Techniker : Umworbene Tüftler

Viele Firmen bieten gute Aufstiegschancen – und Freiraum zum Experimentieren

Katja Reimann

Einen Schraubenschlüssel? „Nein“, sagt Thomas Funke und lacht: „Ich nehme keinen Schraubenschlüssel mehr in die Hand.“ Die Zeiten, als der Ingenieur für Kraftwerkstechnik noch selbst schraubte, bohrte und vermaß, sind vorbei. Vor vielen Jahren, als Ingenieur-Assistent, da habe er das noch getan, „um ein Gefühl für die praktische Arbeit zu bekommen“, erklärt er. Heute, nach 26 Jahren Mitarbeit beim Energiekonzern Vattenfall, gibt er diese Arbeit an andere weiter. Seine Tätigkeit beschreibt der 52-Jährige so: „Ich plane, steuere und koordiniere.“

Vier Kraftwerke des Berlin-Brandenburger Stromversorgers werden von Funke geleitet, dutzende Mitarbeiter von ihm betreut. Darunter sind eine Reihe von Ingenieuren. Doch Vattenfall könnte von den studierten Fachkräften durchaus noch mehr gebrauchen.

Der deutschlandweite Technikermangel macht sich auch in Berlin bemerkbar. „Wir suchen Ingenieure, erfahrene und Neueinsteiger“, sagt die Vattenfall-Sprecherin Barbara Meifert. Solche Fachkräfte zu finden, sei über die Jahre immer schwieriger geworden. Aktuell sind in dem Unternehmen beispielsweise Elektrotechniker, Energietechniker, Maschinenbauer, Kraftwerkstechniker, Informatiker sowie Verfahrens- und Prozessleittechniker gefragt.

Dass Ingenieure heiß begehrt sind, bestätigt Sven Renkel, Sprecher des Verbandes Deutscher Ingenieure (VDI). 70000 Stellen konnten im vergangenen Jahr in Deutschland nicht besetzt werden, sagt Renkel. In anderen Gegenden Deutschlands sei der Mangel zwar größer als in Berlin. Aber auch hier sind bei der hiesige Agentur für Arbeit derzeit immerhin 74 unbesetzte Stellen gemeldet. Und auch in den nächsten Jahren dürften die Techniker auf dem Arbeitsmarkt gute Chancen haben. Der Grund, sagt Renkel, sei ein Einbruch der Studentenzahlen während der neunziger Jahre. Nun müssen sich die Unternehmen etwas einfallen lassen, um die raren Experten für sich zu interessieren.

Um die begehrten Ingenieure zu locken, wirbt Vattenfall schon unter Studenten um Praktikanten und künftige Mitarbeiter. Das Unternehmen kooperiert mit Berliner Universitäten und Fachhochschulen, schickt Ingenieure zu Vorträgen in Hörsäle und ermöglicht Studenten, ihre Diplomarbeit im Konzern zu schreiben. Wer sich dazu entschließt, beim Stromversorger anzuheuern, der kann sich dort auch regelmäßig weiterbilden. Für jeden Mitarbeiter gebe es Entwicklungspläne, auf denen Ziele und Erfolge vermerkt werden, sagt Thomas Funke. Erst kürzlich habe sich ein Kollege, ein Maschinenbauingenieur, im Abendstudium zum Wirtschaftsingenieur qualifiziert. Vattenfall hat ihn dabei unterstützt.

Auch das Technologie-Unternehmen Hella Aglaia Mobile Vision mit 120 Mitarbeitern muss sich im Wettstreit um die Ingenieure einiges einfallen lassen. Die Berliner Firma entwickelt Fahrassistenz-Systeme, die auf Kameras basieren. Um Ingenieure für sich zu gewinnen, bietet sie engagierten Mitarbeitern „eigenverantwortliches Arbeiten“ und einen „großen Spielraum“, um sich weiterzuentwickeln.

„Bei uns kann man sich schnell eine höhere Position erarbeiten“, sagt Personalmanagerin Wiebke Albrecht. Ein zusätzlicher „Köder“ sei auch der Standort Berlin. Es gebe viele Bewerber, die unbedingt in die Hauptstadt wollten, erklärt sie. Auch suche das Unternehmen studentische Mitarbeiter – die später von der Firma gern übernommen werden.

Diese Chance hat etwa Christoph Söhnel genutzt. Er schrieb seine Diplomarbeit bei Hella Aglaia und konnte anschließend gleich als Softwareentwicklungsingenieur dort bleiben. Hier entwickelt der 27-jährige studierte Informatiker nun „Spurverlassungs-Warnsysteme“ für Autos, die den Fahrer darauf aufmerksam machen, wenn er etwa den weißen Mittelstreifen überfährt. Täglich sitzt Söhnel vor dem Computer und programmiert. Glaubt er, ein gutes System gefunden zu haben, wird es in der Praxis getestet. Oft macht Söhnel das selbst. Und gerade das ist es auch, was ihm an seinem Job so gut gefällt – erst tüftelt er etwas aus, dann probiert er, ob es klappt.

Auch kleine Betriebe sind durchaus attraktiv für die Fachkräfte. Die Firma Berliner Glas in Neukölln etwa setzt auf spezifische Weiterbildungen. Das Unternehmen stellt Objektive für Zahnarztkameras oder Scanner her. Dafür brauche man ein „fundiertes Grundlagenwissen für optische Technologien“. Wer sich in diesem Bereich engagiere, habe die Gewissheit, in einer Branche mit guten Zukunftsperspektiven zu arbeiten, sagt der Leiter im Bereich Entwicklung und Fertigung opto-mechanischer Systeme, Rainer Schuhmann.

Neben einem ausfüllenden Beruf mit guten Karrierechancen versprechen die meisten Ingenieurtätigkeiten auch ein lukratives Einkommen. „Das Einstiegsgehalt für Ingenieure liegt bei 40000 Euro Brutto“, sagt VDI-Sprecher Renkel. Nach fünf bis acht Jahren Berufserfahrung könne es auf bis zu 70000 Euro pro Jahr steigen. Dass die positiven Nachrichten langsam auch zu den Schulabgängern durchsickern, zeigen die wieder steigenden Studierendenzahlen seit dem Jahr 2000. Etwa 70000 bis 80000 junge Menschen pro Jahr beginnen ein Ingenieursstudium – ungefähr die Hälfte hält bis zum Diplom durch.

Glaubt man den Experten von Kienbaum, dann ist ein sicherer Arbeitsplatz den meisten heute wichtiger als ein hohes Gehalt. Für viele Ingenieure seien Unternehmen reizvoll, die ihnen die Chance bieten, etwas zu entwickeln.

Herausforderungen jedenfalls gibt es für die Techniker genug, auch künftig. Bei Thomas Funke war es zu Beginn seiner Karriere der erste Computer auf dem Schreibtisch, inzwischen ist es der Klimawandel und das Ziel, weniger CO2 zu produzieren. Seine Neugier und die Begeisterung für Technik treiben ihn auch heute noch an – selbst nach 26 Jahren im Beruf.

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