Studium neben dem Beruf : Von der Baustelle zum Bachelor

Berufsbegleitende Studiengänge gibt es vor allem an privaten Hochschulen. Was Berliner Bildungsträger bieten

Silke Zorn

Klaus Plaschka ist Student aus Leidenschaft. „Ich freue mich immer richtig auf meine Kurse. Da komme ich auf andere Gedanken, treffen andere Leute, vergesse den Alltag“, erzählt er mit spürbarer Begeisterung. Das ist insofern erstaunlich, weil Plaschka normalerweise zu seinen Skripten greift, wenn andere Menschen es sich vor dem Fernseher gemütlich machen oder ein spätes Frühstück im Bett genießen: Der selbstständige Ingenieur studiert Betriebswirtschaft an der Berliner Fachhochschule für Oekonomie und Management (FOM) – abends und am Wochenende.

Es sind vor allem private Bildungsträger, die ihre Studienangebote auf Berufstätige wie Klaus Plaschka ausgerichtet haben. Doch auch staatliche Hochschulen ziehen langsam nach. „Der klassische Weg ,Schule – Studium – Beruf‘ ist längst nicht mehr der einzige“, sagt Annette Mayer, Geschäftsleiterin der FOM Berlin. „Immer mehr junge Leute erkennen, dass beides gleichzeitig möglich ist: Ausbildung und Studium.“ Aber auch viele Praktiker, die direkt nach der Schule angefangen hätten zu arbeiten und einiges an Berufserfahrung mitbrächten, würden erkennen, wie wichtig ein Studiums für das berufliche Fortkommen ist. „Das wollen sie dann nachholen – und zwar ohne den Beruf aufgeben zu müssen.“

Die FOM Berlin startete vor fünfeinhalb Jahren mit gerade mal 22 Studenten. Heute sind rund 900 Hauptstädter an der privaten, staatlich anerkannten Hochschule eingeschrieben. Das Angebot reicht vom Diplom in Betriebswirtschaft über Bachelorstudiengänge in Wirtschaft, Recht oder Informatik bis hin zu Masterprogrammen, etwa in Accounting & Finance, Marketing oder Business Administration. In bundesweiten Hochschulrankings kann sich der Bildungsträger über Bestnoten freuen. „Wer Vollzeit arbeiten und trotzdem studieren möchte, ist derzeit nur an der FOM gut aufgehoben“, meint etwa die Zeitschrift „Karriere“ in ihrem Hochschulranking 2006/2007.

Dabei setzt man an den 15 deutschen Studienstandorten vor allem auf Präsenzunterricht. „Die Studierenden sollen nicht sich selbst überlassen bleiben, sondern gemeinsam lernen und sich vernetzen“, sagt Mayer. Ergänzt werden die Seminare durch Skripte und E-Learning. Das Konzept scheint aufzugehen. „Rund 80 Prozent der Teilnehmer werden in der Regelstudienzeit fertig“, berichtet die Berliner Geschäftsleiterin. Abbrecher gibt es kaum. Das hängt laut Annette Mayer aber auch damit zusammen, dass die Entscheidung für ein berufsbegleitendes Studium in der Regel gut durchdacht ist. „Wer über mehrere Jahre Zeit und Geld investiert, der zieht das meist auch durch“, berichtet sie von ihren Erfahrungen.

