Sichere Wahl? : Für Gottes Lohn

Die Kirchen gehören in Berlin zu den größten Arbeitgebern. Sie zahlen zwar nicht besonders gut, bieten dafür aber sichere Jobs.

Marion Hartig

Mitte der 70er Jahre begann Matthias Hoffmann-Tauschwitz Architektur zu studieren. Doch während sich seine Kommilitonen von Bauwerken der Zeit inspirieren ließen, von Günter Behnischs olympischem Faltendach in München oder der Neuen Nationalgalerie von Ludwig Mies van der Rohe in Berlin, wälzte er Literatur über Kirchen und machte – zu einer Zeit, als es den Denkmalschutz als Studienfach noch gar nicht gab – historischen Kirchenbau zu seinem Schwerpunkt.

Die geschichtsschweren Mauern, die Glockentürme, die erhabenen Kirchenhallen – das hat ihn schon als Kind fasziniert, als er mit der Familie den Sonntagsgottesdienst besuchte. Die Faszination hat auch seinen Berufsweg bestimmt.

Gleich nach dem Studium bewarb sich der Architekt bei der Evangelischen Kirche in Berlin – und bekam eine Stelle als Sachbearbeiter beim kirchlichen Bauamt. Noch heute, 28 Jahre später, arbeitet Matthias Hoffmann-Tauschwitz dort.

Als Architekt gehört der 52-Jährige zwar eher zu den Exoten im Mitarbeiterstamm seines Arbeitgebers. Doch wer bei Kirchenangestellten nur an Pfarrer, Kirchenmusikanten und Erzieher denkt, liegt falsch. Mit zusammen mehr als 70000 Mitarbeitern gehören die evangelische Landeskirche und das Erzbistum Berlin zu den größten Unternehmen der Hauptstadtregion. Zum Vergleich: Die Deutsche Bahn beschäftigt in Berlin 18.900, Siemens 12.200 und Bayer-Schering 4340 Mitarbeiter.

Auch in der Verwaltung gibt es zahlreiche Jobchancen

Bei der Kirche kann man als Akademiker vieles werden. Theologen arbeiten als Seelsorger – oder machen an einer kirchlichen Wissenschaftseinrichtung Karriere. Psychologen, Wirtschaftswissenschaftler oder Soziologen forschen und lehren an der katholischen Hochschule für Sozialwesen in Karlshorst (KHSB) oder der Evangelischen Fachhochschule für Sozialarbeit und Fachpädagogik in Zehlendorf (EVFH). Radio- und Filmemacher produzieren Beiträge für kirchliche Rundfunkdienste, Journalisten gehen für den Evangelischen Pressedienst (EPD) oder die katholische Nachrichtenagentur (KNA) auf Recherche. Controller, Juristen, Informatiker, Archivare und sogar Förster für die Kirchenwälder gibt es bei den Kirchen.

Dazu kommt die Verwaltung. Zwar musste sie aus Sparzwängen in den vergangenen Jahren kräftig geschrumpft werden. Doch auch hier gibt es zahlreiche Jobchancen, für Buchhalter etwa, für Sekretärinnen oder Verwaltungsfachangestellte.

Das Gros der kirchlichen Arbeitgeber machen aber mit über 60.000 Mitarbeitern die Wohlfahrtsverbände, das Diakonische Werk (evangelisch) und die Caritas (katholisch) und ihre Tochtereinrichtungen aus. Sie betreiben Beratungsstellen, Sozialstationen, Kitas und Krankenhäuser, Behinderten- und Altenpflegeeinrichtungen. Allein zur Caritas des Erzbistums Berlin gehören zwölf Krankenhäuser, 75 Kitas und 32 Seniorenheime sowie 200 soziale Dienste und Beratungsstellen. „Bei uns arbeiten Psychologen und Therapeuten, Suchtberater, Krankenschwestern und Erzieher“, sagt Sprecher Thomas Gleißner. Und gerade für den wachsenden Gesundheitsbereich werden Mitarbeiter gesucht. „Mit einer Ausbildung in einem Pflegeberuf und den Kompetenzen und Ambitionen, eine Führungsposition zu übernehmen, hat man bei uns gute Chancen“, sagt er. Die katholische Einrichtung bietet entsprechende Fortbildungen an. Sehr gesucht seien auch Erzieher für Kitas und Kinderheime.

Ohne Mitgliedschaft gibt es kaum Aussicht auf eine leitende Position

Der direkte Einstieg nach der Schule ist allerdings nur in bestimmten Bereichen möglich. Für Jugendliche wird eine kaufmännische Ausbildung angeboten. Studenten können Praktika absolvieren. Das war’s, wenn man direkt für die Kirche arbeiten will. Bei den Wohlfahrtsverbänden gibt es da weit mehr Möglichkeiten. Bei der Caritas etwa kann man Altenpfleger werden, Koch oder Malerfachwerker.

Die Eintrittskarte in die Arbeitswelt der Kirche ist, wie in jedem anderen Job auch, zuerst die fachliche Qualifikation. Doch man sollte möglichst auch Mitglied der Glaubensgemeinschaft sein. In leitenden Positionen ist das Voraussetzung.

