“ der BVG sei außerdem eine Senkung des Krankenstandes, darüber gebe es aber noch keine genauen Erkenntnisse. Die Nachfrage sei gut, obwohl die meisten Kurse in der Freizeit stattfänden. „Manch knorriger Busfahrer guckt einen zwar anfangs schräg an, wenn man ihm Atemübungen empfiehlt.“ Doch viele ließen sich dann überzeugen.

In anderen Berliner Betrieben gibt es ähnliche Angebote, darunter auch Betriebssport- oder Laufgruppen. Die können ebenfalls einen Ausgleich zum Berufsalltag bringen und Stress verringern.

PRIVATE ANGEBOTE

Nicht nur Kassen und Betriebe bieten Stresstrainings an, auch private Anbieter und die Volkshochschulen haben entsprechende Angebote, die zum Teil auch von Krankenkassen gefördert werden – allerdings nur bei regelmäßiger Teilnahme. Die Kurssuche unter berlin.de/vhs bietet die Möglichkeit, nach konkreten Angeboten wie etwa Yoga zu suchen. Die Eingabe von Stichworten wie „Stress“ führt zu Kursangeboten wie zum Beispiel „Blitzentspannung für Arbeit und Alltag“. Für 15 Euro bietet ein privater Anbieter, das Zentrum für Kommunikation und Beruf, am 18. November einen Themenabend zum Burnout-Syndrom an.

In ihrem neuen Test-Spezial „Karriere“ hat die Stiftung Warentest fünf Kurse in Stressmanagement getestet. Informationen unter www.test.de/weiterbildung.

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