Studium neben dem Beruf – das geht auch ohne Abitur. Zum Beispiel an einer der rund 100 Verwaltungs- und Wirtschaftsakademien (VWA) in Deutschland. Anfang des letzten Jahrhunderts im Ruhrgebiet gegründet, sollten sie bereits damals Berufspraktikern eine Weiterbildung auf akademischem Niveau ermöglichen. Heute locken die Akademien darüber hinaus mit relativ kurzen Studienzeiten und flexiblen Abschlüssen: Schon nach vier Semestern gibt es den „Ökonom“ in einem von elf Berufsfeldern – angefangen von Finanzen über Logistik und Gesundheit bis hin zu Personalmanagement. Nach weiteren zwei Semestern kann man das Wirtschafts-Diplom als Betriebswirt erwerben. Und ganz Ehrgeizige hängen in weiteren zwei Semestern ein Bachelorstudium dran. „Dieses ,Baukastensystem ‘ hat den Vorteil, dass man sich nicht sofort für zehn, zwölf oder mehr Semester festlegen muss, sondern erst mal schauen kann, wie es mit der Doppelbelastung Studium und Beruf klappt“, sagt Wolfgang Cezanne, wissenschaftlicher Studienleiter der VWA Berlin und Professor für Volkswirtschaft an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus.

Bereits der VWA-Standardabschluss, der „Betriebswirt“, sei eine gute Qualifikation für leitende Positionen in den verschiedensten Unternehmensbereichen bis hin zur Geschäftsführung. „Auf dem Arbeitsmarkt ist der Abschluss längst unter dem Begriff ,Praktiker-Diplom‘ bekannt und wird sehr geschätzt“, berichtet Cezanne und verweist darauf, dass in vielen Stellenanzeigen ganz explizit nach „Diplom-Betriebswirten oder Betriebswirten (VWA)“ gesucht werde.

„Studieren für die berufliche Praxis“ – mit diesem Slogan wirbt die noch junge bbw Hochschule in der Hauptstadt um Berufstätige mit Uni-Ambitionen. Die vom Bildungswerk der Wirtschaft in Berlin und Brandenburg initiierte Hochschule nahm am 1. März 2007 ihren Betrieb auf – zunächst mit einem berufsbegleitenden Studiengang in Ingenieurwissenschaften mit der Spezialisierung Metall und Elektro. Der läuft inzwischen mit 40 Teilnehmern in zwei Durchgängen ziemlich gut, berichtet Jürgen Weiß, Kanzler der bbw Hochschule. Weitere berufsbegleitende Bachelorstudiengänge gibt es für die Branchen Handel, Gesundheit, Tourismus, Immobilien, Logistik und Medien. Auch an der bbw Hochschule kann man – mit entsprechender Berufserfahrung – ohne Abitur studieren. „Im Moment sind das rund die Hälfte unserer Studenten“, sagt Jürgen Weiß.

Neben den privaten scheinen auch immer mehr staatliche Hochschulen die Zielgruppe der Berufstätigen für sich zu entdecken. So bieten in Berlin zum Beispiel die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW), die Technische Fachhochschule (TFH) und die Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege verschiedene Online- und Fernstudiengänge an. Gleich drei berufsbegleitende Management-Studiengänge hat die Fachhochschule für Wirtschaft (FHW) im Angebot: General Management, Entrepreneurship und Health Care Management.

Um die richtige Studieneinrichtung zu finden, empfiehlt Wolfgang Cezanne von der VWA Berlin eine solide Vorbereitung: „Gehen Sie zu Infoveranstaltungen. Sprechen Sie mit Dozenten und Absolventen. Fragen Sie, ob man ein Schnupperstudium machen kann.“ Dann trenne sich meist schnell die Spreu vom Weizen.

„Feierabendstudent“ Klaus Plaschka jedenfalls hat den richtigen Weg für sich gefunden. Im April will er mit seiner Diplomarbeit zum Thema interkulturelles Management fertig sein. Bis es soweit ist, halten seine Geschäftspartner im gemeinsamen Planungsbüro für Bau- und Projektmanagement jeden zweiten Freitag die Stellung, damit Plaschka sich der Abschlussarbeit widmen kann. Von dem Titel als Diplom-Kaufmann verspricht sich der Ingenieur einen echten Wettbewerbsvorteil auf dem hart umkämpften Berliner Markt. „Denn der zeigt, dass man sich nicht nur mit der technischen, sondern auch mit der betriebswirtschaftlich Seite auskennt.“

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