Ganz ohne christlichen Glauben kommt man aber auch sonst kaum zur Kirche. „Wir sind ein Tendenzbetrieb“, sagt der Sprecher der Evangelischen Landeskirche, Volker Jastrzembski . „Eine Identifikation mit dem Auftrag der Kirche sollte gegeben sein.“ In Ausnahmefällen, etwa wenn es in den ländlichen Regionen Brandenburgs keine kirchlichen Bewerber gibt, bei Kurzzeitbeschäftigten oder in speziellen Aufgabenbereichen wie der Migrationsberatung ist die Zugehörigkeit zur Kirche kein unbedingtes Muss. Für Matthias Hoffmann-Tauschwitz war das Bekenntnis zur Kirche kein Problem. Er engagiert sich seit eh und je in der evangelischen Gemeinde.

Wer bei der katholischen Kirche arbeitet, muss außerdem Loyalitätsverpflichtungen einhalten. „So kann ein Kirchenaustritt oder die Wiederheirat nach einer Scheidung ein Grund zur fristlosen Kündigung sein“, sagt der Kirchenexperte der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Berlin, Georg Güttner-Meyer.

Mit dem ganz großen Geld kann man bei der Evangelischen Kirche nicht rechnen

Mit der Entscheidung für die Kirche hat sich Hoffmann-Tauschwitz auch gegen einen typischen Architekten-Alltag entschieden. Das Planen und Umsetzen von Neubauten, wie er es im Studium gelernt hat, wird bei der Kirche kaum gebraucht. „85 Prozent der evangelischen Landeskirchen stehen unter Denkmalschutz“, erklärt er. Seine Aufgabe ist es, Restaurierungen an den sakralen Bauten in Auftrag zu geben und zu beaufsichtigen. „Wir achten darauf, dass mit besonderer Wertschätzung gegenüber der Substanz gearbeitet wird“, sagt er.

Die Baupläne, die er über die Jahre hin selbst entworfen hat, kann er an einer Hand abzählen: einen Turmaufsatz, die Innenraumgestaltung einer Kapelle, einige Portale. „Das war sehr erfüllend. Da konnte ich selbst kreativ werden“, sagt er.

Wer bei der Kirche beruflich vorankommen will, braucht neben dem Glauben auch viel Geduld. Die Karriereleiter ist kurz – und es kann lange dauern, bis man oben ist. Matthias Hoffmann-Tauschwitz stieg 1980 als Sachbearbeiter beim kirchlichen Bauamt ein. Dann wurde er Referent, 1995 ständiger Vertreter des Bauamtsleiters und vor vier Jahren, als sein Chef in den Ruhestand ging, stieg er zum Referatsleiter auf.

Auch mit dem ganz großen Geld kann man bei der Evangelischen Kirche nicht rechnen. „Bezahlt wird etwa so viel wie im öffentlichen Dienst“, erklärt Verdi-Experte Güttner-Meyer. Ein Uniabsolvent, der als Berufsanfänger bei der Kirche beginnt, wird in der Regel nach der Entgeltgruppe 13 bezahlt und erhält etwa 2900 Euro brutto im Monat. Führungskräfte mit Uniabschluss können, wenn sie lange genug dabei sind, bis zu 4920 Euro verdienen. Die Gehälter der katholischen Kirche liegen etwas darunter.

Für jedes Kind gibt es 100 Euro zusätzlich im Monat

Wer bei den Wohlfahrtsverbänden beschäftigt ist, schneidet schlechter ab. „Das Vergütungsniveau liegt erheblich unter dem der Mitarbeiter, die direkt für die Kirche arbeiten“, so Güttner-Meyer. Das gilt für die Diakonie-Mitarbeiter wie für die Beschäftigten der Caritas.

Doch auch, wenn man bei der Kirche keine große Karriere machen kann: Die Glaubensverbände können mit anderen Vorteilen punkten. „Wir vertreten ein christliches Wertebild“, erklärt die Sprecherin der Diakonie, Christiane Lehmacher-Dubberke. Die Kirche stehe für den Dienst an der Gemeinschaft, für sinnvolle Arbeit und Nächstenliebe. Das impliziere auch die Wertschätzung der Beschäftigten. Das Arbeitsklima sei entspannt, die Mitarbeiter in der Regel zufrieden.

Außerdem lobt sie die Familienfreundlichkeit. Um das zu belegen, muss sie kein fernes Beispiel suchen. Wenn Journalisten sie anrufen, kann es vorkommen, dass sie in ihrer Küche sitzt und – während sie Fragen zur Diakonie beantwortet – aufpasst, dass ihre zweieinhalbjährigen Zwillingssöhne nicht mit Ketchup spritzen. Zeitweise kann sie von zuhause aus arbeiten, erzählt sie.

Mitarbeiter, die direkt für die evangelische Kirche arbeiten, bekommen die Familienfreundlichkeit auch auf ihrem Konto zu spüren: Für jedes Kind gibt es 100 Euro im Monat zusätzlich und einen arbeitsfreien Tag im Jahr. Für die Mitarbeiter des Diakonischen Werkes gilt dieser Zuschlag allerdings nicht.

Auch im Bereich der Personalentwicklung ist die Kirche gut aufgestellt. In fast jedem Job und auf jeder Ebene haben Mitarbeiter bei Kirchen und Wohlfahrtsverbänden die Möglichkeit, sich weiterzubilden. „Das wird von uns gefördert“, sagt Lehmacher-Dubberke. An den geringen Aufstiegsmöglichkeiten ändert sich dadurch aber nichts.

Matthias Hoffmann-Tauschwitz hat das nie groß gestört. Er würde sich auch heute wieder für die Kirche entscheiden. „Ich habe die Bewerbung nie bereut“, sagt der Architekt. Er hat einen sicheren, abwechslungsreichen Job – und fühlt sich nach wie vor wohl in den Mauern, die Geschichte erzählen.

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