SONDERTHEMA Ingenieure und technische Berufe : Kein Job für Helden

Wer als Ingenieur oder Techniker in der Katastrophenhilfe arbeitet, muss belastbar sein – und mit seinen Emotionen gut umgehen

Rasso Knoller

Ein Erdbeben in China, ein Hurricane in der Dominikanischen Republik oder ein Erdrutsch in Pakistan – wo immer auf dieser Welt nach einer Katastrophe Hilfe gebraucht wird, sind die technischen Mitarbeiter der deutschen Hilfsorganisationen nicht weit. Doch die Nothelfer machen weder Superman noch Mutter Theresa Konkurrenz. Wolfgang Tyderle, Koordinator bei der Hilfsorganisation „Care“, verlangt vielmehr den Profi, der in seinem Beruf erfahren und zudem auch psychisch belastbar ist. Denn er „muss ein von Tod und Zerstörung geprägtes Umfeld ertragen können," so Tyderle. Der Wille zu helfen und ein gehöriges Maß an Idealismus lassen die Helfer schwierige Situationen leichter ertragen.

Das allein reicht aber nicht aus. Auch körperliche Belastbarkeit ist gefragt. Nothelfer werden nämlich häufig mit extremen klimatischen Bedingungen konfrontiert und zudem in Gebieten eingesetzt, in denen die Infrastruktur entweder von vornherein fehlt, oder durch die Katastrophe zerstört wurde.

Gesucht werden vor allem Beschäftigte aus praktischen Berufen, angefangen vom Wasserbauer bis zum Elektriker, der Fachkraft am Bau oder dem Ingenieur. Aber auch Spezialisten aus dem medizinischen Bereich – Krankenschwestern und -pfleger ebenso wie Ärzte – kommen weltweit in der Nothilfe zum Einsatz. Eine wichtige Aufgabe erfüllen Logistiker, die das Chaos managen und dafür sorgen, dass sowohl Hilfsgüter als auch Hilfsmannschaften an ihrem vorgesehenen Zielort ankommen. Für alle gilt aber: Voraussetzung für einen Einsatz als Helfer ist eine abgeschlossene Berufsausbildung. Für absolute Anfänger ist die Nothilfe der falsche Platz, um sich auszuprobieren.

Doch auch Berufstätige ohne Erfahrung in der Katastrophenhilfe müssen klein anfangen: Der Malteser Hilfsdienst bietet für katholische Hochschulabsolventen mit guten Englischkenntnissen ein einjähriges Einsteigerprogramm an, bei dem man als Projekt- oder Kommunikationsassistent eingesetzt wird. Kommunikationsassistenten arbeiten vorrangig in der Zentrale in Köln, Projektassistenten zumindest im zweiten Halbjahr ihrer Ausbildung auch in ausländischen Krisengebieten. Und bezahlt wird man auch: 850 Euro brutto pro Monat im ersten halben Jahr der Ausbildung, und 1350 Euro während der zweiten Trainingsphase.

Wer den Schulabschluss gerade hinter sich hat, kann Nothilfe auch studieren: An der Fachhochschule in Köln und an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg wird ein Bachelor-Studiengang „Rescue Engineering“ angeboten. Dieses Studium umfasst einerseits ingenieurs- und wirtschaftswissenschaftliche Fächer, wird aber durch Lehrveranstaltungen zu Themen wie Bedarfsplanung, Katastrophenschutz, Sicherheitstechnik sowie Psychologie und Sozialmedizin ergänzt. An der Uni Bonn kann man sich im Anschluss an eine abgeschlossene Universitätsausbildung zum Masterstudiengang Katastrophenmanagement einschreiben. Ebenfalls mit dem Master schließt der Aufbaustudiengang Humanitäre Hilfe an der Ruhr-Universität in Bochum ab.

Als Nothelfer sind aber nicht nur junge Leute mit oder ohne Universitätsabschluss gefragt. Die Bewerbungen älterer Fachkräfte werden hier nicht von vornherein ausgesondert. Im Gegenteil: ihre Erfahrung und Routine ist gefragt. Bei den meisten Organisationen arbeiten Teams zusammen, die gleichermaßen aus jüngeren und erfahreneren Mitarbeitern bestehen. Was vielleicht für die Jüngeren spricht, ist deren oftmals größere Flexibilität. Denn über einen Nothilfeeinsatz im Ausland wird in der Soforthilfe meist kurzfristig entschieden. Häufig lässt sich auch die Dauer der Entsendung im Vorfeld nur schwer festlegen. Viele der rekrutierten Kräfte sind allerdings nur wenige Wochen in einem Krisengebiet im Einsatz. Manche von ihnen haben sich zu regelrechten Jobhoppern entwickelt und ziehen als Helfer von einem Katastropheneinsatz zum nächsten. Andere kehren nach ihrem Einsatz im Ausland wieder in einen festen Beruf in Deutschland zurück.

Einige Fachkräfte, meist Festangestellte der Hilfsorganisationen, sind auch länger vor Ort tätig. Ihre Aufgabe ist es zum Beispiel, den Wiederaufbau zu organisieren und zu überwachen – und dafür zu sorgen, dass die Spendengelder oder staatliche Mittel zweckgemäß eingesetzt werden.

Egal, ob man als Fachmann oder als studierter Bachelor in Katastrophengebiete geschickt wird – häufig ist nach einem Einsatz nichts mehr wie davor. Die Situation, die Helfer im Einsatzgebieten vorfinden, ist mitunter so belastend, dass sie nach der Rückkehr nicht einfach zum Alltag übergehen können. Viele Helfer bei der Tsunamikatastrophe in Indonesien berichteten vom Anblick von Kinderleichen, der sich in das Gedächtnis eingebrannt habe und der sie nachts aus dem Schlaf hochschrecken lasse. Von posttraumatischen Belastungsstörungen sprechen Experten in solchen Fällen. Aber auch bei weniger dramatischen Einsätzen wird man häufig mit Leid und Elend konfrontiert. Nach psychisch belastenden Auslandseinsätzen bieten die Hilfswerke deswegen ihren heimkehrenden Spezialisten psychologische Betreuung an. Im Einzelfall kann die bereits am Flughafen unmittelbar nach der Landung beginnen – also noch bevor der zurückkehrende Nothelfer seiner Familie begegnet.

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